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Allein auf weiter Flur?

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Gebi Schurti ist Liechtensteins einziger Berufsjäger. Foto: GeS © GeS

Gebi Schurti ist Liechtensteins einziger Berufsjäger. Foto: GeS

ST. HUBERTUS: Gebi, du bist der einzige Jäger in Liechtenstein, der hauptberuflich arbeitet. Fühlst du dich allein auf weiter Flur?
Schurti: Ich fühle mich nicht allein gelassen, da in einem weiteren Revier, im Revier Sass, auch ein vollamtlicher Jagdaufseher arbeitet. Wir arbeiten gut zusammen und auch mit den Jagdaufsehern der anderen Reviere klappt das Miteinander recht gut. Die übrigen Reviere werden von zehn nebenamtlichen Jagdaufsehern betreut. Ich glaube übrigens, dass mein Beruf eine aussterbende Spezies ist.

ST. HUBERTUS: Wer ist dein Arbeitgeber, was sind Schwerpunkte deines Werkens und wann hast du deine Arbeitsspitzen?
Schurti: Ich bin von den Pächtern der zwei Reviere Lawena und Valüna (2.600 ha) angestellt. Zu meinen Aufgaben zählt eigentlich alles, was im herkömmlichen Sinne ein Berufsjäger zu tun hat. Dazu gehören, um ein paar Beispiele zu nennen: Wildzählungen, Pirschwegeerhaltung, Hochsitzbau und -instandhaltung, Pirschführungen, Betreuung der Jagdhütten, Abschussplanerfüllung, Wildbergung und -versorgung u. v. a. m. Sehr viel Arbeit habe ich im Sommer mit dem Mähen und Heuen der Magerheuwiesen und Äsungsflächen sowie dem Erstellen der Heu-Tristen. Ich mähe derzeit rund acht Hektar zum Teil sehr steiles und schwer zugängliches Gelände. Das ist sehr harte Knochenarbeit.

ST. HUBERTUS: Hast du einen hohen Abschussplan zu erfüllen?
Schurti: Wir haben einen hohen Abschussplan, speziell beim Rotwild, der immer schwieriger zu erfüllen ist. Wir erlegen rund 100 Stück Schalenwild auf 2600 Hektar Revierfläche.

ST. HUBERTUS: Welche Hauptwildarten leben in deinem Revier? Hast du auch mit Rotwild, dessen Überwinterung und den dabei anfallenden Problemen zu tun?

Schurti: Bei mir gibt es Lebensraum für Rot-, Reh-, Gams- und Steinwild. Ich muss aber jetzt, im Gegensatz zu früher, keine große Rotwildfütterung mehr betreuen. Ich kontrolliere aber regelmäßig die Heu-Tristen, die wir im Sommer für das Wild in den Wintermonaten aufstellen. Die Murmeltiere bereichern unsere Wildarten.

ST. HUBERTUS: Du stehst auch in der Öffentlichkeit. Du hältst Vorträge, z. B. über das Wildern (das Weldala). Passiert es heute noch im Fürstentum?
Schurti: Nicht mehr im gleichen Ausmaß wie früher. Damals wurde gewildert, um zu überleben und die Familie zu ernähren. Es wird leider auch heute noch gewildert, jedoch anders und ohne jegliche "Wildromantik", meistens nachts und aus Autos.


ST. HUBERTUS: Du hast gerade angedeutet, dass Rotwild im Fürstentum seit 2004 nicht mehr (kaum mehr) gefüttert wird. Wie siehst Du das aus heutiger Sicht?
Schurti: Ich konnte es mir lange Zeit nicht vorstellen, keine Rotwildfütterung im herkömmlichen Sinne mehr zu betreuen. Als die Großfütterungen schließlich verboten wurden und wir auf ein Notfütterungskonzept umstellen mussten, waren wir bemüht, die Umstellung für das Wild gut zu schaffen. Heute, so glaube ich, darf ich sagen, dass uns dieser Umkehrweg recht gut gelungen ist. Früher hatten einige wenige Reviere enorme Kosten für das Futter zu tragen. Der Neid unter den Revieren war relativ groß, weil sich die Reviere ohne Fütterung im Nachteil sahen. Heute haben wir eine viel größere Verteilung des Rotwildes im Winter. Das erhöht die Abschussmöglichkeiten für den einzelnen Jäger.

