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Alle Jubeljahre

„Spekulieren“ nennt der Berg­jäger das ausdauernde Absuchen der Halden,
Rinnen und
Latschenfelder mit Spektiv oder Fernglas nach dem tagaktiven Gamswild. (Foto: JMB)
Ein volles Jahrzehnt war ver­gangen, ehe der
Berufsjäger (l.) seinem Jagdgast erneut Waidmannsheil zu
einer Gams wünschen konnte. (Foto: JMB)

Ein volles Jahrzehnt war ver­gangen, ehe der Berufsjäger (l.) seinem Jagdgast erneut Waidmannsheil zu einer Gams wünschen konnte. (Foto: JMB)

Der Familienrat war sich ­einig: „Wenn ihm die Gamsjagd zu seinem 60. Geburtstag schon so gut gefallen hat, dann soll er zu seinem 70. wieder eine haben.“ Er, das ist das Familienoberhaupt mit Namen Josef. Familienrat hielten die ­Gattin, zwei jagende Söhne, die beiden Töchter und die Schwieger- und Enkelkinder.
Die Gamsjagd von 1998 am Untersberg ist jedem in der Familie ein fester Begriff. Ein Bilder-Potpourri davon hängt im Hausgang, das damals erbeutete Gamskrickerl hat seinen besonderen Platz im Jagdzimmer und in mancher grünen Runde wurde das Erlebte – zum Teil wortwörtlich – zitiert, ja heraufbeschworen.
Über den „Thomas-Eder-Steig“, einer in den blanken Fels getriebenen, schwindelerregenden Traverse, ging es damals zur „Mittagsscharte“ hinauf. Den Vortag hatte man damit verbracht, an den weitläufigen Bergflanken ausgiebig zu pirschen. Reichlich Gamswild kam dabei in Anblick, auch in Schussentfernung. Doch „Zeit lassen“ war die Devise. Das Stück sollte schon passen. Viel zu schnell verging der herrliche Herbsttag. Den ausgelassenen Sprüngen der Gamskitze, den sie von Zeit zu Zeit disziplinierenden Matronen und den sich darüber erhaben fühlenden Böcken hätte man ewig zusehen können.

Auf der Mittagsscharte angekommen wurde es gleich ernst. Der Jagdgast selbst hatte das kaum wahrnehmbare Gamshaupt oben in dem Latschenfeld entdeckt. „Ja, der hod a Aug“, kommentierte der führende Berufsjäger diesen Umstand trocken. Man bezog Stellung. Trotz angestrengter Suche waren keine weiteren Stücke mehr auszumachen.
Die Gams entpuppte sich als eine nicht mehr ganz junge Geiß mit passabler Auslage. Die hätte schon gepasst – wären nur die Latschen nicht gewesen. In der Nähe war zudem eine steile Felskante. Dort zu schießen war riskant. Ein Sturz über die Wand hinab würde die Trophäe mit Sicherheit ruinieren; vom Wildpret nicht zu reden.
Die folgenden Minuten des Wartens steigerten die Anspannung bei Führer und Geführtem. Der kauerte bereits seit geraumer Zeit im Anschlag. Ein üppiger Wurzelstock bot sichere Auflage und ­Deckung – doch das Jagdfieber nahm zu. „Geh, tu mir den Ge­fallen und zieh a bissl bergwärts“, lautete sein Wunsch an das Wild. Die Gams zog nicht. Dafür waren jetzt ganz deutlich die Stimmen von Ausflüglern zu vernehmen, die dem nahen Abstieg zustrebten. Sie würden direkt an den Jägern vorbei kommen; bald musste es sich entscheiden.
Die Geiß hatte die Wanderer im Gegenhang schon fest fixiert, schien aber unschlüssig, ob sie abspringen sollte. Lautes Kinderlachen gab den Ausschlag. Zwei, drei kraftvolle Fluchten den Hang hoch folgten – und ein kurzes „Standerl“. Kein weiteres Gamswild war sichtbar geworden. Letzte Zweifel verflogen. „Die passt sicher!“, lautete die Freigabe durch den Jagdführer. Die Geiß hatte es sich überlegt. Sie wendete sich abwärts und zum Abgrund hin. „Lass sie nimmer z'nah do hi“, erfolgte die Mahnung. In dem Moment brach der Schuss. Das Stück tauchte nach unten weg. „Hatt's scho ghabt“, zerstreute der Jagdführer die Bedenken des Schützen. So war es. Die Gams hatte die Felskante nicht mehr erreicht. Nicht führend und mit ihren neun Jahren war sie eine ­beglückende Jagdbeute.
