Home Praxis Bayerisches Wilderer-Duo in Österreich gestellt

Bayerisches Wilderer-Duo in Österreich gestellt

Dieser zuerst gewilderte Rehbock wurde in einem Maisfeld zurückgelassen. Foto PI Schärding © PI Schärding
Dieser zuerst gewilderte Rehbock wurde in einem Maisfeld zurückgelassen. Foto PI Schärding © PI Schärding

Dieser zuerst gewilderte Rehbock wurde in einem Maisfeld zurückgelassen. Foto PI Schärding

Es ist kurz vor zwei Uhr, in der Nacht auf den 3. August 2007, als das Ehepaar Schneebauer aus Steinbach (Bezirk Schärding/Österreich) aus dem Schlaf hochschreckt. In der Nähe ihres am Ortsrand gelegenen Hofes ist ein Schuss gefallen. Beim Blick aus dem Fenster nimmt man ein Fahrzeug, drei Scheinwerfer und flüch­tendes Wild wahr.
Während die Ehefrau die Szene weiter beobachtet, alarmiert Josef Schneebauer – Jagdpächter im dortigen Gebiet – seinen Schwiegersohn Franz Wolkerstorfer – ebenfalls Jäger. Die beiden eilen mit dem Auto zum nur zirka 200 Meter entfernten Ort des Geschehens. Sie können zunächst nichts Verdächtiges feststellen. Nachdem sie ihren Geländewagen gewendet haben, kommt ihnen ein Fahrzeug mit deutschem Nummernschild entgegen. Obwohl die beiden Jäger zu diesem Zeitpunkt nicht wissen, dass noch ein zweiter Schuss gefallen ist und jenes Fahrzeug zuvor mehrere hundert Meter ohne Beleuchtung unterwegs war, notieren sie das Kennzeichen und informieren die Polizeiinspektion (PI) in Schärding.

Nichts als Ausreden<p>

Diese Aufnahme der Polizei aus der Tatnacht zeigt den leistungsstarken Handscheinwerfer. Foto PI Schärding. © PI Schärding

Diese Aufnahme der Polizei aus der Tatnacht zeigt den leistungsstarken Handscheinwerfer. Foto PI Schärding.

Dort reagiert man sofort. Eine Streife macht sich auf den Weg. Sie fährt den Tatort entgegengesetzt zur vermuteten Bewegungsrichtung des beschriebenen Fahrzeugs an. Und wirklich, der blaue Ford Fiesta kommt den Beamten entgegen. Mit dem Anschein einer normalen Verkehrskontrolle wird der Wagen angehalten. Den Polizisten fällt auf, dass der einzige Insasse „wie ein Jäger“ gekleidet ist. Im Fußraum des ­Beifahrersitzes ist ein starker Handscheinwerfer, leere ­Patronenhülsen des Kalibers .22 Magnum liegen herum – und ein Zeitungsartikel, in dem beschrieben wird, dass die Polizei im benachbarten – bayerischen – Landkreis Passau Wilderern auf der Spur ist. Die Hoffnung, im Kofferraum eine Waffe oder ein Stück Wild zu finden, erfüllt sich leider nicht. Aber immerhin eine frische Schweiß­spur lässt sich auf einer sich dort befindlichen Gummimatte feststellen. Es folgt eine „Märchenstunde“. Dazu Bezirksinspektor Alfred Reiterer von der PI Schärding, der bei der Kontrolle dabei war, gegenüber der PIRSCH: „Er hatte auf alle unsere Fragen eine Antwort, diese passten nur nicht immer und entsprachen, wie wir jetzt wissen, auch nicht der Wahrheit.“
Die Geschichte, die der Verdächtige den Beamten auf­tischt, geht in etwa so: Er komme von seiner Freundin. Diese sei aber verheiratet, weswegen er ihren Namen nicht preisgeben könne. Seiner eigenen Frau habe er gesagt, er gehe zur Jagd, deswegen sei er auch so gekleidet. Als Mitpächter eines Jagd­reviers in der Nähe von Hauzenberg im Bayerischen Wald habe er am Vorabend ein Reh erlegt – daher die Schweißspur. Die bei ihm gefundene Munition (Kaliber .22 Mag­num) und die abgefeuerten Hülsen würden einem Freund gehören, er selbst besitze gar keine Waffe dafür.

