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Eine Bronze-Skulptur entsteht

Rauhhaarteckel-Bronze: Auch der rauen Decke des Hundes wird Gabriele Haslinger in ihrer persönlichen Handschrift gerecht. Foto: Wolfram Martin © Martin Wolfram

Das Wachsausschmelzverfahren ist das wohl älteste Verfahren, das schon die alten Ägypter und Griechen anwandten. Hat ein Künstler sein Modell in Wachs, Gips, Holz, Ton et cetera fertig, liefert er sein Urmodell in der Kunstgießerei ab. Zunächst wird das Urmodell je zur Hälfte in eine Gips-Blindform gebettet. Um das Modell wird also eine Gipsstützschale gefertigt, die das Modell mit der späteren Silikon- oder Gelantineform zusammenhält.
Zwischen Gips und späterem Aufguss kommt eine dünne Schicht Lack, damit sich das Silikon oder die Gelantine später wieder ablösen lässt. In die Gipsschalen werden Einguss-, Überlauf- und Entlüftungsstutzen eingearbeitet, ferner Halterungsstifte und Klammern angebracht. Dann wird das Originalmodell mit flüssiger Gelantine (oder Silikon) umgossen und nach etwa einem Tag hat man nach Abnehmen der Gipsschalen zwei fertige, feinstrukturierte Gelantine-Abdrücke.
Mit den beiden fixierten und verklammerten Gipshälften gelangt Diese Negativform (ohne das Originalmodell) in die Feingußabteilung. Dort werden die beiden Gelatinehälften zuerst mit einer sehr dünnen, dann etwa mehrere Millimeter starken Wachsschicht ausgegossen. Die Stärke der Wachsschicht entspricht der späteren Wandstärke des Gussstücks. Nun werden beide Hälften mit den GipsStützschalen wieder zusammengeklammert und in diese Hohlform (außen Gips, dann Gelantine, dann Wachs) ein keramischer Kern gegossen. Nach dessen Erkaltung kann die Gipsschale abgenommen werden, und die elastische Gelantine gibt das umgesetzte positive Wachsmodell frei.
Dieses Wachsmodell wird nun noch einmal vom Künstler selbst in der Retuschierabteilung überarbeitet. Die Retusche entscheidet darüber, ob die Oberfläche des Modells sehr fein, grob, glatt, einfach oder kompliziert gestaltet ist. Auch feine, verbogene, gar abgebrochene Gliedmaßen können hier noch einmal gerichtet werden. Die Retusche ist es also, die jeden Abguß zu einem Unikat werden lässt.
Das nunmehr retuschierte, fertige Wachsmodell wird zusätzlich mit Einguss- und Entlüftungskanälen – ebenfalls aus Wachs – versehen. Nun kommt es zum eigentlichen Tauchvorgang in keramischer Masse. Das Keramikbad wird sechs bis sieben mal wiederholt und nach jedem Bad etwa zwei Stunden getrocknet. So hat sich nun ein fester, harter Keramikmantel um das Wachsmodell gelegt. Die erstarrte keramische Schale wird dann in einen Brennofen gebracht, in dem bei hohen Temperaturen das Wachs ausgeschmolzen wird (Dieser Vorgang gab dem Verfahren den Namen).
Nach Abkühlung der gebrannten Form erfolgt der eigentliche Einguss der flüssigen Bronzelegierung (etwa 85 Anteile Kupfer, je fünf Anteile Zinn und Zink und etwa drei Anteile Blei) bei ungefähr 1200 °C. Ist das Metall erstarrt und genügend abgekühlt, wird die Form zerschlagen; man steht vor dem Rohguß, der irgendwie nach „Schrott“ aussieht. Mit Flexsäge und sonstigen „harten“ Werkzeugen wird grob vorziseliert, also die Kanäle und Stutzen entfernt, bevor es zur Feinarbeit in die Ziselierabteilung geht.
Durch den Metallbildner (Ziseleur) oder den Künstler werden der fast fertigen Skulptur alle metallenen Fremdteile, Unebenheiten und Unschönheiten genommen. Bei größeren Skulpturen, die in mehreren Teilen gegossen und wieder zusammengesetzt werden müssen, sind die immer vorhandenen Schweißnähte fachmännisch und sauber zu bearbeiten.
In der Patinierabteilung bekommt die Skulptur im Beisein vom Bildhauer durch den Patineur den „finalen Hauch“.
Wolfram Martin