Und was war jetzt da so Besonderes an dieser Jagd, wird sich mancher Fragen? Es war wohl die Mischung. Zunächst einmal waidwerkt ein bodenständiger Jäger aus dem Bayerischen Wald ja nicht alle Tage außerhalb der angestammten Gefilde. Zudem war die Freude dieser Tage eine geteilte: Die Söhne waren mit dabei und auch Jagdfreund Heinrich, der nicht allzulange danach leider das irdische Revier verlassen musste. Natürlich trugen Wild und Natur des Untersberg-Massivs, an der bayerisch-salzburgischen Grenze gelegen, das ihrige dazu bei.
Doch das war nur die halbe Miete: Ohne den Herrn und Hüter dieser Wildbahn, dem zuständigen Berufsjäger, wäre die Sache wohl nicht so „stimmig“ geworden. Er trägt ebenfalls den Namen Josef. Nicht nur zur Unter­scheidung von seinem Jagdgast, sondern weil ihn ohnehin alle so rufen, sei er hier Sepp genannt. Ohne seine ganz eigene Art hätten Revier und Jagdgast wohl nicht so „zueinander gefunden“. Man will sich beim Jagen ja nicht als Fremdkörper, oder gar als Eindringling empfinden, sondern als Teil eines großen Ganzen. Der Sepp – wenn man ihn nur machen lässt – versteht es wunderbar, diese Verbindung herzustellen.
Darum sollte die Neuauflage auch unbedingt in seinem Revier, unter seiner Führung stattfinden. Würde das so einfach möglich sein? Es gelang. Beim Forstbetrieb Berchtesgaden des Unternehmens Bayerische Staatsforsten wurde der Gamsabschuss frühzeitig beantragt, alles Weitere konnte dann schon mit dem Berufsjäger vereinbart werden.
Anfang September ging es los. Der Aufstieg zur Toni-Lenz-Hütte erfolgte am Vorabend. Die Anreise hatte sich etwas verzögert, jetzt musste man sich ranhalten, um vor Einbruch der Dunkelheit das Nachtquartier zu erreichen. Mit jedem Schritt bergwärts verlor sich der „Zivilisationslärm“ immer mehr. Die hoch aufragende Felswand unter dem Gipfelbereich wirkte in der sich nun schon deutlich abzeichnenden Dämmerung fast unwirklich. An deren Basis schmiegt sich die Hütte wie etwas natürlich Gewachsenes in den dort sanfter abfallenden Hang. Erinnerung wurde wach und Vorfreude stellte sich ein; weit war es jetzt nicht mehr: „Auf gehts, pack mas... '
Oben hielt der Berufsjäger, der auch in die Bewirtschaftung der Hütte eingebunden ist, bereits Ausschau nach den Gästen. „Jetzt is' aber Zeit wordn!“, begrüßte er das Trio, bestehend aus dem Josef und dessen Söhnen. Typisch für ihn. Denn wenn er eines nicht ­haben kann, dann ist das ein zu knapp kalkuliertes Zeitbudget – besonders bei der Jagd.
Der leichten „Ermahnung“ folgte eine herzliche Aufnahme im ­gemütlichen Gastraum der Hütte. Nichts hatte sich verändert. Und schon ergab sich ein munteres Gespräch. Die zehn Jahre, die man sich nicht gesehen hatte, schrumpften bis zur Bedeutungslosigkeit zusammen.
