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Die Büchsenmacherei von Frankonia: 98er und manches mehr

Hartmut-Syskowski © Markus Werner
Hartmut Syskowski
am
Freitag, 18.03.2022 - 11:37
Frankonia-vorbereitete-98er-Systeme © Hartmut Syskowski
Ausgesuchte Systeme Mauser 98er Bauart bilden die Grundlage für die seit Jahrzehnten bei Frankonia in Rottendorf gefertigten Forest-Favorit-Repetierbüchsen.

Wie wär’s mit einem Ausflug zu Frankonia? Aber nicht in die Aschheimer Filiale und auch nicht ins Hauptgeschäft in der Würzburger Innenstadt“, lautete die aufmunternde Stimme des Chefredakteurs im Telefonhörer. „Endlich“, erwiderte ich prompt, handelte es sich dann wohl um die Frankonia-Büchsenmacherei in Rottendorf bei Würzburg: „Darauf warte ich schon seit 40 Jahren!“ „Wieso?“ „Hab doch mal erzählt, wie meine jagdlich eingefärbten Schulfreunde und ich in den 1970ern alljährlich dem neuen Frankonia-Katalog entgegenfieberten, ihn fast auswendig lernten, um uns mit Fachwissen zu übertrumpfen.“

„Verstehe, dass da später als erste Büchse nur ein Frankonia Favorit-98er zur Debatte stand.“ „Genau. Den nahm ich im Spätsommer 1981 in der Randersackerer Str. 3 - 5 in Würzburg entgegen. Meinem spontanen Wunsch, die ebenfalls noch innerstädtisch gelegene ,Geburtsstätte‘ meiner Büchse zu besichtigen, wurde freilich nicht stattgegeben.“

Mein Jugendtraum würde sich nicht 1:1 erfüllen, schließlich ist die Frankonia-eigene Büchsenmacherei um 1993 nach Rottendorf umgesiedelt worden.

Solide Ausbildung war bei Frankonia schon immer Trumpf

Exklusiver Reparaturservice: Frankonia ist seit vielen Jahrzehnten für Merkel ein verlässliches Bindeglied zu den Endkunden.

Vierzig Jahre nach meinem Gewehrkauf, östlich von Würzburg in einem Gewerbegebiet. Stefan Geißler, Frankonia-Prokurist, empfängt mich am Pförtnerhaus des Frankonia-Lagers. Reger Lkw-Verkehr herrscht vor den großen Lagerhallen. Wir durchschreiten irgendwo einen kleinen Eingang, nehmen diverse Treppen und befinden uns bald in einer ganz anderen Welt. Bei hellem Tageslicht und zusätzlicher Beleuchtung sind etliche Büchsenmacher an ihren Werkbänken beschäftigt. „Insgesamt sechs Meister, acht Gesellen und zwei Waffenmechaniker“, erfahre ich. Gerade klärt einer der Meister einen jungen Kollegen über Feinheiten beim Montieren eines Zielfernrohrs auf. An einem anderen Tisch befasst sich eine Büchsenmacherin soeben mit einem Luftgewehr.

Zahlreiche Kunden-Gebrauchtwaffen in einem Rechen scheinen Reparaturaufträge zu sein. Unübersehbar prangen hoch oben an den Wänden gerahmte Mitarbeiter-Porträts: allesamt Bundes- und Kammersieger in der Büchsenmacher-Ausbildung, was sich Frankonia seit Jahrzehnten auf seine Fahnen schreiben darf. Die solide Ausbildung von der Pike auf und die freudige Pflichterfüllung aufgrund sichtlicher Wertschätzung durch den Arbeitgeber bilden die eine Säule hochqualitativer Produkte und Dienstleistungen.

Modernste Technik tut dann noch ihr Übriges

Auch Büchsenmacherinnen sind selbstverständlich bei Frankonia beschäftigt – und das längst „nicht nur“ mit Luftdruckwaffen.

Die andere sinnbildliche Säule bekomme ich in einem weiteren Raum zu sehen: Auch hier kann man erst recht sprichwörtlich vom Fußboden essen. Ein hochmoderner Maschinenpark ermöglicht verschiedenste Schritte hochpräziser Metallverarbeitung. An einer CNC-gesteuerten Fräse erhält gerade ein Büchsenlauf ein Mündungsgewinde für Schalldämpfer. Das geschieht – auch nachträglich – in Abstimmung mit dem Laufdurchmesser und Kaliber.

