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Birkwild-Auswilderung fortgesetzt

Endlich frei: Besendertes Birkwild in der Rhön. Foto: A. Fromm


Insgesamt 15 Birkhähne haben Mitarbeiter der Wildland-Stiftung Bayern, der bayerischen und hessischen Biosphärenreservatsverwaltung, des Vereins Naturpark und Biosphärenreservat Rhön sowie Mitglieder und Freunde der bayerischen und hessischen Birkwilhegeringe 2011 während zweier Aufenthalte in Mittelschweden gefangen und in die Rhön transportiert.
Rund 24 Stunden dauert es, bis nach 1800 Kilometern Ljusdal in Mittelschweden erreicht ist, wo die Rhöner eine einfache Waldhütte beziehen. Mit Förster Stefan Karlsson des schwedischen Staatsforstbetriebs SVEASKOG, der die Tiere zur Verfügung stellt, verstehen sie sich bestens. Die hessische Verwaltungsstelle für das Biosphärenreservat Rhön hat ein Auto zur Verfügung gestellt, ansonsten kostet die Auswilderung von schwedischem Birkwild in der Rhön den Steuerzahler nichts. Diese Feststellung ist dem Wildland-Gebietsbetreuer für das NSG Lange Rhön, Torsten Kirchner, wichtig. Die Kosten für eine Fahrt nach Mittelschweden schätzt er auf etwa 3000 Euro. Ein Großteil der Summe muss für Kraftstoff aufgebracht werden. Getragen werden die Kosten von der Wildlandstiftung des bayerischen Jagdverbands und von Sponsoren. So hat zum Beispiel jüngst eine Würzburger Studentengruppe den Erlös ihrer Semesterfeier für diesen Zweck verwendet.
Neben dem bayerischen unterstützt auch der hessische Birkwildhegering die Aktionen. Auch für das Birkwild verlangen die schwedischen Staatsforstbetriebe nichts. Die vielen "Überstunden" der Schwedenfahrer werden unter "Idealismus" verbucht. Wenn auch die vielen Stunden ohne Schlaf sowie die einfachsten Bedingungen in der schwedischen Wildnis an den Kräften zehren, so entschädigt dafür das unvergessliche Erlebnis des Birkhuhnfangs.
Nach der Ankunft und der Anmeldung bei der Polizei heißt es am Dienstagmorgen um 2.30 Uhr aufstehen. Es ist bitterkalt. In der Waschschüssel muss erst das Eis durchschlagen werden, bevor die Katzenwäsche beginnen kann. Dann steuern die Rhöner in drei Gruppen beladen wie die Packesel mit Hühnerkisten, Werkzeug und Zelten drei Balzplätze an. Das ist mit GPS-Geräten schon nicht einfach, ohne wäre die Gefahr, sich in den unendlichen Wäldern zu verlaufen, viel zu groß. Tarnzelte werden aufgestellt. Das geschieht teils im Moor, was nasse Füße bedeutet. Das wiederum macht das nun folgende, stundenlange Ansitzen und Beobachten des Birkwilds nicht angenehmer. Doch es gibt nicht nur Birkwild zu sehen, die Rhöner hören diesmal auch einen Luchs, sehen Bärenspuren und finden einen von Wölfen gerissenen Elch.
Nach weiteren Vorbereitungen folgt wieder eine kurze Nacht. Diesmal geht es gegen drei Uhr auf die Suche nach neuen Balzplätzen. Am Mittag beginnt der Aufbau der 1,80 Meter hohen und fünfzehn Meter langen Netze. Pro Fangplatz werden in zweieinhalb Stunden 150 bis 180 Meter Netz aufgestellt, wobei eine am Boden befindliche Spannschnur aufwendig eingegraben werden muss. Dann heißt es bis gegen 23 Uhr warten, ob Birkwild ins Netz geht. Passiert das, wird das Tier vorsichtig aus dem Netz geschnitten, vermessen, gewogen und in eine Transportkiste gepackt. Wichtig für die Vögel ist Wasser. Das bekommen sie mit einer Spritze direkt in den Schnabel.
Heidelbeeren, Heidekraut und Kiefernadeln finden sich als Nahrung und Polstermaterial in der Kiste. Am nächsten Morgen müssen die Netze ab 2.30 Uhr wieder bewacht werden. Das Ergebnis der Aktion: acht gefangene Birkhähne. Nun werden noch die veterinärmedizinischen Begleitpapiere von einem schwedischen Tierarztes ausgestellt, bevor umgehend die 24-stündige Rückfahrt in die Rhön beginnt. Die Tiere sollen ja möglichst bald wieder in die Freiheit entlassen werden.
Drei Birkwildfänger bleiben mit einem Auto zurück. Es gilt, das von den schwedischen Behörden zugestandene Kontingent von jeweils 15 Birkhühnern in fünf Jahren für heuer auszuschöpfen. Nachdem Anfang April schon fünf Birkhähne in die Rhön gebracht wurden, dürfen also jetzt noch zwei gefangen werden. Das geschieht in der nächsten Nacht. Die Hoffnung, Hennen zu fangen zerschlägt sich. Wieder gehen nur Hähne ins Netz.
Die Hähne sind einfach viel zahlreicher auf den Balzplätzen und in der Balz "närrischer". Nach geschätzten 15 Stunden Schlaf in fünf Nächten ist die Heimfahrt für die Fänger noch einmal eine heftige Strapaze. In der Rhöner Heimat kommen sie übernächtigt an. Der Birkwildhegeringleiter und andere Interessierte erwarten sie bereits: Die Freilassung der Birkhähne kann beginnen. Von den 15 ausgewilderten Hähnen im Frühjahr 2011 wurden sieben Tiere besendert. Schon kurz nach Freilassung wurden mehrere "Schwedenhähne" bei der Balz beobachtet. Besonders erfreulich ist die Tatsache, dass Anfang Mai 2011 ein besenderter Hahn aus der Auswilderung 2010 auf den Balzplätzen gepeilt und gesichtet wurde.
Wie Torsten Kirchner ist auch der Leiter des bayerischen Birkwildhegerings, Christoph Helm, zuversichtlich, dass sich die schwedischen Birkhähne bei der Balz einbringen und zur erstrebten genetischen Auffrischung des Rhöner Birkwildbestands beitragen. Letztlich müsse man sich gedulden, denn das Auswilderungsprojekt sei auf fünf Jahre angelegt. Danach werde abgerechnet, betont der Birkwildhegeringleiter.
Nachdem erhebliche Lebensraumverbesserungen durchgeführt worden seien, ist nun eine scharfe Prädatorenbejagung entscheidend. Mit der Anstellung des neuen Berufsjägers, Christian Lintow, setzt die Wildland-Stiftung Bayern hier erneut einen Schwerpunkt. Die Stelle des Gebietsbetreuers der Wildland-Stiftung Bayern für das NSG Lange Rhön wird kofinanziert durch den Europäischen Sozialfonds und den Bayerischen Naturschutzfonds.
Wildland-Stiftung