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Nach ASP-Ausbruch: Kadaversuche mit Drohne, Treiber, Hundeführer?

Christian Schätze © dlv
Christian Schätze
am
Donnerstag, 10.09.2020 - 11:35
Ueberlaeuferbache-verendet © CS
Wenn ein verludertes Stück gefunden wird, muss das umgehend dem Veterinäramt mitgeteilt und der Fundort nach weiteren Stücken abgesucht werden. (Symbolbild)

Bei Schwarzwildjägern ist der Thümmlitzwald seit Jahren ein fester Begriff. Denn wer sich für perfekt organisierte Bewegungsjagden, unmissverständliche Freigaben und beeindruckende Schwarzwildstrecken interessiert, meldet sich bei einer Drückjagd in Colditz, Wermsdorf oder eben im Thümmlitzwald an. Tagesstrecken von über 100 Stück Schwarzwild sind im Süden von Leipzig keine Seltenheit. Manchmal ist die Tagesstrecke sogar deutlich größer.

Auch heute ist der Parkplatz, auf dem sich die Jäger sammeln, brechend voll. Ein Jagdhelfer mit leuchtender Warnweste weist den Gästen die letzten verbliebenen Parkplätze zu. Neben zahlreichen Redakteuren und Pressefotografen belagern auch Fernsehteams von ZDF, n-tv, mdr und RTL Sozialministerin Barbara Klepsch (CDU). Neben ihr steht Staatssekretärin Regina Kraushaar (Staatsministerium für Soziales und Verbraucherschutz), Amtstierärztin Dr. Asja Möller (Landkreis Leipzig) und Forstdirektor Andreas Padberg (Leiter Staatsbetrieb Sachsenforst). Auch Vertreter des Landkreises Leipzig und des Landtages sind gekommen und machen deutlich, wie ernst die ASP im Freistaat genommen wird.

Suche mit dem fliegenden Auge

Während Ministerin Klepsch die Presse begrüßt, sind drei Männer an ihrem Mercedes-Bus damit beschäftigt, eine Drohne flugbereit zu machen. Auf Nachfrage verrät der Pilot, der eine große Steuereinheit vor der Brust trägt, dass das Modell wegen seiner Leistungsfähigkeit nur mit Sondergenehmigung betrieben werden darf. Unabhängig davon dürfte auch der Preis von 250.000 Euro für Hard- und Software den Käuferkreis ziemlich einengen. Als die Hecklappe des Fahrzeugs geöffnet wird, zeigt sich ein großer Monitor. An diesen sendet die Drohne später ihre Bilder. Neben einer hochauflösenden Kamera verfügt das fliegende Auge auch über eine Wärmebildkamera, die feinste Temperaturunterschiede sichtbar machen kann. „Damit können wir sogar durch ein geschlossenes Blätterdach gucken“, erklärt einer der Männer mit hessischem Dialekt. Nicht nur lebende Stücke werden als helle Punkte sichtbar, sondern auch verwesende.

Gefundene Wildkörper müssen zum eingezäunten Sammelplatz gebracht werden.

Die Drohne beeindruckt jedoch nicht nur durch ihre technische Ausstattung. Sie gilt auch als ausgesprochen robust. So könne das Modell auch dann noch fliegen, wenn andere am Boden bleiben müssen - bei Regen beispielsweise. Auch Wind macht ihr kaum etwas aus. Neben dem Drohnenteam werden sich auch eine Hundestaffel und eine Menschenkette auf Kadaversuche begeben. Die Schwarzkittel (35-50 kg) hat das Forstamt Leipzig zur Verfügung gestellt, um die Suche so ralistisch wie möglich zu gestalten. „Es handelt sich durchweg um Stücke, die verworfen werden mussten“, verrät Amtstierärztin Dr. Asja Möller und eröffnet die Suche. Während die Drohne mit heulenden Motoren kerzengerade in den Himmel steigt, versammeln sich die sechs Hundeführer um Revierförster Ronald Köllner. Auf dem Waldweg formieren sich unterdessen 18 Treiber zu einer Menschenkette. Im Abstand von drei Metern werden sie den Wald absuchen.

