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Anschuss: Richtig deuten und erfolgreich nachsuchen

Redaktion jagderleben
am
Sonntag, 26.07.2020 - 16:51
Pirschzeichen-Decke © Matthias Meyer
Große Partien Deckenfetzen sind meist Streifschüsse an der Rückenlinie oder am hinteren Keulenrand, wenn unsinnigerweise auf flüchtiges Wild hingehalten wird!

Egal wie gewissenhaft man als Jäger ist, jeder wird die Situation schon erlebt haben, dass ein beschossenes Stück Schalenwild nach dem Schuss nicht am Platz liegt. Neben technischen Pannen ist hauptsächlich menschliches Fehlverhalten die Ursache dafür. Doch manchmal kommt es vor, dass Wild auch mit einem perfekten Treffer davonläuft und in der Deckung verschwindet.

Dieser rätselhafte Ort des Anschusses ist es, an den der Schütze zuerst kommt, um Pirschzeichen zu finden, die ihm den Erfolg oder Misserfolg seines Handelns zeigen. Gleichzeitig ist es der Ort, an dem jede ernsthafte Nachsuche beginnt. Denn hier findet man am ehesten Hinweise auf die Verletzung des Tieres oder einen Fehlschuss. Aufgrund einer ersten Analyse können dann der Treffersitz, das Ausmaß der Verwundung, aber auch die Vorgehensweise bei der anstehenden Nachsuche eingeschätzt und geplant werden, um so eine möglichst hohe Erfolgschance zu wahren, das Stück schnellstmöglich zu erlösen.

Eine Sache der Perspektive

Doch oft besteht die erste große Hürde bereits darin, den exakten Anschuss zu lokalisieren. Wer es zum festen Ritual macht, sich bereits vor der Schussabgabe den Standort des Stückes zu merken, wird dabei klar im Vorteil sein. Kleinste Geländemarken wie eine Salzlecke, ein Baum oder eine Distelstaude dienen dazu, den Anschussbereich im Gedächtnis zu behalten und später wiederzufinden. Leider ist das nicht immer so einfach – sei es beim Flüchtigschießen auf der Drückjagd oder beim Jagen auf einem frisch gesäten Maisacker in der Nacht. Manchmal hilft es vorher, die Entfernung zum Wild zu messen. Damit wird der später abzusuchende Bereich deutlich eingeschränkt. Eine andere Möglichkeit ist, als Schütze von seinem Stand eine zweite Person einzuweisen. Denn wenn der Hochsitz erstmal verlassen wurde, sieht die Welt um einen herum ganz anders aus. Noch verwirrender wird die Geschichte beim Pirschen vom Stock aus.

Bereich systematisch mit Taschenlampe ableuchten

In diesem Fall muss es zur festen Angewohnheit werden, dass der Jäger deutlich und unverkennbar seinen eigenen Standort zur Zeit der Schussabgabe kennzeichnet, bevor er sich dort wegbewegt. Am vermuteten Anschuss wird dann ruhig und gründlich gesucht, ohne diesen und die meist winzigen Pirschzeichen zu zertreten oder gar mit der Wundwittrung an den Schuhen unnötige Verleitungen für den Hund zu legen. Das hört sich einfacher an, als es in der Praxis ist. Denn häufig ist es bereits dämmerig oder gar dunkel, wenn wir geschossen haben. Hier empfiehlt es sich daher, den Bereich mit einer Taschenlampe systematisch abzuleuchten. Grobe und aussagekräftige Pirschzeichen wie Organteile oder Knochensplitter werden in einem weißen Papiertaschentuch eingewickelt und für den Schweißhundeführer gesichert. Sie geben am ehesten Auskunft über den Treffersitz. Verbleiben sie am Ort, werden sie bis zum nächsten Morgen von Raubwild oder Schnecken gefressen.

markieren-verbrechen-Anschuss © Matthias Meyer

Steht der genaue Anschuss fest, markiert (verbricht) ihn der Schütze auffällig und sichert eventuell aussagekräftige Pirschzeichen in einem weißen Papiertaschentuch für den Schweißhundeführer.

Brauchtumsgerechte Markierung des Anschusses möglich

Sollte eine erste Inspektion erfolglos sein, beendet der Schütze die weitere Suche, markiert den Ort dauerhaft und auffällig, um dann beim ersten Tageslicht wieder genauer nachzusehen. Selbstverständlich spricht nichts gegen eine brauchtumsgerechte Markierung des Anschusses, solange es denn Sinn macht und sich wiederfinden lässt. In unübersichtlichem Gelände haben sich allerdings auffällige Taschentücher oder Farbbänder aus Zellstoff bewährt.

