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Bockjagd im April: Welche Vorteile und Nachteile gibt es?

Helena von Hardenberg © Helena von Hardenberg
Helena von Hardenberg
am
Donnerstag, 24.03.2022 - 20:59
Rehbock im Bast © Liddy Lange - stock.adobe.com
Immer mehr Bundesländer erlauben die Rehwildbejagung ab April.

Die Freigabe von Rehböcken, Schmalrehen sowie Schmalspießern und -tieren von Rot- und Damwild ab 1. April ist ein umstrittenes Thema. Worin bestehen die jagdlichen und wildbiologischen Vor- und Nachteile der frühen Bejagung? Mathias Aßmann, Pressesprecher der Niedersächsischen Landesforsten und Wildbiologe Prof. Dr. Niko Balkenhol von der Universität Göttingen geben am Beispiel der rechtlichen Lage in Niedersachsen Antworten.

PIRSCH: Welche wildbiologischen und jagdlichen Vorteile sehen Sie in der frühen Bejagung von wiederkäuendem Schalenwild?

Mathias Aßmann: Wildbiologisch zeigt insbesondere das Rehwild bereits im April eine hohe Aktivität. Darüber hinaus ist die Vegetation in diesem Monat noch niedrig und weniger dicht, wodurch das Wild sichtbarer ist. Auch die Unterschiede zwischen Schmalreh und Ricke sowie Schmal- und Alttier sind zu dieser Jahreszeit noch eindrücklicher. Der frühe Jagdbeginn ermöglicht es außerdem spätestens ab Mitte Mai – wenn die Jagdzeit auf das wiederkäuende Schalenwild mit Ausnahme des Rehbocks endet – ein Ruheintervall anzuschließen, um dem Ruhebedürfnis des Wildes in der Setzzeit gerecht zu werden.

PIRSCH: Welchen langfristigen Erfolg versprechen Sie sich von der vorgezogenen Jagdzeit?

Mathias Aßmann: Angesichts hoher Verbissschäden, zahlreicher Neupflanzungen sowie zunehmender Naturverjüngung in den Wäldern wird es einerseits immer wichtig bleiben, Wildbestände zu regulieren. Andererseits wird es durch die nachwachsende Vegetation schwieriger, dies zu erreichen. Die Erfüllung der Abschusspläne wird durch die Vorverlegung der Jagdzeit voraussichtlich leichter und eher im Jagdjahr zu erreichen sein. Dabei bietet die Vorverlegung eine rechtliche Möglichkeit, deren Nutzung im Ermessen der einzelnen Jäger liegt. Richtig umgesetzt, nimmt dadurch die Ruhe für das Wild zu.

PIRSCH: Sollten die vorgezogenen Jagdzeiten bzw. die tatsächlich verkürzten Schonzeiten zu einem anderen Zeitpunkt als solche wieder eingefügt werden?

Prof. Dr. Niko Balkenhol: Ja, sonst ist die Vorverlegung der Jagdzeit eigentlich eine Verlängerung der Jagdzeit. Und wir haben im internationalen Vergleich schon äußerst lange Jagdzeiten. Diese sind in den vergangenen Jahrzehnten immer länger geworden. Allein mit diesem Mittel haben wir es auch nicht geschafft, dem Anwachsen vieler Bestände entgegenzuwirken. Wer aus Effizienzgründen schon früh im Jahr Strecke machen möchte, kann und sollte also zu anderen Zeiten die Jagd ruhen lassen. Im Idealfall kann man auch im Januar auf die Jagd verzichten.

PIRSCH: Welche Nachteile sehen Sie in der frühen Bejagung?

Prof. Dr. Niko Balkenhol: Wir sollten so effizient wie möglich jagen, also vor allem dann, wenn das Wild aktiv und für uns gut sichtbar ist. So gesehen ist die Jagd im zeitigen Frühjahr zu befürworten. Allerdings ist das Wild in dieser Zeit auch deshalb so aktiv, weil es nach der nahrungsarmen Zeit und mit zunehmender Tageslänge einen erhöhten Energiebedarf hat. Das macht die Tiere auch besonders empfindlich gegenüber Störungen, sodass sich Jagd auf bestimmten Flächen negativ auf die Wildverteilung und Schäden auswirken kann. Ebenfalls aus Gründen der Effizienz sollten wir so viele Altersklassen wie möglich und beide Geschlechter gleichzeitig bejagen können. Bei der Frühjahrsjagd dürfen aber nur – mit Ausnahme von mehrjährigen Rehböcken – nur einjährige Stücke erlegt werden.

PIRSCH: Welche forstlichen Probleme könnten daraus entstehen?

