Home Praxis Bergweihnacht: Eine jagdliche Weihnachtsgeschichte aus Bayern

Bergweihnacht: Eine jagdliche Weihnachtsgeschichte aus Bayern

Ziehende-Wintergamsen © Aus Fritz Laube, „Mit Pinsel und Palette“, BLV Buchverlag München
Fritz Laube verewigte „Ziehendes Scharwild“ 1985 in Öl auf Leinwand.

Es war vor dem Kriege. Adventszeit in München. In zwei Tagen war Weihnachtsabend, aber die Stadt sah gar nicht weihnachtlich aus. Es herrschte trockene Kälte, und ein häßlicher Wind trieb Staub und Papierfetzen durch die Lüfte. Am Weihnachtsabend sollte ich einen Frack anziehen und in Gesellschaft gehen. Dann saß man nach schnell abgemachter Bescherung an prunkvoller Festtafel. Sonst gewiß eine schöne Sache, aber was hatte das noch gemein mit dem heiligen Abend, wie ich ihn im Elternhaus verlebt hatte? Ich ärgerte mich über mich selbst, daß ich in einem schwachen Augenblick die Einladung angenommen hatte. In dieser Stimmung geriet ich am Spätnachmittag auf die Christkindldult in der Sonnenstraße und auf dem Sendlingertorplatz. Sofort nahm mich der alte Weihnachtszauber gefangen. Über dem Ganzen lag die Weihnachtspoesie von einst, als wir Kinder waren. Geheimnisvoll grüßte aus dem Hell--Dunkel der Budenreihen, die von dem rötlichen Licht schwelender Petroleumlampen übergossen waren, das Wunder der Heiligen Schrift.

Beilagebild-Winterhirsche © PIRSCH-Archiv

Kunstbeilage von „Der Deutsche Jäger“: Das Auquarell „Zur Fütterung“ trägt die unverkennbare Handschrift von Ludwig Hohlwein (1874 - 1949.

Berge statt feine Gesellschaft

Unwiderstehlich packte mich die Sehnsucht nach Ursprünglichkeit. Fort aus dem steinernen Häusermeer! Kurz entschlossen sagte ich die Einladung ab und zog wohlverproviantiert mit vollem Rücksack in die Berge. Vierundzwanzig Stunden später, nach einer langen, aber herrlichen Fahrt mit Eisenbahn und Schlitten hinein in das verschneite Hochland, saß ich in meiner Jagdhütte im Hinterautal bei Scharnitz. Mitten im wilden Karwendel. Nur unser Oberjäger, der brave Schorsch Gschwendtner, war bei mir. Sonst war ich allein auf mindestens sechs Stunden im Umkreis im tiefverschneiten Bergwald. Gschwendtner hantierte emsig nebenan im Jägerzimmer. Er war ein echter Oberbayer, unermüdlich und von köstlichem, nie versagendem Humor. Als ich ihn fragte, ob seine Frau nicht beleidigt sei, dass er am Weihnachtsabend nicht bei ihr wäre, meinte er lachend: „Graunzt hat’s wie a Dachkater, d’Alt! Aber dös vergeht scho’ wieder. Und der Bua is ja bei eahm in die Ferien; ’s Herzbinkerl. Dös g’langt!“

Der Oberjäger erwies sich als Multitalent

„Und Sie? Möchten Sie nicht nach Hause morgen zum Heiligen Abend?“ „Na, Herr Dokta, s’ braucht’s net. I hab’ meine Hirsch und Gamsböck, dös is ma gnua.“ Das war durchaus kein Mangel an Familiensinn. Bei den rauhen Hochgebirgsjägern liegen die Gefühle tiefverborgen unter Schichten harten Urgesteins. Und durch das fast stete Alleinsein in den Bergen werden diese Männer selbst zu einem Stück Natur. Die Jagd ist ihnen alles... Ist das Leben. Nur einmal habe ich den Oberjäger weich gesehen: als sein Hund, der alte „Bergmann“, verendet war. Den hat er nicht vergessen, den „Professor“, wie er ihn wegen seiner Klugheit stets nannte. Inzwischen hat Gschwendtner selbst den Weg in das unbekannte Revier angetreten. Er hatte einen schönen Tod. Inmitten seiner Berge, am Wege wurde er aufgefunden. Die Tabakspfeife, ohne die er nicht sein konnte, war noch warm.