Auf Knien zum Anschuss gelangen

Auf der Suche nach Pirschzeichen sollte nicht nur nach Schweiß oder Knochen geschaut werden. Den Kugelriss sowie Eingriffe und Ausrisse – die das Stück hinterlässt, wenn es seine Flucht beginnt – zu finden, bringt einen oft schon deutlich weiter. Insbesondere die Suche nach dem Kugelriss ist aussichtsreich. Denn wenn sich an die allgemein gültige Regel gehalten wurde, „seine Kugel im gewachsenen Boden zu begraben“, findet man diesen auch meist. Der Kugelriss und der Standort des Schützen bilden die imaginäre Flugbahn des Geschosses. Wenn man sich nun vorsichtig vom Kugelriss in Richtung Stand auf den Knien bewegt, stößt man bei günstigen Bodenverhältnissen auf die Eingriffe. Das sind tief und meist senkrecht in den Boden gedrückte Schalenabdrücke. Auf den ersten Metern der Flucht finden sich zudem die sogenannten Ausrisse – Bodenpartikel, die zwischen den Schalen beim Eingreifen einklemmen und dann wieder herausfallen. Abgesehen von einem Rothirschbrunftplatz, wo auch gesunde Hirsche bei abrupten Richtungswechseln diese Pirschzeichen hinterlassen, finden wir sie nur, wenn das Stück die Kugel quittiert oder sich bei einem Fehlschuss entsprechend erschrickt.

Markierung-Zielstock-Reh © Matthias Meyer

Eine wertvolle Hilfe kann es sein, sich an seinem Bergstock die Ober- und Unterseite des Wildkörpers der häufigsten bejagten Wildarten farblich zu kennzeichnen.

Über- oder unterschossen? So erkennen Sie es

Mit einem kleinen Trick lässt sich nun grob abschätzen, ob das Stück deutlich über- oder unterschossen wurde, oder ob die Flugbahn des Geschosses innerhalb des Wildkörpers liegen könnte. Dazu sollte sich der Jäger an seinem Pirschstock zwei Markierungen anbringen. Die untere kennzeichnet beispielsweise die Bauchlinie von Rehwild, die zweite Markierung zeigt die Widerristhöhe. Bei den anderen Schalenwildarten sitzen die Marken entsprechend der unterschiedlichen Lauflänge bzw. Höhe des Wildkörpers in einem anderen Abstand. Sinn macht es, sich auf die Wildarten zu beschränken, auf die man am häufigsten jagt. Der Pirschstock wird auf die Eingriffe gestellt und der Jäger fluchtet, mit der Wange des Zielauges auf dem Kugelriss liegend durch die Markierungen in Richtung Ansitzplatz. Befindet sich die Linie zwischen den Markierungen am Stock, ist ein Treffer sehr wahrscheinlich, auch wenn erstmal keine Pirschzeichen zu finden sind.

Mit dem Zielauge auf dem Kugelriss kann über den markierten Bergstock, der auf die Eingriffe gestellt wird, zur Ansitzeinrichtung zurückgefluchtet werden.

Denn selbst wenn man auf dem Anschuss kniet, sind diese nicht ganz einfach zu entdecken! Es ist immer wieder verblüffend und bringt die Kursteilnehmer meiner Anschuss-Seminare stets zum Staunen, wenn sie die wenigen und kleinen organischen Partikel, die gefunden werden, mit den recht großen Ausschüssen vergleichen. Dabei liegen nur wenige schwere Teile in der Nähe des unmittelbaren Anschusses. Je nach Munition, Laborierung, Schusswinkel und getroffener Körperpartie fliegen sie in einer Art Kegel mehrere Meter weit hinter das Stück oder verlieren sich auf den ersten Metern der Flucht. Deshalb lohnt es sich, der Fluchtrichtung einige Meter zu folgen. Dort liegen dann gelegentlich Röhrenknochensplitter bei Laufschüssen oder Zähne bei Äser- und Gebrechschüssen. Nicht selten hört der Schweißhundeführer die korrigierenden Ratschläge des Schützen, dass der Hund ja an ganz falscher Stelle faselt, obwohl das Stück sicher an dem Futterbarren stand. Den Hund als nasenorientiertes Raubtier ziehen allerdings zuerst die stärksten Wittrungsbrocken an. Diese verweist er zunächst und begibt sich erst dann Bogen schlagend nach dem uralten Prinzip der jagenden Hunde (Bracken) an die eigentliche Wundfährte, um sie dann konzentriert voranzubringen.

