Home Praxis Aufruhr in den Berge

Aufruhr in den Berge

am
Donnerstag, 30.04.2015 - 11:32
Foto: Hoffmann/Breuer © Hoffmann/Breuer

Schon seit Langem schwelt im Erzgebirge ein Konflikt um das Rotwild. Angeprangert werden die rigorosen Bejagungsmethoden durch den Staatsbetrieb Sachsenforst, dem größten Flächeneigentümer in dem etwa 214 000 Hektar umfassenden Einstandsgebiet. Eine Zuspitzung der Situa-tion löste das 2012 novellierte Landesjagdgesetz aus, das dem Staatsbetrieb noch mehr Freiräume für die Rotwildbejagung einräumt. Das Fass zum Überlaufen brachte die Äußerung von Ingo Reinhold, Forstbezirksleiter Marienberg, in einem Zeitungsartikel. Er sagte: „Wir wissen zwar nicht genau, wie viel Wild wir haben. Aber der Wildbestand ist derzeit zu hoch. Wir wollen, dass mindestens ein Stück Rotwild pro 100 Hektar, höchstens aber zwei leben.“

Offener Brief

Gerd Neidhardt und Karsten Bergner (v.l.) sind zwei der Initiatoren des offenen Briefs. Foto: RS

Die Höhe des Wildbestandes nicht beziffern zu können aber den Kurs hohen Jagddrucks stur fortzusetzen, brachte die Jäger und die Öffentlichkeit in der Erzgebirgsregion auf die Palme. In einem offenen Brief an den sächsischen Ministerpräsidenten Stanislaw Tillich (CDU) fordern sie den Erhalt des Rotwildes, eine maßvolle Jagd sowie bessere Hege. „Es geht nur noch um das Totschießen. In unserer Kulturlandschaft bleibt aus wirtschaftlichen Gründen kein Platz mehr für das Wild“, heißt es in dem Brief, der von den Vorsitzenden der Rotwildhegegemeinschaft Erzgebirge und den Jagdverbänden Zschopau, Marienberg, Annaberg und Westerzgebirge unterzeichnet- wurde. Der offene Brief fand großes Echo in der Bevölkerung. Innerhalb von 14 Tagen trugen sich mehr als 2000 Bürger in die Unterschriftenlisten ein.
Zuspruch erhielten die Jäger durch den NABU-Kreisverband Mittleres Erzgebirge. Der Vorsitzende Bernd Seifert bemerkte: „Die Abschusspläne, die der Sachsenforst zu erfüllen hat, dürfen sich nicht allein nach den wirtschaftlich geprägten Zielvorstellungen des Waldbesitzers richten.“ Es habe den Anschein, dass gerade im Staatswald Rothirsche mancherorts vollständig verschwunden seien.
Auf Ablehnung stößt dagegen der Brief bei den Regionalbauernverbänden Erzgebirge und Aue/Stolberg/Schwarzenberg. In einer Stellungnahme vertreten sie den Standpunkt, dass der Staatsforst seiner Rolle zur Regulierung überhöhter Wildbestände gerecht werde, um die Landwirtschaft vor Schäden zu schützen und die Jagdpächter mit Schadensforderungen nicht zu überforden. Nach Darstellung der beiden Bauernverbände wären die Probleme „auf Jagdneid, und nicht auf eine verfehlte Jagdstrategie zurückzuführen“.

Falsche Behauptung

Forstbezirksleiter Ingo Reinhold ist von der Richtigkeit seines Jagdkonzepts überzeugt. Foto: RS

Die Initiatoren des offenen Briefes betonen, sich nicht gegen eine angepasste Rotwildbejagung zu stellen. Allerdings halten sie die durch Sachsenforst betriebene einseitige Ausrichtung, das Wildschaden zur Umsetzung des Waldumbauprogramms ausschließlich mit der Waffe in den Griff zu bekommen, für einen fatalen Irrweg. „Wildschäden entstehen in erster Linie durch falsche Bejagung. Permanenter Jagddruck provoziert immer neue Wildschäden – ein Teufelskreis“, betont Karsten Bergner, Vorsitzender der Rotwildhegegemeinschaft Erzgebirge. Die durch Sachsenforst aufgemachte Rechnung „zu hohe Schäden gleich zu hoher Bestand“, hält er für banal. Er vermisse Antworten auf Fragen, wie die Forstbezirke zur Schadensminderung durch die Anlage von Äsungsflächen und Ruhezonen, zur Winterfütterung, Jagdruhe oder Tourismuslenkung stehen. Scharfe Kritik zur Jagdstrategie von Sachsenforst gibt es auch hinsichtlich ethischer und moralischer Missstände. „Das ist eine Katastrophe“, klagt Gerd Neidhardt, der Mitglied im Jagdbeirat Erzgebirgskreis ist. „Es werden Drückjagden auf Kahlwild in der Brunftzeit veranstaltet, bei denen die Rudel ausein­andergetrieben werden“, berichtet er. Keiner könne mehr unterscheiden, welches Kalb zu welchem Alttier gehöre, und Kälber könnten ihrem Alttier nicht mehr folgen. Alttiere würden dann als angeblich nichtführend erlegt. Verwaiste Kälber seien die Folge. Neidhardt glaubt auch, dass Sachsenforst falsche Anreize zur Stimulierung des Rotwildabschusses setze. So würden im August erlegte Kälber für einen Euro pro Kilogramm dem Erleger überlassen. „Das verführt dazu, nach Gewicht zu schießen.“