Damals, in der Weihnachtszeit, hatten wir beide schöne Tage miteinander. Er war mir gleichzeitig Koch, Diener und Wildhüter, alles in einer Person. Abends, nach meiner Ankunft, tranken wir noch einen Schlummertrunk und ich erwachte am nächsten Morgen erst, als der Oberjäger von seinem Gang ins Revier zurückkehrte und sich die Schneeklumpen von den Stiefeln klopfte. Ich hatte einen Schlaf von 14 Stunden hinter mir und sprang erfrischt aus dem Bett. Als ich ins Wohnzimmer hinunterkam, war schon sauber gemacht; die Holzscheiter krachten in dem mächtig aufgemauerten Ofen, und der Frühstückstisch war gedeckt. Kaum saß ich, erschien Gschwendtner mit dem Kaffee: „Gut’n Morgen, Herr Dokta, jetz hätten S’ aufs Hoor s’Christkindl verschlafa!“ Er lachte behaglich.

Das richtige Weihnachtswetter

Das war ein herrliches Frühstücken: durch das breite Fenster blickte ich in ein lustiges Schneetreiben, so daß die Berge kaum zu sehen waren. Ich saß im Warmen; auf dem Tisch, neben der Kaffeetasse, lag aufgeschlagen ein Band Raabe, ohne den ich nicht in die Berge ging. Und weit, weit lag das Leben. Nach dem Frühstück ging es hinaus. Ein mächtiger Schneemann wurde mit vereinten Kräften gebaut. Gschwendtner behauptete es sei der Kaiser „Napolium“. Weil das Kunstgebilde eine Rübe als Nase und einen struppigen Knebelbart aus Besenreisern hatte. Es war wunderschön im Freien. Weit und breit nichts als Schnee, das richtige Weihnachtswetter. Ich setzte mich mit der Pfeife ins Jägerzimmer und sah Gschwendtner beim Kochen zu. Es gab Erbsensuppe mit Schweinefleisch. Als wir gegessen hatten, ging es nach kurzer Siesta mit Mokka, auf Schneereifen hinunter auf den Talweg.

Es hatte aufgehört zu schneien, und die Bergnatur bot ein zauberhaftes Bild. Das Tal war von mächtigen Schneemassen überwälzt, unter denen die kleinen Unebenheiten des Bodens fast verschwanden. In der Tiefe, wie auf den Hügeln bis zu den hohen Gipfeln hinauf. Nur die Bäume ragten hervor. Die kahlen Laubhölzer, auf deren Zweigen der Schnee schmale weiße Leisten bildete, standen in pittoresker Feinheit, während die Fichten, Tannen und Latschen wie mächtige, roh behauene Marmorgebilde wirkten. Verschönt durch die zahlreichen blitzenden Eisflüsse und Zapfen, die die klirrende Kälte hier in Fülle erwachsen ließ. Ich dachte voll neidlosen Mitleids an die Schlemmer, die jetzt in der Stadt ihre Fräcke anzogen.

Der Schneehase wurde am 24. pardonniert

Unter einer niedrigen Latsche sprang ein Berghase auf, weiß mit einem braunen Fleck auf dem Rücken, und der Jäger griff nach seinem Gewehr. Ich hielt ihn zurück: „Nicht schießen, heut’ ist Weihnachtsabend.“ Er sah mich verständnislos an. Das war doch was Gutes so ein Hasenbraten, den ließ man nicht aus. Die Schneelandschaft wurde indes immer feierlicher. Im Tal zogen jetzt leichte Nebelschwaden und ließen die Dinge zurücktreten. Das Plätschern der Isar, – hier noch ein Bach – kam von unten herauf wie gespenstisches Flüstern verborgener oder unsichtbarer Naturwesen. Und aus all dem nebelhaften Weißgrau, aus den Geheimnissen der Tiefe erhoben sich die Häupter der ewigen Berge, von der untergehenden Sonne bestrahlt und rötlich angeglüht, in ihrer ganzen Majestät. Zeugen gött-licher Klarheit und Erhabenheit. Darüber die heilige Pracht des Himmelsgewölbes, wo schon die ersten Sterne ihre stille Nachtwanderung angetreten hatten. Voll Verehrung strebten die Gedanken zu dem so wunderbar ausgedrückten Schöpferwillen des Ureinen. – Ein Klingen hub an in meiner Seele. Die heilige Nacht zog auf.

