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Biber: Das müssen Sie bei der Bejagung beachten

Crossmedia-Redakteur der dlv-Jagdmedien, verantwortet das Magazin "Bergjagd". Hat Forstwissenschaften an der TU München und Wildtierökologie an der BOKU Wien studiert. © Robin Sandfort
Martin Weber
am
Freitag, 22.04.2022 - 11:23
Biber-Tageslicht-Wiese-Mai © Martin Weber
In anderen Revierteilen sind Biber bei uns sogar tagaktiv, wie diese Aufnahme aus dem Mai zeigt.

Es ist Mitte Februar – und bitterkalt. Nur eine hauchdünne Schneeschicht bedeckt das Revier. Das Blubbern des Baches ist eigentlich das Einzige, was Väterchen Frost nicht gefangen hält. Leise folge ich der geteerten kleinen Straße und glase die den Stengerbach begrenzenden Wiesen ab. Nichts. Auch das Wärmebildgerät zeigt keinerlei Signatur.

Nach einer halben Stunde frostiger Sucherei verharre ich auf einer kleinen Brücke, die besagte Straße zum Einsiedlerhof von Bauer Sepp führt. 30 m vor mir befindet sich das elementarste Stück eines jeden Biberlebensraums: der Damm. In kleinen Bächen wie jenen, an dem ich geradestehe, bauen Biber keine Burgen. Ihre Schlaf- und Setzkessel befinden sich am Ende meterlanger Gänge, die sie senkrecht zur Fließrichtung in die Böschung und angrenzende Wiesen graben.

Das Resultat sieht man auf der Wiese etwa 200 Meter von mir entfernt: Ein großes Loch, das der einbrechende Traktor von Bauer Sepp gerissen hat, als der den Bibergang überfahren hatte. Diese Schäden an Maschinen und die häufig überschwemmte landwirtschaftliche Nutzfläche sind der Grund, warum ich gerade auf der Brücke stehe. Die zuständige Untere Naturschutzbehörde in meiner oberbayerischen Heimat hat unserem Revier aufgrund der vom Landwirt gemeldeten Schäden die Freigabe bzw. Bestellung „zur Entnahme von Bibern“ zukommen lassen. Gültig bis 15. März – nur für einen bestimmten Flussabschnitt, dort aber ohne Abschussbegrenzung.

Vermehrt auftretende Einbruchstellen auf landwirtschaftlichen Nutzflächen sind ein Argument für die Entnahme von Bibern.

Weil mich die Kontur des Damms im Dämmerlicht etwas wundert, nehme ich erneut die Wärmebildkamera ans Auge. Es wirkt, als hocke ein dicker Batzen auf dem Wall aus Holz und Erde, der dort irgendwie nicht hingehört. Doch auch das sensible Gerät zeigt keine Reaktion. Moment! Plötzlich dreht sich ein Teil des Batzens und ein kleiner roter Punkt leuchtet durch das Okular des Geräts: das Auge von Meister Bockert ist das Einzige, was genug Wärmedifferenz erzeugt, um vom Gerät erfasst zu werden. Nach einiger Zeit des Putzens gleitet er wieder hinein in sein künstlich erzeugtes Reich. An einen Schuss war zu keinem Zeitpunkt zu denken, die Wasseroberfläche zu dunkel.

Wer keine Sauen hat, der pirscht auf Biber

Auch im Baumbestand hinterlässt der Biber seine Spuren. Sind die Wuchsräume für Weide und Co. auch noch durch uns Menschen begrenzt, wird es schnell kahl an den Bächen.

Es ist das zweite Jagdjahr für mich auf die gemütlichen Flussarchitekten. Im Jahr zuvor hatte ich bereits drei Biber entnehmen können – ebenfalls am Stengerbach, ebenfalls auf Bestellung durch das Landratsamt. Und: alle auf der Pirsch und beim Grasen in unmittelbarer Bachnähe auf der angrenzenden Wiese. Als ich so das vergangene Jahr Revue passieren lassen, wird mir auch mein Denkfehler bewusst. Warum sollte sich ein Biber jetzt bei Eis und Schnee die Latschen an Land abfrieren. Er hatte keinen Grund, schließlich war das Wintergras alles andere als attraktiv. Es hieß also warten bis Väterchen Frost an Wirkung verliert, das Grün auf den Wiesen zu sprießen beginnt und der Mond genug Licht gibt.

Die Biberbestände in Bayern sind eine Erfolgsgeschichte des Naturschutzes. Im 19. Jahrhundert ausgerottet, sorgten Schutz- und Wiederansiedlungsprojekte dafür, dass Castor fiber im Lauf des späten 20. Jahrhunderts wieder Fuß im Freistaat fasste. Und das mittlerweile sogar so erfolgreich, dass er in vielen Regionen Probleme bereitet. Das Bayerische Staatsministerium für Umwelt und Verbraucherschutz schreibt von einem geschätzten Gesamtbestand von etwa 22.000 Bibern in ca. 6.000 Revieren. Bayern sei annähernd flächendecken besiedelt. Genauere Zahlen gibt es jedoch nicht.