Die Preise fangen bei rund 300 Euro inklusive Beschuss an. Auch eine computergesteuerte Maschine für Lasergravuren gibt es: Hier kann man z.B. Messerklingen oder Pistolengriffkäppchen et cetera je nach Flächengröße mit Initialen, Schriftzügen oder Logos versehen lassen. So wird aus einem Jagdmesser ein persönliches Erinnerungsgeschenk.

Wieder in der Haupthalle, geht es endlich um das Thema der bei Frankonia gefertigten Repetierer. Blättert man in alten Frankonia-Hauptkatalogen aus den anfänglichen 1980er Jahren, findet man unter dem hauseigenen Markennamen „Favorit“ um die sechs Repetierbüchsenmodelle/ -varianten auf Basis des Mauser 98er Systems. Damals fertigte eine achtköpfige Büchsenmacher-Abteilung jährlich um die 2.500 bis 3.000 Favorit-Repetierer. Davon gingen viele in den Export. Ende der 1990er Jahre wurde die Produktion ausgelagert, 2011 aber zurückgeholt.

Inzwischen hat man vor den Modellnamen noch den hauseigenen Überbegriff „Forest“ gesetzt. Heute verlassen um die 100 Forest-Favorit-Büchsen jährlich die Werkstatt. Nach wie vor gibt es in Jägerkreisen überzeugte Anhänger des hochrobusten und dank Schlagbolzensicherung verlässlichen Mauser 98er Systems.

Auf ihren hochmodernen Maschinenparkraum, in dem verschiedenste Arbeitsschritte hochpräzise vollzogen werden, sind die Frankonia-Mitarbeiter besonders stolz.

CNC-gesteuerte Fräse: Ein Favorit-Büchsenlauf wird mit einem Mündungsgewinde zur Schalldämpferbefestigung versehen.

Die Frankonia-Büchsenmacher haben sich auf die veränderten Kundenwünsche eingestellt – Zauberwort „Diversifikation“: Zirka ein Dutzend Forest-Favorit-Modelle stehen nun zur Auswahl (UVP ab 1.749 €). Die reichen von einer schlichten Grundausstattung bis zur Büchse für Durchgeschützen mit orangefarbenem Kunststoffschaft und Overbarrel-Schalldämpfer. Sogar nicht schießfähige „Schnittmodelle“ für Lehrzwecke oder aus Sammlergründen sind machbar.

Man konzentriert sich auf gängige schalenwildtaugliche Kaliber, die ins Normalsystem passen: von der 7 x 64 bis zur 9,3 x 62 wie auch von der .270 Win. bis zur .300 Win. Mag. Nach wie vor gelingt es Frankonia, Ordonnanzwaffen mit Systemen Mauser 98er Bauart in hinlänglicher Stückzahl meist aus osteuropäischen Arsenalen zu erwerben, um dann das System als Herzstück in neuen Favorit-Büchsen einzubauen. Dabei kommen ausschließlich Systeme zur Auswahl, die in puncto Zustand und sicherer Funktionsfähigkeit tadellos sind.

Für Freunde schmucker Originalwappen

Ob Initiale, Namen oder Widmungen: Die Lasergravurmaschine beschriftet längst nicht nur Klingen oder Pistolgriffplättchen.

In der Regel werden etwaige auf dem Hülsenkopf befindliche Hoheitszeichen der früheren Auftraggeber wegpoliert, zumal sie großenteils unter einer dort aufgesetzten Zielfernrohrmontagebasis (oder verankerten Picatinnyschiene) verschwinden würden. Kunden, die ein nostalgische Flair – wie bei südamerikanischen „Kontraktwaffen“ mit besonders schmucken Wappen – lieben, können aber ein diesbezüglich unberührtes System bestellen, sofern am Lager (Das bedingt aber einen Mehraufwand durch die Platzierung der vorderen Zielfernrohrmontagebasis im Laufbereich und einen großen Objektivring).

Nach Kundenwunsch sind unterschiedliche Holz- oder Kunststoffschäfte, Laufstähle, und -längen, offene Drückjagd-/ Visierungen, Abzugsarten, seitliche Sicherungen, Zielfernrohrmontagen und Schalldämpfer machbar. Wer sich als Jung-/ Jäger nicht ganz schlüssig ist, kann unter den verschiedenen Modellen auf frankonia.de oder im Hauptkatalog das für seine Belange passendste wählen. Oder man erteilt einen maßgeschneiderten Auftrag nach eingehender Fachberatung in einer Frankonia-Filiale.

Heiß und ätzend: Die Arbeit an der Tauchbrüniermaschine erfordert trotz modernster Technik große Achtsamkeit.

