Beutekunst in Moskau

Vor einem Sanatorium: Zwei der vier Rominter "Brückenhirsche" wurden jüngst wieder entdeckt. (Foto: Archiv Dr. Wolfgang Rothe)


Nur wenige Zeitzeugen kennen das einzigartige künstlerische Ensemble im Herzen der ostpreußischen Rominter Heide, dem jahrhundertealten Staatsjagdrevier der preußischen Herzöge, Könige, Kaiser und zuletzt der preußischen Ministerpräsidenten. Zu nennen sind das Jagdhaus Wilhelms II. (gebaut 1891/ 1904), einen Steinwurf entfernt davon die Hubertuskapelle (1893), zwischen beiden das Bronze-Standbild des damals stärksten vom Kaiser gestreckten Rothirsches von 1909, und nicht zuletzt die nahe „Hirschbrücke“ über den Rominte-Fluss(1905). Auf deren Sockeln ruhten am Ende der beiden Brückengeländer vier Rothirsch-Bronzeskulpturen, ebenfalls aus der Hand des Jagdmalers Prof. Richard Friese (geb. 1854 in Gumbinnen; gest. 1918 in Bad Zwischenahn) in Zusammenwirken mit dem Tierplastiker Josef Pallenberg (geb. 1882 in Köln; gest. 1946 in Düsseldorf). Seit der Eroberung Ostpreußens 1945 durch die Sowjets waren weite Teile im Norden der Provinz bis Frühjahr 1991 als Militärsperrgebiet „Kaliningradskaja Oblast“ hermetisch abgeschlossen. Zwei Drittel der Rominter Heide erstrecken sich heute im russischen Sektor, nur ein Drittel im polnischen. Erste in die Heimat reisende Ostpreußen entdeckten wenig auf ihren Exkursionen in die Rominter Heide, deren zentraler Ort Jagdhaus Rominten (einst - nomen est omen - Theerbude, ab 1891 Kaiserlich Rominten) in den tiefgestaffelten russischen Grenzanlagen an der russisch-polnischen Demarkationslinie liegt.

Nur noch Grundmauern

Im Sockel: Signatur von Prof. Richard Friese (Foto: Archiv Dr. Wolfgang Rothe)


Nur noch Grundmauern Außer einer aufgegebenen Grenzmilizstation finden sich heute nur noch Grundmauern: Das im Krieg unzerstörte 200-Seelen-Dorf ist dem Erdboden gleichgemacht, obwohl es von den Sowjets „Raduschnoje“ genannt - zunächst wohl noch bewohnt war. Die „Hirschbrücke“ zu Wilhelms II. Jagdhaus ist passierbar, aber das Brückengeländer ist zerbrochen, die Sockel sind leer. Nichts erinnert mehr an den Glanz des Zentrums des Hofjagdreviers, der dem einst armseligen Köhlerdorf ab 1890 zu einer bescheidenen wirtschaftlichen Blüte durch bis 1944 anhaltenden Tourismus verholfen hatte. Schon vor der „Wende“ 1991 im Königsberger Gebiet erreichte dank Sergej S., einem Gewährsmann des Verfassers, die Kunde vom Hirschstandbild den Westen. Es schmückt einen Kinderspielplatz im Zentralen Park von Smolensk. Dessen Stadtrat verschließt sich der Rückführung nach Nord-Ostpreußen. Vor einigen Jahren sägten Diebe die Geweihstangen (Buntmetall!) ab: Heute „zieren“ Maralhirschstangen das Haupt! Der traditionsfreundliche russische Forstdirektor Nikolaj Schumillo in Hardteck, Rominter Heide, ließ 2002 fehlende Brückenelemente nachgießen und restaurierte so die „Hirschbrücke “. Auch ließ er die Fundamente der Hubertus-Kapelle, des Hirschdenkmals sowie des Jagdhauses freilegen und schuf Lehrpfade zu den stärksten Fichten der Heide . Und endlich: Vor einigen Wochen entdeckte Gewährsmann Sergej eine Notiz in einem russischen Internetforum mit Fotos von den Bronzen und der Sockelsignatur. Ohne Zweifel: Zwei der vier Brückenhirsche bewachen augenscheinlich seit Jahrzehnten den Eingang des Sanatoriums Sesni im Moskauer Vorort Sosnovka. Der Autor der russischen Intenet-Notiz bringt die Brückenhirsche irrtümlich mit der Hirsch-Bronze in Verbindung, die Hermann Göring in Carinhall hatte aufstellen lassen (der hatte von seinem Hirsch „Raufbold“, geschossen in der Schonzeit 1936, für die Jagdausstellung 1937 in Berlin eine Bronze-Statue anfertigen lassen; sie steht heute im Tierpark Berlin-Friedrichsfelde). Der russische Autor der Internet-Notiz verwechselte also die Bronzen.

(K)eine Rückführung?

Historisches Postkartenmotiv: Jagdhaus Rominten (vormals Kaiserlich Rominten) war ein beliebtes Ausflugsziel. (Foto: Archiv Dr. Wolfgang Rothe)


Kann man diese Raritäten zurück nach Ostpreußen bringen? Nicht unbedingt nach Rominten selbst, zurück auf die Brücke, wo sie Diebstahl und Vandalismus ausgesetzt wären. Sie wären zum Beispiel im Historisch-künstlerischen Museum am Königsberger Oberteich angemessen platziert. Eine Chance mag es sein, Mandatsträger des „Kaliningradskaja Oblast“ dafür zu motivieren, die Brückenhirsche aus Moskau auf der politischen Schiene nach Nord-Ostpreußen zurückzuführen. Aber dort ringt man mit einer verzweifelt desaströsen Wirtschaftslage...
Dr. Wolfgang Rothe