Der kurzen Nacht im urigen Lager der Schutzhütte folgte ein belebendes Frühstück. Es eilte nicht. Gamswild ist Tagwild. Außerdem war schlechtes Wetter angesagt. Das hatte den Vorteil, dass kaum Berggeher unterwegs sein würden. Allerdings konnte der „Gamshüter“ genannte, aufsteigende Nebel, alle Chancen zunichte machen. Spät erfolgte der Aufbruch. Ziel war wieder die Mittagsscharte. Auf dem Weg dorthin lichtete ein leichtes Herbstlüftchen nach und nach die Nebel. Wunderbar! Auch die Gams ließen sich jetzt anschauen. Was ist das doch für ein herrliches Revier. In den Bayerischen Staatsforsten hat sich seit der Reform von 2005 vieles verändert. Der Druck auf die Förster und gerade auch auf die Berufsjäger nahm zu. Der Wald muss umgebaut werden. Welchen Stellenwert räumt man dabei der Jagdgastführung ein? Hier oben, oberhalb der Baumgrenze war davon aber weniger zu spüren. Dem Sepp war es offenbar gelungen, die Anforderungen der neuen Zeit mit den Bedürfnissen „seines“ Wildes in Einklang zu bringen. Wahrscheinlich sieht die Betriebsleitung außerdem, dass die Jagdgastführung hier nicht nur Einnahmen erbringt, sondern auch echte Werbung für die Staatsforsten ist.
Auf der Mittagsscharte angekommen, zeigte sich zunächst kein Wild. Es folgte eine Pirsch hinein in die Latschen. Überall waren Felswanderln, steinige Rinnen und enge Kessel. Immer wieder tauchte jetzt Gamswild auf, meist schon frühzeitig von der Gebirgsschweißhündin an Sepps Seite angezeigt. Allein, es war nichts Passendes dabei. Hier ein Jahrling, da eine Geiß mit Kitz und junge, gut veranlagte Böcke.
Ja, Moment mal! Hinten im Hang stand plötzlich ein passender Bock im Trupp mit zwei weiteren. Aber wie den angehen? Mehrere Ansätze führten zu nichts. Es blieb nur die Chance, auf der Schneid die im Gegenhang aufsteigenden Gams abzuwarten.
Regen setzte ein, obwohl noch früher Tag, würde es nicht mehr lange gehen. Nebel stieg bereits auf. Das Kauern in den tropfenden Latschen wurde zur Qual. Die Gamsböcke gewannen an Höhe. Gleich musste der Gesuchte kommen, da war er ja...! Doch aus und vorbei. Im letzten Moment zog die „Waschküche“ zu und machte nicht mehr auf. Der Rückmarsch wurde angetreten. Morgen war auch noch ein Tag.
Und der stellte sich ganz anders dar. Das Wetter war herrlich. Die beiden Söhne sorgten sich indes ein wenig um den Vater. Wie würde der 70-Jährige die Kraxelei vom Vortag weggesteckt haben? Zu allem Überflüss hatte er beim Abstieg auch noch versucht das Glück zu zwingen und dabei einen schwierigen Schuss vorbeigesetzt. Das wurmte ihn jetzt.
Doch St. Hubertus meinte es gut mit ihm. Nicht weit von der Hütte entfernt traf man auf Gams. Es musste schnell gehen, was aber dem Josef ohnehin eher lag, als das lange Zuwarten. Der Sepp gab ihm einen engen IIb-Bock frei. Auf den Schuss hin flüchtete dieser aus der Rinne hinaus auf einen kleinen Latschenvorsprung hinauf. Er hatte die Kugel, wankte, und tat sich nieder. Sorgenvoll meinte der Sepp: „Wenn er uns do bloß need obifallt.“
Doch zu spät. Der Bock wurde noch einmal hoch, löste sich ganz langsam von seinem Postament, um anschließend, alle vier Läufe von sich streckend, förmlich Rad schlagend, zu fallen. Ganz benommen vom Geschauten blickten sich die Beobachter an. Doch schnell hatte man sich wieder ­gefangen und eilte zum Gams. Dem Bock war nichts passiert, die Hangneigung hatte den Sturz sachte abgefangen. Jetzt herrschte uneingeschränkte Freude. Waidmannsheil in bestem Sinne hatte sich eingestellt.
Nach Rast und Stärkung in der nahen Hütte machte man sich an den Abstieg. Viele Ausflügler waren jetzt unterwegs, die meisten davon reagierten freundlich auf die Jäger, wollten gar ein paar Worte wechseln: „Habts was dawischt? A so, a Gams, ja da schau her!“ Unten angekommen verabschiedete der Sepp seine Gäste und sagte: „Gell, aber bis zum nächsten mal wartets fei need wieder zehn Jahr', da müssts schon früher wiederkemma!“