Vertraut näherte sich das Wild

Ich musste wieder hinab zu Mutter Erde, als wir am Ziel unserer Wanderung, an der Wildfütterung anlangten. Aber als wir das Heu in den Raufen aufgesteckt, im Schnee kleine Mulden gemacht und sie heute besonders reichlich mit wilden Kastanien und Mais gefüllt hatten, da konnte ich mich noch nicht entschließen, schon zum Jagdhaus hinaufzusteigen. „Is recht,“ meinte Gschwendtner, „dann geh i voraus und richt’s Essen her.“ Er marschierte ab. Ich aber machte mir im Stadel, im Heu einen warmen Platz zurecht, von wo ich durch einen breiten Spalt draußen alles gut beobachten konnte. Ganz vertraut näherten sie sich: ein paar Stuck mit ihren Kälbern. Schmaltiere und auch ein geringer Hirsch. Am frechsten war ein altes, geltes Stuck, das nahm sofort eine Kastanienmulde an. Nun zogen auch die anderen schnell heran. Da der Nebel dicker geworden war, besonders hier in der Nähe der Isar, war es ein eigentümlicher Anblick, wie sich das Wild aus den grauen Schwaden entwickelte. In ganzen Rudeln kamen sie angezogen, nur die Hirsche, zunächst meist jüngere mit schlechten Geweihen, kamen einzeln und trieben die Stücke und Kälber zur Seite.

Plötzlich entstand eine Unruhe unter all‘ den gierig Äsenden. Und urplötzlich stand ein starker Hirsch auf dem Plan. Wie aus der Erde geschossen, ein kapitaler Zehnender. Alles wich vor ihm zurück, bis auch er stärkeren Hirschen weichen musste. Ganz spät erschien der Vierzehnender, den wir -genau kannten, der König des -Reviers. Er hielt sich abseits, als ob er es verächtlich verschmähte, sich mit dem niederen Volk gemein zu machen.

Hier war Weihnachtsfrieden

Der Mond stand jetzt noch am Himmel und durchwob mit seinen Strahlen die Nebelschwaden, die wie flüssiges Silber durcheinanderwogten. Ich feierte Weihnachtsabend im Walde, unter den Tieren der freien Wildbahn. Bei den stummen Geschöpfen Gottes. Weit, weit draußen lag die Welt der Menschen. Haus und Hof, Dorf und Stadt. – Mit allem Trubel und allem Lärm. Hier war Ruhe und Frieden – Weihnachtsfrieden, weit in der Runde von keinerlei störendem Geräusch angefressen und durchbrochen. Das ruhig äsende Wild am Stadel machte nur die unbewegte Stille der Schneelandschaft noch eindrucksvoller. Als ich später durch den schweigenden Hochwald zum Jagdhaus hinaufstieg, konnt ich mich eines Schaudergefühls nicht erwehren. Tief-einsamkeit bedrückte mich, und es kam mir freundlich zu Bewusst-sein, daß ich bald bei dem braven Gschwendtner Schorsch sein würde. Daß mich ein helles, warmes Zimmer erwartete, daß nach dem großen starken Erlebnis in der Allnatur das kleine Glück einer Weihnachtsfeier in der Stube, bei einem Glase Punsch und einem guten Tobak kommen sollte.

Winterrehe-Kapelle © PIRSCH-Archiv

Von Alfred Mailick (1869 - 1946) gezeichnet, titelte „Der Deutsche Jäger“ diese Kunstdruckbeilage „Wild in Not“ (1928).

Nicht lange, und ich sah schon Licht. Bergmann, der Hund, sprang mir entgegen, freudig wedelnd, als ob er wüsste, dass mit meiner Ankunft das Festmahl beginnen würde. Wir hatten eine Ochsenschwanzsuppe in Tassen – aus der Konservenbüchse. Dann einen delikaten Hirschkalbsrücken mit -Kartoffelsalat und Sauce Cumberland – diese von mir bereitet. Endlich gebratene Äpfel, von Gschwendtner sorgfältig im Ofenrohr geschmort und nach einem geheimnisvollen Rezept an-gemacht. Dazu gab es weißen Terlaner und Rotweinpunsch.