Mensch gegen Hund und Maschine

Der Hundeführer hat mit seinem Schweißhund einen Schwarzkittel gefunden und den Bereich mit Flatterband markiert.

Welcher Trupp wird zuerst einen Fund an die Einsatzzentrale melden? Die Drohne? Denn sie kann in kurzer Zeit große Gebiete abfliegen. Oder haben die Hunde sprichwörtlich die Nase vorn? Schließlich handelt sich sich bei ihnen zum Großteil um eingearbeitete Nachsuchengespanne. „Die Hunde haben die erste Sau gefunden“, plärrt eine Stimme plötzlich aus dem Funkgerät der Amtstierärztin.

Nachdem Deutsch-Drahthaar-Führer Köllner die Koordinaten des Stücks durchgegeben hat, machen sich die Veterinäre auf dem Weg zum Fundort. Der liegt zwar nur 80 Meter neben der Straße, doch das Gelände ist unübersichtlich. „Das ist gewollt“, verrät Dr. Möller. „Kranke Stücke schieben sich in der Regel dort ein, wo sie Ruhe haben. Aus diesem Grund wurde das Stück unter einer umgestürzten Eiche in einer Rinne abgelegt.“

Damit das Bergeteam den Schwarzkittel findet, hat ein Hundeführer den Fundort mit rot-weißem Absperrband markiert.

Jeder Handgriff muss sitzen

Schutzanzüge und Handschuhe sind beim Bergen der verendeten Stücke Pflicht.

Mit dem schweren Geländewagen fährt Dr. Norman Ständer so nah wie möglich an die Fundstelle. Den Rest gehen er und seine beiden Kolleginnen zu Fuß. Um den Erreger später nicht zu verbreiten, tragen sie weiße Schutzanzüge, Gummistiefel und Einweghandschuhe. Nach bevor der Überläufer bewegt wird, nimmt der Veterinär eine Probe, steckt diese vorsichtig in eine Plastiktüte. Dann zieht er mithilfe seiner Kolleginnen das etwa 50 Kilogramm schwere Stück unter den Ästen hervor und hebt es in einen Leichensack. Als der Reißverschluss geschlossen ist, heben die drei den verpackten Kadaver auf eine Wildwanne und zerren die Ladung durchs Unterholz zum Geländewagen.

Den Rest erledigen Rampe und Seilwinde. Damit sich am Fundort keine anderen Schwarzkittel anstecken oder das Virus verschleppt wird, desinfiziert der Veterinär den Boden mit Wofasteril, einem Mittel auf Peressigsäurebasis. Auch Teile der Schutzbekleidung werden damit besprüht. Auf dem eingezäunten Sammelplatz holen die Veterinäre den Kadaver aus dem Auto, öffnen den Sack und hieven ihn in die Kadavertonne. Viel Zeit zum Durchatmen bleibt den Tierärzten nicht, denn die Suchmannschaften haben bereits die nächsten ASP-Attrappen gefunden.

Test bestanden, aber Zweifel bleiben

Nach der Arbeit desinfizieren die Tierärzte Bekleidung und Material mit Wofastil (Desinfektionsmittel auf Peressigsäure-Basis).

Die Organisatoren und die Pressevertreter sind zufrieden. Denn als Dr. Asja Möller sich nach dem Stand der Dinge erkundigen, fehlt nur noch ein Stück. Doch fünf Minuten später wird auch das gemeldet. Die Amtstierärztin schaut auf die Uhr und nickt zufrieden. „Test bestanden“, sagt sie und lächelt.

Auch ihr Chef, Gerhard Lehne ist zufrieden. „Eineinhalb Stunden sind eine gute Zeit“, sagt er. Dennoch habe er beim Gedanken an den Ausbruch der ASP ein wenig Bauchschmerzen. Wird die Bergung auch noch so reibungslos funktioniert, wenn 50, 100 oder noch mehr Wildschweine entsorgt werden müssen. Als leidenschaftlicher Schwarzwildjäger weiß er zudem, dass Keiler schnell mal 150 Kilogramm Lebendgewicht und mehr auf die Waage bringen können. So schwere Stücke ziehe man nicht mal einfach so aus dem Wald. Schon gar nicht, wenn es sich um ASP-Stücke handelt!