Viele Schnitthaare = meist ein Streif- oder Krellschuss

Mitunter bestätigen Schweißspritzer einen Treffer. Auch Schnitthaare können darüber Auskunft geben, allerdings sind sie – zur Zeit des Haarwechsels – mit Vorsicht zu betrachten. Sie unterscheiden sich dadurch, dass sie keine Haarwurzel haben, da sie beim Auftreffen des Geschosses abgeschnitten werden. Dies geschieht jedoch nur auf einer kalibergroßen Fläche, die Menge ist daher entsprechend überschaubar. Finden sich viele Schnitthaare, liegt meist ein Streif- oder Krellschuss vor. Mit zunehmender Erfahrung hilft ein Schnitthaarbuch, den Treffersitz anhand des Haaraufbaus sowie der Länge und Farbe bestimmten Körperteilen zuzuordnen; insbesondere bei „buntem“ Wild wie Dam- oder Muffelwild. Bisher erfolgte die Suche nach Pirschzeichen mit den Augen. Zur endgültigen Klärung der Sachlage und um absolut sicher zu sein, ob es ein Treffer oder ein Fehlschuss war, bedarf es allerdings immer der Hundenase – sie entscheidet letztendlich. Denn für den Hund existieren ganz andere Parameter, die ihm Beute versprechen. Farblose Lymphflüssigkeit oder Wundwasser sind dabei als Geruchspartikel ebenso wahrnehmbar wie der für uns sichtbare Schweiß.

Nachsuchen ist nichts für jeden Hund

Diese Wittrung zieht jeden Jagdgebrauchshund unabhängig von seiner Ausbildung und Rasse an. So ist auch ein nicht gleich zu findender Anschuss mithilfe eines (an Schweißriemen oder Feldleine) angeleinten Hundes alsbald verwiesen. Für den Führer kommt es nur darauf an, dass er das Verweisen seines Hundes auch erkennt und dann an diesen Stellen selbst gründlich nachsieht. Außerdem muss er aufpassen, dass sein vierbeiniger Jagdhelfer nicht vor seinen Augen die Pirschzeichen frisst!

Ohne Zweifel will der Hund dann der frischen Fährte folgen, egal ob krank oder nicht. Der unerfahrene Jäger lässt ihn in dieser Situation gewähren, und manchmal findet das Gespann auch nach einer kurzen Todsuche zum Stück. Leider wird in der Folge, beflügelt durch das Suchenglück beim letzten Mal, dann häufig der Fehler begangen, auch schwierigere Wundfährten anzugehen. Doch solche Fährten bedürfen einer entsprechenden Kondition hinsichtlich der anstrengenden Schnüffel-/ Zwerchfellatmung, sie ist also nichts für ungeübte Hunde. Wenn dann die Bestätigung fehlt oder der Hund in die Dickung zieht, wird er oft genug auch noch ins Blaue geschnallt. So wird jede nachfolgende Nachsuche unnötig erschwert oder erfolglos. Denn unkontrollierte Hetzen bringen zusätzliche Verleitfährten für das nachfolgende Gespann.

Krankes Wild betreibt stets ein Schmerzvermeidungsverhalten

Alle von Hund und Jäger gefundenen Pirschzeichen ergeben alsbald ein Bild aus Puzzleteilen, das für das weitere Vorgehen bezüglich der Nachsuche entscheidend ist (siehe Kasten 2). Der erfahrene Schweißhundeführer wird in jedem Fall – auch wenn keine Pirschzeichen zu finden sind – die Fluchtfährte des Stücks einige Hundert Meter vom Hund zur Kontrolle arbeiten lassen, um noch weitere Erkenntnisse zu sammeln. Denn krankes Wild betreibt stets ein Schmerzvermeidungsverhalten, wenn es nach dem Schuss in Ruhe gelassen wurde. Oft zieht es anfangs nur bis in die nächste Deckung und verhofft dort länger, um sich zu orientieren. Spätestens hier finden wir ein Tropfbett. Erkennt das kranke Stück keinen Verfolger, geht es teilweise sogar bei nicht tödlichen Verletzungen schon ins Wundbett, um den Schock zu verarbeiten. Das nach langer Wartezeit arbeitende Gespann findet das verendete oder schwer kranke Stück meist nach einer überschaubaren Riemenarbeit. Selbst im Falle einer Hetze kommt diese nach wenigen Hundert Metern zum Stehen und gibt so die Möglichkeit für einen raschen Fangschuss vor dem stellenden Hund.


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