ST. HUBERTUS: Nimmt in deinem Berufsalltag die Pirschführung viel Zeit in Anspruch oder erlegst du die Stücke großteils selbst?
Schurti: Pirschführungen, speziell auf Gamswild, habe ich viele. Einen großen Teil des Abschusses, speziell Kahlwild und schwache Stücke, erlege ich selbst.


ST. HUBERTUS: In Liechtenstein, Vorarlberg und Graubünden fährten sich Hirsche mit Sendern. Hast du mit diesem Projekt auch zu tun bzw. was hat man daraus gelernt?
Schurti: Bei uns im Revier machen wir keine Besenderungen. Das Projekt ist noch nicht abgeschlossen. Zum Teil sind die Wanderungen, speziell die des Rotwildes in Liechtenstein, gar nicht so groß, wie angenommen, vor allem beim Kahlwild, das ist großteils sehr standorttreu.

ST. HUBERTUS: Die Liechtensteiner leben noch nicht mit Bär und Wolf, aber seit Jahren schon mit dem Luchs. Funktioniert es aus deiner Sicht oder gibt es Probleme?
Schurti: Der Luchs ist bei uns präsent. Er wird ab und zu gesehen und gespürt. Das Miteinander funktioniert.

ST. HUBERTUS: Arbeitest du als einziger hauptberuflicher Jäger Liechtensteins auch mit der Wissenschaft zusammen?
Schurti: Wenn ich angefragt werde, gerne. Ich bin jedoch der Meinung, das Wild soll auch in Zeiten wie diesen noch seine Geheimnisse haben dürfen und wir Menschen sollen nicht mit allen Mitteln danach trachten, alles wissen und ergründen zu müssen.

ST. HUBERTUS: Wie geht es dir mit der nicht jagenden Bevölkerung Liechtensteins in deinem Berufsalltag, so nach dem Motto "Respektiere deine Grenzen"?
Schurti: Als Berufsjäger werde ich respektiert. Geht man auf die Leute ein, sind die meisten lernfähig und vernünftig. Bei der Erstellung und Schaffung von Schonzonen und Wildruhezonen haben wir leider aber auch feststellen müssen, dass dafür gar nicht so wenige Menschen kein Verständnis haben.

ST. HUBERTUS: Würdest du an der Jägerausbildung in Liechtenstein etwas ändern oder erweitern? Welche jagdlichen Themen liegen dir ganz besonders am Herzen?
Schurti: Ich war viele Jahre selbst in der Jagdprüfungskommission und bin daher der Meinung, dass das Lernangebot groß ist und der Ausbildungsstand zufriedenstellend ist. Vermehrt aber sollten wir uns wieder der Ethik, dem Respekt vor der Kreatur, der Waidmannssprache und dem sinnvollen Brauchtum zuwenden. Das "Zahl vor Wahl"-Erlegen, wie von vielen gepredigt, ist aus meiner Sicht sehr zu hinterfragen.


ST. HUBERTUS: Was ist im Fürstentum jagdbetrieblich anders als bei den Nachbarn Vorarlberg oder Graubünden?
Schurti: Da gibt es einiges, das würde hier den Rahmen sprengen. Aber um nur ein paar Punkte zu nennen: Wesentlich ist, dass die Jagd bei uns nicht mit Grund und Boden verbunden ist. Sie ist Landesregal. Das Thema Winterfütterung ist sehr unterschiedlich geregelt. Graubünden z. B. jagt im Rahmen der sogenannten Patentjagd und kennt keine Fütterung.

ST. HUBERTUS: Was möchtest du den Lesern unbedingt noch mitteilen?
Schurti: Die Leistungen, die Dienstleistungen der Jäger sollten von der Bevölkerung und den Behörden noch mehr anerkannt werden. Der Jäger vollbringt Dienstleistungen für die Öffentlichkeit, indem er den Wildbestand regelt, indem er bewirkt, dass Bergwiesenflächen nicht zuwachsen u.v.a.m. Die Jäger in Hochgebirgsrevieren sind nicht selten unter widrigen Umständen unterwegs, was oft auch Einsätze unter Lebensgefahr bedeutet.

ST. HUBERTUS: Gebi, danke für den Gang durch dein Revier!