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Bockjagd: Was hat Einfluss auf die Trophäenstärke beim Rehbock?

Crossmedia-Redakteur der dlv-Jagdmedien, verantwortet das Magazin "Bergjagd". Hat Forstwissenschaften an der TU München und Wildtierökologie an der BOKU Wien studiert. © Robin Sandfort
Martin Weber
am
Samstag, 11.04.2020 - 07:06
Starker Bock © Eike Mross
Sieht imposant aus – doch hält die Trophäe tatsächlich, was sie verspricht?

Eigentlich sind kapitale Rehgehörne nichts anderes als überschüssige Knochenmasse: Quasi ein Wohlstandsprodukt der Natur. Trotzdem fasziniert uns Jäger vielfältiges Aussehen und jährliches Wachstum immer wieder aufs Neue.

Im Hinblick auf die Färbung eines Rehgehörns existierten ursprünglich mehrere Thesen. Derzeit durchgesetzt hat sich jene, dass zwei Aspekte bzw. deren Wechselwirkung miteinander die Farbe einer Rehkrone bestimmen: Das Material, an dem verfegt worden ist und die Dichte des Gehörnknochens. Frisch verfegte Stangen sind eigentlich weißlich und aufgrund anhaftenden Schweißes leicht rötlich. Dadurch, dass sie zudem relativ rau sind, haften Stoffe – die zum Beispiel über den Fegeprozess an das Gehörn gelangen – daran sehr gut und dringen in die feinen Poren des Knochens ein. Über einen Oxidationsprozess werden die Stangen also regelrecht gebeizt.

Waldböcke, die viel an Fichten oder Erlen fegen, tendieren eher zu dunklen Stangen. Rehwild, das in einem Habitat mit viel Buchen, Weiden und/ oder Birken lebt, neigt eher zu hellen Stangen. Feldböcke wiederum fegen neben Feldgehölzen viel am Boden oder an Feldfrüchten wie zum Beispiel Raps. Obwohl auch Humus und Feldfrüchte eine färbende Rolle spielen können, ist der Kopfschmuck der Feldböcke in der Regel heller.

Die Dichte mancher Rehstangen ist so gering, dass man sie mit bloßem Auge erkennt.

Natur wäre aber nicht Natur, wenn es so einfach wäre. Neben dem Material, das das Gehörn blank werden lässt, hat nämlich auch die Dichte der Knochen ihre Finger mit im Spiel. „Schuld“ daran sind die „Havers’schen Kanäle“. Das sind röhrenförmige Ablagerung von Lamellen um Blutgefäße herum. Ferdinand von Raesfeld erklärt dies so: „Je poröser die Oberfläche einer Stange ist, und je weiter die Havers’schen Kanäle sind, desto mehr Farbstoff kann in den Gehörnknochen eindringen und desto dunkler sind die Stangen gefärbt.“

Das erklärt, warum manche Feldböcke, die eigentlich keinerlei geeignetes Fegematerial für dunkle Stangen finden, zwar mit einer dunklen Trophäe prahlen – jedoch nicht immer das halten, was sie versprechen. Im Vergleich dazu lassen helle Stangen auf viele und „ehrliche“ Gramm auf dem Haupt des Bocks hoffen. Auf die unterschiedlichen Habitate der kleinen Trughirsche umgelegt, bedeutet das etwas pauschalisiert und überspitzt ausgedrückt:

  • Nadelwaldböcke tragen in der Regel dunkle Stangen, deren Volumen auch das an Gewicht halten, was sie versprechen.
  • „Weichholzböcke“ tendieren eher zu hellen Stangen, deren Trophäengewicht auch in etwa mit deren Größe übereinstimmen.
  • Feldböcke tragen in der Regel helle, schwere Stangen. Sind die Stangen jedoch dunkel, weist das auf eine geringere Knochendichte hin. Die Trophäe ist folglich leichter, als es ihre Größe vermuten lässt.

Doch was sind die Ursachen für poröse Rehkronen? Geweihe bestehen aus 44 Prozent organischer und 56 Prozent anorganischer Substanz. Der anorganische Teil ist dabei für die Festigkeit einer Stange bzw. deren Grad der Porosität verantwortlich. Den Großteil der 56 Prozent stellen Kalzium (26 %) und Phosphorsäure (22 %). Die Versorgung des Bocks mit Kalk und Phosphor redet also ein gewaltiges Wörtchen darin mit, ob eine Stange porös ist oder eher eine hohe Dichte aufweist.

Bock_erlegt_1.JPG © Erich Marek

Bleischwerer Litauer: Das Gehörn des Sechsers brachte fast 500 Gramm auf die Waage.