Trotzdem sind Biber weiterhin in Anhang IV der FFH-Richtlinie verankert und somit streng geschützt. Um die jedoch teils ausufernden Schäden in der Landwirtschaft abzuwenden bzw. einzudämmen, kann nach §45 Abs. 7 Satz 1 Nr. 1 und 4 des Bundesnaturschutzgesetzes eine Ausnahme vom strengen Schutzstatus zugelassen werden. Solche Ausnahmen müssen vom Geschädigten beantragt und sowohl Schäden als auch nicht erfolgreiche Präventionsmaßnahmen nachgewiesen werden. Sind nach Rücksprache mit dem örtlichen Biberberater des Landkreises alle naturschutzfachlichen Gesichtspunkte abgeklärt, wird der zuständige Jäger „aufgrund der erforderlichen Erkenntnisse“ zum Abschuss herangezogen. Dabei ist ein Mindestkaliber von 6,5 mm und eine Auftreffenergie von mindestens 2.000 Joule/ 100 Meter vorgeschrieben. Das Nachtjagdverbot ist laut einer Bekanntmachung des Bayerischen Staatsministeriums für Umwelt und Verbraucherschutz aufgehoben.

Wiedersehen am Ende des Winters

Das Herz der meisten Biberlebensräume an kleinen Bächen ist der Damm. Dahinter erkennt man die neu geschaffene Wasserwelt des Nagers.

Zwei Wochen später, gleicher Ort. Der Frost ist mildem Spätwinterwetter gewichen. Das Grün der Wiesen hat begonnen, auszutreiben. Der Mond strahlt hell vom Himmel, ab und an kreuzen Wolken seinen Weg – perfekt! Das Auto lasse ich mit einigem Abstand vom Bach stehen. Der Wind steht im Gesicht. Biber sehen nicht sonderlich gut. Doch das Fehlen des einen Sinns bedeutet meist ein Erstarken eines anderen. Grasende Biber sind vergleichsweise leicht zu lokalisieren: Ist der Bach tiefer in seinem Bett, sind die Rutschen deutlich erkennbar und werden stark frequentiert. Zudem steigen Biber logischerweise deutlich lieber auf der angestauten Seite des Bachs aus. Auf der anderen Seite konnte ich sie noch nie beobachten.

Lange brauche ich also nicht zu suchen. Schnell fällt ein dunkler Fleck auf der Wiese auf, das Wärmebildgerät gibt die Bestätigung. Die Größe verrät, dass es sich um einen Jährling handelt. Diese Jungspunde haben jetzt ca. 10 kg Gewicht und etwa die Hälfte der Länge der voll ausgewachsenen Tiere. Bis zur Vollendung des zweiten Lebensjahrs bleiben sie bei ihren Eltern, die ihr Revier territorial verteidigen, bevor sie ebenfalls verjagt werden.

Erstaunlich flink bewegt sich der Kleine über die Wiese. Stets darauf bedacht, den rettenden Sprung auf die Rutsche in das rettende Bachbett im Rücken zu haben. Mit gutem Wind komme ich gut gedeckt im Schatten einer großen Eiche an ihn heran. Als er breit steht, lasse ich fliegen und Bockert liegt am Platz. Theoretisch wäre auch ein Schuss auf den Kopf im Wasser zulässig – sofern jegliche Gefährdung der Umgebung ausgeschlossen werden kann natürlich. Doch wenn mir die pelzigen Gesellen die Möglichkeit bieten, mit gutem Kugelfang aufs bzw. hinters Blatt zu schießen, ist mir das deutlich lieber.

In den darauf folgenden 5 Tagen folgen noch zwei weitere Baumeister – unter anderem das territoriale Männchen mit knappen 30 Kilogramm Lebendgewicht. Das Geschlecht lässt sich bei Bibern übrigens durch Aufschärfen der Analdrüse ansprechen: Das Sekret der Weibchen ist gräulich und dickflüssig. Das der Männchen hingegen gelblich und dünnflüssig.

Fleisch, Schädel, Balg: Biber lassen sich vollumfänglich verwerten, dürfen aber nicht vermarktet werden.

Zum 15. März endet die Ausnahmegenehmigung zur Biberentnahme. Der Damm wurde nach Antrag des Landwirts entfernt, der Bach ist abgeschwollen. Zurückgeblieben ist eine bizarre und doch faszinierende Mondlandschaft. Meister Bockert hatte aus einem etwa 1 Meter breitem Graben im Bereich hinter seinem Damm ein Labyrinth aus Wasserwegen geschaffen, das mehrere Erlen umfasste und auch auf das naheliegende Schilffeld zugreift. Die Wurzeln der Erlen liegen teils frei und sind unterspült. Eigentlich ein perfekter Einstand für junge Fische, denke ich mir. Und die leicht abgeschirmten Bereiche mit ihren Stillwassern und Geästverhau böten perfekte Einstände für Enten mit ihren Küken im kommenden Frühjahr. Der Stengerbach ist aber keine wilde Auenlandschaft, sondern ein leises plätscherndes Bächlein, umgeben von wirtschaftlich genutzten Wiesen und Feldern: Kulturlandschaft. Und die kann durchaus auch Wildtieren als Lebensraum dienen. Nur werden diese, ohne die Möglichkeit bei Bedarf einzugreifen, keine Akzeptanz finden.


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