Grenzüberschreitende Zusammenarbeit<p>

Die Trophäe des sehr gut veranlagten zweiten Rehbocks, der mit zwei Kleinkaliberschüssen verletzt worden war. Foto: Josef Schneebauer © Schneebauer Josef

Die Trophäe des sehr gut veranlagten zweiten Rehbocks, der mit zwei Kleinkaliberschüssen verletzt worden war. Foto: Josef Schneebauer

Zu fadenscheinig, finden die Beamten und nehmen Josef N. (54) mit auf die Inspektion. Doch sie wissen, sollte man keine Beweise finden und würde der Verdächtige auf seiner Schilderung beharren, könnte man ihn nicht auf Dauer festhalten. Da der Mann erwähnt hatte, sein Sohn sei ebenfalls Jäger, und die Zeugen am Ort des Geschehens eine zweite Person wahrgenommen haben wollen, kommt BI Reiterer auf die Idee, den Sohnemann überprüfen zu lassen. Dies übernehmen die Kollegen der bayerischen PI Hauzenberg bereitwillig. Josef N. junior (34) ist aber nicht zu Hause. Seine Frau gibt an, er sei gegen Mitternacht noch ins Revier gefahren.
Die Realität sah jedoch anders aus, was aber die Polizisten auf beiden Seiten der bayerisch-österreichischen Grenze nahe Passau zu diesem Zeitpunkt noch nicht wissen konnten: Die beiden bayerischen Jagdscheininhaber Josef N. senior und junior aus der Nähe von Hauzenberg waren gemeinsam in Österreich zum Wildern unterwegs. Aus den Ermittlungen der Polizei und den Zeugenaussagen ergibt sich folgender Ablauf der Dinge: Wenige Kilometer hinter der Grenze auf dem Gemeindegebiet von Rainbach im Innkreis haben die beiden einen Rehbock mit dem Handscheinwerfer ausgemacht, geblendet und erlegt. Das Stück wurde im Kofferraum verstaut. Damit gaben sie sich aber nicht zufrieden. In der Nachbargemeinde St. Florian am Inn wollten sie in gleicher Weise verfahren. Dort aber blieb ein beschossenes Stück nicht auf der Strecke – auch nicht nach einem zweiten Schuss. Der Junior machte sich auf den Weg, um den Bock mit der Taschenlampe zu suchen. Dieses Geschehen hatte jedoch wie oben geschildert die Familie Schneebauer auf den Plan gerufen. Beim Herannahen des Jagdpächters machte sich daher der im Fahrzeug verbliebene Senior-Wildschütze aus dem Staub.Dabei wurde sein Kennzeichen notiert und bei der Suche nach dem Junior schnappte ihn schließlich die Polizei. Offenbar war ihm die Sache schon so zu heiß geworden, dass er zuvor noch den ersten Bock unweit der Stelle, wo er erlegt worden war, „entsorgte“. Die Waffe ließ der Mann ebenfalls zurück.

Freude über Erfolg<p>

Die sichergestellte Tatwaffe – eine BBF Heym im Kaliber .222 Rem. mit ­Einstecklauf .22 Mag. Foto: PI Schärding. © PI Schärding

Die sichergestellte Tatwaffe – eine BBF Heym im Kaliber .222 Rem. mit ­Einstecklauf .22 Mag. Foto: PI Schärding.