Triebkraft für schwere Gehörne

Somit steht die Vermutung im Raum, dass es die Versorgung der Äsungspflanzen mit Phosphor bzw. Kalk ist, die darüber bestimmt, dass die einen Stangen poröser sind als die anderen. In der Zeit, in der Rehböcke ihr Gehörn schieben, ist die Äsung arm an Spurenelementen. Wolfgang Esser stellte 1958 einen zwei- bis dreifach höheren Anteil an Phospohor, Magnesium, Schwefel und Kalium in der Sommer- im Vergleich zur Winteräsung fest! Moorböcke sind generell prädestiniert für dunkle und poröse Stangen: Eine hohe Erlen- und Nadelholzdichte, sowie im Vergleich zu anderen Habitaten schlechte Äsung machen sie zu den Blendern per se. Doch warum gibt es auch mächtige und wildbretstarke Feldböcke, die im Hinblick auf ihr Trophäengewicht je Kubikzentimeter (cm3) Volumen den knuffigen Kontrahenten aus dem Wald deutlich unterlegen sind? Die Erklärung könnte in der landwirtschaftlichen Praxis liegen.

Kalk und Phosphor helfen Pflanzen

Landwirte bringen vor allem im Frühjahr Kalksteinmehl oder Branntkalk auf ihren Feldern aus, um einerseits der Erosion entgegenzuwirken (Kalk verbessert die Krümelstabilität der Erde, was vor allem auf ton- und schluffreichen Böden wie sie z.B. in Sachsen vorkommen, wichtig ist) und andererseits, um den pH-Wert zu erhöhen. Das wiederum kommt der Fruchtbarkeit des Bodens und der Wurzelbildung der angebauten Pflanzenkulturen zu Gute.

Für Phophor gilt Ähnliches: Auch dieses Element ist als Bauelement der DNA und des Skeletts für alle Organismen enorm wichtig. Pflanzen wachsen auf phosphorarmen Böden schlecht und weisen häufig Mangelerscheinungen auf. Durch Erosion auf den riesigen Feldern wird Phosphor jedoch häufig ausgewaschen, was eine zusätzliche Ausbringung durch den Menschen im Frühjahr notwendig macht.

Trio-Rock-Semmelgelber-Bleichi © CS

Die beiden starken Gehörne (links/Mitte) weisen annähernd dasselbe Volumen auf. Das Gehörn des Linken ist mit 605 Gramm aber gut 100 Gramm schwerer!

Phosphor und Kalzium zählen zu den sogenannten essentiellen Makronährstoffen von Pflanzen. Gekalkt wird auf Ackerböden zumeist im Herbst nach der Ernte, im Grünland zu Beginn der Vegetationsphase, also etwa Ende März. Über spezielle Transportproteine gelangen diese Nährstoffe in die Pflanze – und damit in die Äsung des Rehwilds. Müssten dann bei einer solch künstlich erhöhten Verfügbarkeit der Elemente Feldböcke eigentlich nicht immer kapitale Trophäen mit hoher Dichte schieben?

Doch, wenn sie ihren Kopfschmuck in der Vegetationsphase und nicht im Winter ausbilden würden! Die künstlich erhöhte Verfügbarkeit in den Feldpflanzen nutzen Rehe nämlich ausschließlich im Frühjahr und Sommer, wenn die Gehörne schon fertig sind. Geht es wieder gen Schiebephase, sind die relevanten Pflanzen weitestgehend verschwunden. Und gerade Phosphor gelangt laut Bubenik (1966) nur anhand eines Überschusses in das Gehörnwachstum.

Zuviel Turbo durch die Landwirtschaft?

Hinzu kommt ein weitere ergänzende These für die Entstehung poröser Gehörne: Die wichtigsten Aufbaustoffe eines Gehörns – bei den Geweihen der Hirsche verhält es sich ähnlich – sind neben den genannten Kalzium und Phosphor vor allem Kohlehydrate und Roheiweiß. Letztere sind im Gegensatz zu den abgehandelten anorganischen Makronährstoffen organisch. Das heißt, es sind eben jene Anteile des Gehörns, die nicht für dessen Festigkeit, sondern für dessen schieres Wachstum zuständig sind.

Und genau die gibt es auch im Winter auf den Feldern in überhöhtem Maße, wohingegen an die Festigkeit befeuernde Elemente Mangel herrscht. Die Stangenlänge wächst quasi der eigenen Dichte davon. Die Vermutung liegt also nahe, dass die vergleichsweise seltenen porösen und dunklen „Feld-Gehörne“ menschengemacht sind.


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