Home Praxis Allzeit - Zeckenzeit!

Allzeit - Zeckenzeit!

Foto: Pirsch © PIRSCH

Bei mir ist es immer besonders schlimm!“, klagt Pirsch-Mitarbeiter Werner Reb. Er verfügt über jahrelange, leidvolle Erfahrung mit Zeckenbissen und ihren Folgen. Warme Wochen treiben ihn fast das ganze Jahr über zur Verzeiflung. „Verließ man sich bisher darauf, dass die Biester sich mit der Fressplatzsuche Zeit lassen und eher warme, sprich verdeckte Körperstellen aufsuchen, so beginnen sie jetzt ihre Mahlzeit sofort am Ort des Auftreffens, zum Beispiel an den Händen. Selbst im Gesicht beginnen sie sofort zu saugen, wie mir dies neulich passierte, als ich mit meinem jüngsten Enkel Lorenz im Wald war. Übrigens, während bei mir fast ein Dutzend Zeckennymphen andockten, fing der Kleine sich nicht eine einzige ein.“

Stabiles Wetter!

Genaues Hinschauen lohnt
sich! Vor allem die Jugendstadien
der Zecken sind am
Anfang sehr unauffällig. Foto: W. Reb © W. Reb

Genaues Hinschauen lohnt sich! Vor allem die Jugendstadien der Zecken sind am Anfang sehr unauffällig. Foto: W. Reb

Und dabei hat nicht nur die Zahl der übertragenen Krankheitsfälle zugenommen (siehe Kasten). Noch vor 15 Jahren wäre es unmöglich gewesen, auch im Winter auf aktive Zecken zu treffen. Das ist heute schon fast normal. Ganz entscheidenden Einfluss auf die Entwicklung einer regionalen Zeckenpopulation hat der Wetterverlauf. Folgen die einzelnen Zeckenstadien sehr schnell aufeinander, lässt das einigen Krankheitserregern nicht genügend Zeit zur Entwicklung im Zeckendarm oder -magen. Eine lange (Ruhe-)pause zwischen Blutmahlzeiten macht die Zecken deutlich gefährlicher als in Regionen, die durch starke Klimaschwankungen die rasche Entwicklung von Zecken begünstigen. Sind das gute Nachrichten? Eigentlich nicht, denn die langen Warmphasen, die in unseren Breiten immer häufiger werden, begünstigen gerade die Verbreitung der häufi gen und äußerst tückischen Borrelien. Zwischen 2002 und 2006 wurden in Deutschland immerhin über 23 000 Krankheitsfälle beim Menschen gemeldet. Die Zahl der Neuerkrankungen – von denen nicht alle erkannt oder gemeldet werden – schätzen Fachleute auf 60 000 bis 80 000 pro Jahr.

Mediterran?!

Auch scheinen die Erreger im Zeckendarm „Fahrt aufzunehmen“. Zum Beispiel weisen Hunde, die von einer infi zierten, männlichen Auwaldzecke gebissen werden, schon zwölf Stunden danach Babesiose-Erreger im Blut auf. Im vergangenen Jahr gaben über 40 Prozent der befragten Tierärzte an, in ihrer Praxis Fälle von „Hunde- Malaria“ diagnostiziert zu haben. Die hat sich mittlerweile von einer typischen Reiseerkrankung, die man aus dem Urlaub mitbrachte, zu einer ganzjährig in Deutschland übertragenen Infektion entwickelt. Denn nach den aktuellen meteorologischen Daten herrscht hier bereits ein mediterranes Klima mit Jahresdurchschnittstemperaturen, die in einigen Regionen bereits zehn Grad Celsius überschreiten. Kein Wunder also, wenn auch typische Krankheiten aus dem Mittelmeerraum langsam bei uns Fuß fassen, zum Beispiel Leischmaniose, Babesiose, Rickettsiose oder Q-Fieber. Besonders die Herbstzecken sind gefährliche Überträger: Sie haben bereits den ganzen Sommer über an anderen Wirtstieren Blut gesaugt. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie dabei einen oder auch mehrere Parasitenarten aufgenommen haben, ist deshalb höher als im Frühjahr. Auch wenn es im Herbst insgesamt etwas weniger Zecken gibt – jeder Kontakt kann unerfreuliche Nebenwirkungen haben. Das bestätigen auch Dr. Gabriele Poggensee und ihr Kollege Balazs Fülöp vom Berliner Robert-Koch- Institut: „Nach warmen Herbstmonaten, wie sie zum Beispiel 2005 und 2006 auftraten, stieg die Zahl der Borreliosefälle, die zwischen September und November auftraten, deutlich.“ Eigentlich sind sie nur Mittel zum Zweck: Holzbock und Co. transportieren Parasiten von Wirtstier zu Wirtstier. Die verschiedenen Erreger haben sich an die Chemie im Körper der Spinnentiere gut angepasst. Aber immer wieder fi nden Borrelien und anaufdere Bakterien, Einzeller oder Viren auch das Innere von anderen Blutsaugern erträglich bis hin zu attraktiv.