Doch nicht nur die Produktion der eigenen Repetierer, auch bei Frankonia getunte FFW-Sportpistolen in 9 mm Luger kommen gut an, im Schnitt verlassen 500 bis 700 jährlich die Werkstatt, es waren sogar schon mal 980. „Ab in den Keller“, lautet das Kommando. Mit unverkennbarem Stolz führt uns Stefan Geißler abwärts. Zunächst – und das ist des Rätsels Lösung – geht es in eine Kellerhalle zur großen Tauchbrünieranlage. Sie ist auf neuestem technischen Stand und wird keineswegs nur im Rahmen der eigenen Waffenfertigung oder -restaurierung genutzt.

Auch externe Büchsenmacher und metallverarbeitende beziehungsweise -veredelnde Betriebe nutzen sie als Auftraggeber gern. „Fast wie in einer Fritteuse“, kommt es mir in den Sinn, es werden allerdings soeben überdimensionierte Körbe mit Repetierbüchsenläufen in das heiße Brünierbad per Motorwinde abgetaucht. Gelbe Warnschilder weisen auf die Gefahren einer drohenden Verätzungsmöglichkeit hin.

Die jungen Mitarbeiter wirken hochkonzentriert und tragen Schutzkleidung. Selbst die mit dicken Gummihandschuhen geschützten Hände werden schnell unterm Wasserkran abgewaschen, besteht auch nur der Verdacht, ein paar Säurespritzer wären übergesprungen.

Auf mehreren unterirdischen Bahnen werden Waffen ein- bzw. probegeschossen, bevor sie Frankonia verlassen.

Da ist mir der unterirdische Schießstand mit mehreren 100-m-Bahnen doch lieber. Ich muss mir die Augen reiben. Wie mir scheinen will, hat man beim seinerzeitigen Umzug das Interieur wohl alles mitgenommen. Ob Anschusstisch oder der Lärmschutz, ja sogar die belederten 40 x 60-Scheibenfernrohre von Hensoldt – alles wirkt wie auf den Fotos der alten Jahreskataloge aus meiner Jugendzeit.

Die gegenüberliegenden Wände sind mit Regalen voller Patronen verschiedenster Kaliber in unterschiedlichen Laborierungen bestückt. Da haben die professionellen Einschießer wahrlich nicht unter Leerlauf zu leiden. Dennoch finden sie Zeit, sich mit mir über unterschiedliche Auflagen und Anschlagseigenheiten auszutauschen. Auch kann ich endlich ein Loblied auf meinen eigenen Frankonia Favorit de Luxe 98er anbringen. Auf Sandsackauflagen vorn/hinten habe ich mit ihm mal in ruhiger Folge auf einer 300-m-Bahn einen lediglich bierdeckelgroßen Zehn-Schuss-Streukreis erzielt.

Servicewerkstatt eigens für Merkel

Gegen Ende des Rundgangs verweise ich noch auf eine eigens beschriftete Tür. Seit den 1950ern importierte Frankonia im großem Stil Suhler Jagdwaffen der Marken Simson und Gebr. Merkel. Noch heute besteht ein gutes Vertrauensverhältnis zwischen Merkel Jagd- und Sportwaffen und Frankonia: In einem separaten Werkstattbereich vollzieht die Frankonia-Büchsenmacherei an Merkel-Waffen Reparatur- und Serviceaufträge. Die Suhler konzentrieren sich auf ihre Neuwaffenfertigung.Als wir auf unserem Rundgang im Merkel-Raum landen, inspiziert gerade ein Büchsenmacher eine RX.Helix samt Schalldämpfer.

Der Rundgang mit seinen überreichen Eindrücken neigt sich dem Ende zu. Stefan Geißler ergänzt noch, dass in den Frankonia-Filialen weitere acht Büchsenmachermeister und 16 Gesellen tätig wären, um z.B. Reparaturen an Kundenwaffen zeitnah durchführen zu können. Im Anblick all der Forest-Favorit-Büchsen sind meine Gedanken inzwischen zu meiner eigenen Favorit de Luxe abgeglitten. In 40 Jahren hat mich meine „stählerne Braut“ nie im Stich gelassen und mir unter Sonnenglut und bei Eiseskälte stets aufs Neue verlässlich Beute geschenkt.

Als ich unversehens den Schlusschor „Ehrt Eure deutschen Meister, dann habt Ihr gute Geister“ aus Wagners „Die Meistersinger von Nürnberg“ summe, schaut mich Stefan Geißler schmunzelnd an. Mein Eingeständnis mündet in einem fränkischen Plädoyer: „Ja, auch die von Frankonia in Rottendorf zählen ganz gewiss dazu!“ Pardon: Klingt vielleicht kitschig – es ist aber doch so …


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