Prof. Dr. Niko Balkenhol: Irgendwie müssen die Tiere ihren im Frühjahr steigenden Energiebedarf decken. Können Sie dies aufgrund der Bejagung nicht auf lichten Waldflächen, Wiesen oder anderen Offenflächen tun, ziehen sie sich womöglich in dichte Bestände zurück, wo sie noch mehr Verbissschäden anrichten könnten als ohne frühe Bejagung. Darüber hinaus kann es durch permanenten Jagddruck grundsätzlich schwerer werden, das immer heimlicher werdende Schalenwild zu bejagen, um dadurch forstlichen Problemen entgegenzuwirken.

PIRSCH: Welche alternativen Jagdstrategien würden Sie vorschlagen?

Prof. Dr. Niko Balkenhol: Eine örtlich angepasste Mischung aus lokaler Schwerpunktbejagung und großflächigen, in Intervallen durchgeführten Bewegungsjagden. Hierzu zählen nicht nur Drück- und Stöberjagden, sondern auch Gemeinschaftsansitze, z.B. auf Rehe. Durch die Schwerpunktbejagung werden bestimmte Flächen für das Wild unattraktiv gemacht, z.B. forstlich oder landwirtschaftlich besonders sensible Bereiche. Durch effiziente Intervallbejagung lässt sich hingegen die nötige Strecke machen. Das alles kann aber nur funktionieren, wenn dem Wild „ungefährliche“ Flächen mit ausreichend attraktiver Äsung zu Verfügung stehen und die Ruhephasen zwischen den Bewegungsjagden ausreichend lang sind. Sonst haben wir überall und zu jeder Zeit Jagddruck auf den Flächen, können die Tiere nicht effizient bejagen und auch nicht räumlich lenken. Um Rotwildbestände tierschutzgerecht zu reduzieren, erscheinen eher Kahlwildjagden im Spätsommer als geeignetes Mittel, bei denen vor allem Kalb-Alttier-Dubletten angestrebt werden sollten.

PIRSCH: In welchen Revierstrukturen halten Sie die Bejagung ab April für sinnvoll und wo nicht?

Mathias Aßmann: Gerade in laubholzreichen Wäldern oder auf größeren Freiflächen mit üppiger Krautvegetation, die in Schwerpunkten bejagt werden, ist die Vorverlegung mit Hinblick auf die noch überschaubare Vegetationsdichte zu Beginn des Frühjahrs von Vorteil. In Revieren mit sehr geringer Rehwilddichte, in denen Rotwild die Leitwildart ist – wie z.B. in Teilen des Oberharz–, muss man dagegen prüfen, ob die Vorteile einer längeren Ruhephase zwischen Ende Januar und Anfang August gegenüber einem eventuell nur geringem Jagderfolg auf Rotwild im April/Mai überwiegen. Ist eine frühe Bejagung z. B. aufgrund des Rehwildbestandes notwendig, ist es wildbiologisch sinnvoll, das übrige zu der Zeit freigegebene Schalenwild ebenfalls erlegen zu können. Ziel muss es sein, die Störungen durch den Jagdbetrieb zu minimieren und, wo der Fokus auf verschiedenen Wildarten liegt, diese synchron zu bejagen. Grundsätzlich bieten sich mit der geänderten Jagdzeitenverordnung gute Möglichkeiten, die einzelnen Jagdzeiten zu synchronisieren, was wiederum die Intervalljagd ermöglicht und die hilft letztlich, den Jagddruck zu reduzieren. Das kommt dann am Schluss dem Wald und dem Wild zugute.

Prof. Dr. Niko Balkenhol: In geschlossenen Waldgebieten halte ich die frühe Bejagung von Rehwild und Rotwild für sinnvoll – bei Rotwild allerdings mit viel Bedacht im Sinne einer Schwerpunktbejagung, also nur in sensiblen Bereichen und unter der Voraussetzung, dass das Wild ausreichend Äsung in unbejagten Bereichen finden kann. Auf Offenflächen sollte eine frühe Bejagung aus genannten Gründen möglichst unterbleiben.

PIRSCH: Der Rehbock hat nur noch zwei Monate Schonzeit. Sehen Sie darin ein Problem?

Mathias Aßmann: Nein. Das heißt ja nicht zwangsläufig, dass der Rehbock außerhalb der Schonzeit permanent bejagt wird. Im Sinne der Synchronisation der jagdlichen Aktivität ist es z. B. richtig, den Rehbock auch im Sommer zu schonen – da zu dieser Zeit das übrige wiederkäuende Schalenwild ebenfalls geschont ist. Letztlich liegt es in der Entscheidung der einzelnen Jäger, von der Möglichkeit der Bockjagd im eigenen Ermessen Gebrauch zu machen, oder revierangepasst wirksame Ruhephasen einzulegen.


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