Auch der Sohn hatte aus dem Auftauchen des Jäger-Jeeps die richtigen Schlüsse gezogen – man war ihnen auf der Spur. Also setzte er sich zu Fuß in Richtung Passau ab. Im Morgengrauen erreichte er die Dreiflüssestadt und rief seine Frau an, die sollte ihn abholen. Bei der war in der Zwischenzeit aber schon die Polizei gewesen. Also ergriff der Mann die Initiative und stellte sich in Hauzenberg der Polizei. Nicht wissend, dass sein Vater standhaft darauf beharrte, „nix getan zu haben“, räumte er auch ein, in Österreich zum Wildern unterwegs gewesen zu sein – allerdings „nur mit einem Messer“.
Dort ging in der Zwischenzeit die Suche nach Beweisen weiter. Bereits am frühen Morgen war die Jägerschaft aufgefordert worden, den vermuteten Tatort abzusuchen, ob sich nicht doch etwas finden ließe.
Am Vormittag wurde man fündig. Josef Schneebauer hatte in der Nacht Wild in Richtung eines Bachlaufs flüchten sehen. Bei einer intensiven Nachsuche wurde dort ein offensichtlich krankes Stück Rehwild hoch. Die mitgeführte Deutsch-Drahthaar-Hündin „Undra“ konnte den Bock nach kurzer Hetze niederziehen. Am abgefangenen Stück ließen sich anschließend zwei Kleinkaliber-Einschüsse feststellen. Auch dieses Indiz hätte indes wohl nicht für eine dauerhafte Festnahme der Verdächtigen ausgereicht. Aber unter dem Druck der Ereignisse knickte Josef N. senior letztlich doch noch ein. Die erfahrenen österreichischen Beamten hatten ihm entsprechend zugesetzt: Der Sohn sei praktisch geständig, seine eigenen Einlassungen seien leicht zu widerlegen, ein Rehbock war gefunden worden – man würde ihn nicht ziehen lassen. Daraufhin geleitete der Mann die Polizei zu seiner versteckten Waffe, einer Heym-Bockbüchsflinte im Kaliber .222 Remington, ausgestattet mit einem .22-Magnum-Einstecklauf. Im Kugellauf steckte sogar noch eine Patrone! Sein auffälliges Benehmen dort führte schließlich auch noch zur Entdeckung des zuerst gewilderten Rehbocks, der notdürftig in einem Maisfeld versteckt worden war.
Jagdpächter Josef Schneebauer zeigte sich im Gespräch mit der PIRSCH sehr erfreut über diesen Erfolg und fügt hinzu: „Die Polizei hat sich wirklich voll eingesetzt, schließlich drängte die Zeit und die Beweise waren zunächst nicht so toll.“

Noch viele Fragen offen<p>

Trugen wesentlich zur Verhaftung der Täter bei (v.l.): Josef Schneebauer und Franz Wolkerstorfer mit DD-Hündin „Undra“. Foto: Josef Schneebauer © Schneebauer Josef

Trugen wesentlich zur Verhaftung der Täter bei (v.l.): Josef Schneebauer und Franz Wolkerstorfer mit DD-Hündin „Undra“. Foto: Josef Schneebauer

Die so Gelobten bleiben weiterhin am Ball. Wie zu erfahren war, gilt es jetzt abzuklären, ob ähnliche ungeklärte Vorkommnisse der Vergangenheit mit den beiden Festgenommenen in Verbindung gebracht werden können.
Die Ermittlungen dauern also an. Auch auf bayerischer Seite sind noch einige Fragen ungeklärt. Dort ist das Duo in der Vergangenheit durch das Vorzeigen von Kapitaltrophäen zweifelhafter Herkunft aufgefallen, wie eine Recherche der PIRSCH ergab. Man traut den jetzt Gefassten in ihrer Heimat einiges zu. Vorfälle gab es genügend. Nicht umsonst wird in der dortigen Region ohnehin ­wegen Wilderei ermittelt – wovon die Männer Kenntnis hatten, wie der im Auto gefundene Zeitungsbericht beweist. Ein Grund, um nach Österreich auszuweichen?
Von Interesse für die Polizei dürften im Zusammenhang mit einer möglichen Wildpretverwertung auch die direkte Verbindung der beiden zu einer Gaststätte sein.
„Sch(l)uss, aus und vorbei mit der Jagerei“, machte sich die „Passauer Woche“ einen Reim auf die Ereignisse und wies darauf hin, dass Vater und Sohn der Jagdschein entzogen wurde, ihre Waffen mussten sie abgeben.
Derzeit wird die Anklage wegen „schweren Eingriffs in fremdes Jagdrecht“ vorbereitet. Zuständig ist die Staatsanwaltschaft in Ried im Innkreis. Es kann aber gut sein, dass diese den Fall an die Kollegen in Passau abgeben wird. Doch auch dann dürfte die Anklage auf „schwere Jagdwilderei“ lauten – Strafandrohung: bis zu fünf Jahre Haft! Josef-Markus Bloch