Üppige Kirrung

Der Leiter des Forstbezirks Eibenstock, Stephan Schusser, scheint da ganz anderer Meinung zu sein. „Jagd ist Dienstleistung für den Waldbau – kein Edelhobby oder Geschäftsfeld“, betont er in einem Vortrag auf dem Internetportal der „Arbeitsgemeinschaft naturgemäße Waldwirtschaft Sachsen“. Schusser hält nichts von Jagdruhe, plädiert für die Ausnutzung der gesamten Jagdzeit und für wöchentlich zwei Drückjagden von Oktober bis Januar. Er favorisiert den Rehwildabschuss an der Kirrung mit Apfeltrester und Hafer im Winter. Den Apfeltrester bezieht der Forstbetrieb in Containern und lagert sie in Fässern oder Bunkern. Der Streckenanteil durch Kirrjagd betrage 60 Prozent, wobei möglichst zwei bis drei Stück pro Ansitz auf der Decke liegen sollten. Der Eibenstocker Forstmann bezeichnet das als „professionelles Zeitregime“.

Positionspapier

Um einen Anstoß für den künftigen Umgang mit dem Rotwild im Erzgebirge zu geben, formulierte die Initiativgruppe des offenen Briefs ein Positionspapier. Zentrale Forderung: Die Durchführung eines Wildmanagements mit dem Ziel, das Kulturgut Rotwild zu erhalten. Zur Festlegung der Bestandshöhe sollten nicht die blanken Zahlen der Schadenserhebung das Nonplusultra sein, sondern die Lebensraumkapa­zität. „Naturnahe Waldwirtschaft schließt naturnahe Wildbewirtschaftung nicht aus“, unterstreicht Karsten Bergner.
Nach Vorstellung der Initiativgruppe sollte Sachsenforst die Vorreiterrolle in Sachen Schalenwildbewirtschaftung im Freistaat übernehmen. In der Pflicht sieht die Initia­tivgruppe aber nicht nur die Landesforst, sondern alle Rotwildjäger im Erzgebirge. „Der Appell, verantwortungsbewusst mit dem Rotwild umzugehen, richtet sich daher an die gesamte Jägerschaft der Region“, erklärt Neidhardt.

Staat im Staate

Der Zank um das Rotwild im Erzgebirge offenbart einen wunden Punkt im sächsischen Jagdgesetz: Der Staatsbetrieb Sachsenforst ist Jagdbetreiber, Jagdbehörde und jagdliche Kontrollinstanz zugleich. Er ist so etwas wie ein Staat im Staate, denn er stellt sich die Aufgaben und kontrolliert sich selbst. Fairnesshalber muss angefügt werden, dass nicht Sachsenforst sich diese Sonderstellung verpasste, sondern der Gesetzgeber. Wer den Zustand ändern will, kann das nur über den Landtag erreichen.
Im Erzgebirge sind die Fronten erstarrt. Forstbezirksleiter Reinhold legte seinen Vorstandsposten in der Hegege­meinschaft nieder. Auch seine beiden Amtskollegen kündigten ihre Zusammenarbeit auf. Die Antwort auf den offenen Brief durch den sächsischen Agrarminister Thomas Schmidt (CDU) lässt kein Gesprächsangebot erkennen. Die Kritik an der Jagd im Staatsbetrieb Sachsenfost sei unberechtigt, teilt der Minister mit. Für eine Korrektur der Jagd­strategie gäbe es daher keinen Anlass. Vom vielbesch­worenen politischen Grundsatz „Wald und Wild“ findet sich kein Wort.
Wie es jetzt im Erzgebirge weitergehen soll, weiß noch keiner. Bleibt es bei der Sprachlosigkeit, wäre allerdings das Rotwild der Verlierer.
Reinhard Schneider