Mücken und Bremsen

Sie reisen als blinde Passagiere
nicht nur bei Zecken,
sondern gelegentlich auch
bei Stechmücken und
Bremsen mit Borrelien. Foto: Zecken.de © Zecken.de

Sie reisen als blinde Passagiere nicht nur bei Zecken, sondern gelegentlich auch bei Stechmücken und Bremsen mit Borrelien. Foto: Zecken.de

Pferdebremsen und Stechmücken können durchaus Borrelien bei einer Blutmahlzeit übertragen. Entscheidend ist, dass die Mehrzahl der Parasiten in kleinen Nagetieren oder in Vögeln lebt. Ein gutes „Parasitentaxi“, in der Fachsprache ein Vektor, saugt an vielen verschiedenen kleinen und großen Warmblütern, nah und fern. Zecken sind ideal, weil sie in ihrem Lebenslauf die ganze Bandbreite von Säugetieren und Vögeln „besaugen“, von der Gelbhalsmaus bis zum Elch. Andererseits haben sie durch die vielen „Parasitenkontakte“ ein Abwehrsystem entwickelt, das viele der aufgenommenen Erregerstämme in ihrem Darm vernichtet. Dort, wo bereits viele Blutparasiten vorkommen, kann grundsätzlich jeder Blutsauger auch die Krankheitserreger übertragen. Dabei sind Mücken, Bremsen, Zecken, Flöhe und andere unterschiedlich „gemütlich“ für die verschiedenen Parasitenstämme. Und schließlich trägt auch die Immunabwehr von Mensch und Haustier wesentlich dazu bei, ob ihr Körper die Eindringlinge rasch und effi zient bekämpfen kann. Grundsätzlich aber ist richtig, dass der Schutz vor Insektenstichen und Zeckenbissen immer noch die beste und sicherste Strategie gegen die Krankheiten aus dem Wald sind.

FSME nimmt zu

Foto: Pirsch © PIRSCH

Foto: Pirsch

Die Zahl der von Zecken übertragenen Hirnhautentzündung FSME hat in Deutschland im vergangenen Jahr zugenommen. Das Berliner Robert Koch-Institut (RKI) registrierte bundesweit 285 Fälle der Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME), nach 238 im Jahr zuvor. Betroffen waren vor allem Baden- Württemberg mit 130 Fällen und Bayern mit 126 Fällen. Allein im baden-württembergischen Ortenaukreis wurden seit dem Jahr 2001, seit Beginn der Aufzeichnungen, 188 FSMEFälle registriert. Die Zahl der gemeldeten FSME-Erkrankungen 2008 entspreche aber in etwa dem langfristigen Niveau, erläuterte das RKI. Im Jahr 2005 und 2006 gab es mit 432 beziehungsweise 546 registrierten FSME-Fällen deutliche Ausreißer nach oben. Als Grund wird das Wetter angenommen, es gebe aber mit Sicherheit weitere Faktoren. In zahlreichen europäischen Ländern von der Ostsee bis zur Adria schwanke die Zahl der FSME-Fälle weitgehend im Gleichtakt. Sehr viel häufi ger als FSME ist die ebenfalls von Zecken übertragene Borreliose. Von der bundesweit verbreiteten Bakterien-Infektion gibt es jährlich etwa 80 000 bis 100 000 Neuerkrankungen. BHA