Das Zimmer war weihnachtlich geschmückt

Das Zimmer war weihnachtlich geschmückt, rings an den Wänden steckten Tannen- und Latschenzweige, und auch auf dem Tisch lagen kleine grüne Büsche. Sogar ein Mistelzweig war vorhanden; an der Hängelampe befestigt. – Nur ein Lichterbaum fehlte. Ich sagte nichts, denn ich wollte den Jäger, der sich mit den Vorbereitungen so viel Mühe gegeben hatte, nicht kränken. Aber als wir gegessen hatten, und die große Standuhr die achte Stunde ausschlug, konnte ich mir die Bemerkung nicht versagen: „Jetzt haben sie in München schon längst die Christbäume angezündet.“ „Und’s Gansei und an Schweinsbraten und d’Kalbshaxen hab’n eahna aa scho’ g’schmeckt.“, ergänzte der Jäger und nahm einen tiefen Schluck. „So, mir san aa zu unserm Sach’ kemma da heroben.“ Er zwinkerte lustig mit den Augen. Das schrieb ich meinem Weihnachtsgeschenk zu, das in seinem Beutel klimperte. Und der neuen Bozener Pfeife, die ich ihm außerdem auf den Gabentisch gelegt hatte. Die ließ er nicht aus dem Auge. Der Punsch war auch nicht von schlechten Eltern. Hochprozentig... Gründe genug für den Oberjäger aller Erdenschwere ledig zu sein! Und doch, ich merkte, hinter all der Fidelität verbarg sich noch etwas. Er hatte noch was auf der Latt’n ... Richtig beim letzten Glas platzte er heraus: „Herr Dokta i hab’ no’ was für Eahna – – A b’sundane Weihnachtsüberraschung.“

Ein Weihnachtswunder mitten im Walde

Er stapfte mit schweren Schritten zur Türe: „Warten S’ a wengerl, i hol Eahna nach’er scho.“ Gespannt harrte ich der Dinge, die da kommen sollten. Es dauerte eine Viertelstunde, bis der Jäger zurückkam: „Herr Dokta, jetzt i’s as Christkindl bei uns no’ amal kommen. Ziagn S’Eahna Pelzjoppn an und gengan S’ aussa.“ – Kaum aus dem Hause, sah ich schon Lichtschimmer zwischen den Bäumen und stand nach wenigen Schritten vor dem Weihnachtswunder. Ein Christbaum mitten im Walde. Auf einer Blöße eine Fichte, übermannshoch aufgeschossen, von oben bis unten mit brennenden Lichtern besteckt. Der Schnee leuchtete auf ihren Zweigen, und die Kristalle glitzerten. – Drum herum im Halbschatten die anderen Bäume, und in der Weite der schlafende winterliche Wald. Bis tief hinab ins Tal und hoch hinauf zu den Bergschroffen – Darüber der Sternenhimmel. Überwältigt sank ich auf einen Baumstumpf. Der Jäger deckte mir behutsam seinen Lodenmantel über die Knie und entfernte sich. Ich war wieder allein im Walde in der heiligen Nacht. Aber nicht wie vorher unten im Futterstadel, nicht einsam, denn durch den Lichterbaum waren liebe Erinnerungen in mir geweckt worden und strahlten mir ins Herz. Kindheit, Heimat, das Glück vergangener Zeiten.

Und da war es, als ob der Lichterbaum wüchse … Mit seiner Krone mächtig – emporstrebend und seine Zweige – weithin erstreckend über Berg und Tal. Der schwarze Mantel der Nacht zerriss – Die tiefblaue Himmelsglocke spaltete sich und ein silbrig-goldener Glanz brach aus der weiten Öffnung hervor. Und Engel mit schimmernden Flügeln schwangen sich hinab. Der Glanz am Himmel strahlte immer heller, schier unerträglich für die Augen, und heilige Chöre sangen: „Ehre sei Gott in der Höhe, und Frieden auf Erden, und den Menschen ein Wohlgefallen.“ Plötzlich verschwand alles, der Glanz und die Engelswiese droben. Ich saß im Dunkeln vor dem erloschenen Lichterbaum, und Gschwendtner stand vor mir: „I glaub fast, Sie hab’n g’schlafa, Herr Dokta.“ Ich rieb mir die Augen und folgte schweigend ins Haus. Ich geschlafen? Ich war wohl noch nie so wach gewesen, wie hier am Heiligen Abend im -Bergwald, wo sich mir das innere Auge geöffnet hatte ... Die Menschen nennen es „träumen“.


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