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Äpfel für den Äser

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Freitag, 17.04.2015 - 11:34
Willkommene Abwechslung: Ein Alttier nimmt die saftige Äsung auf... Foto: K.-H. Volkmar © K.-H. Volkmar

Mit der Anpflanzung von Streuobst auf Wildwiesen wird die Äsung für das Wild noch vielfältiger und attraktiver. Denn das Fallobst ist für alle Wildarten verlockend. Bis zu 5000 verschiedene Pflanzen und Tiere können in einer Streuobst-Wildwiese leben: Insekten, Vögel, Fledermäuse, Wiesenblumen, Kräuter und Gräser. Viele davon sind bedroht, weil ihnen in der intensiven Nutzlandschaft genau solche Oasen fehlen.
Wie reich die Menschen in der Kulturlandschaft einst waren und wie arm uns die Flurbereinigung gemacht hat, zeigt der Obstbau. Anfang des 20. Jahrhunderts gab es in Deutschland noch 1500 registrierte, standortangepasste Apfelsorten - heute finden wir vielleicht noch ein Dutzend im Handel. Viele Streuobstwiesen mit Hochstämmen der alten, historischen Sorten wurden am Ende des 20. Jahrhunderts durch Rodungsprämien und neue Handelsklassen zerstört. Allein in Hessen reduzierte sich der Hochstammbestand von 11,5 auf 1,5 Millionen. In Baden-Württemberg ging der Bestand seit den 1960er-Jahren um 70 Prozent zurück. Die Naturschutzbehörden subventionieren heute wieder den Anbau von Hochstammobst, aber viele historische Obstsorten sind für immer verloren. Jäger können und sollten diese Subventionen, selbstverständlich in Abstimmung mit dem Grundstückseigentümer, für die Hege nutzen.


Heimische Sorten

Bruchgefahr: Obstbäume nicht am Waldrand gepflanzen... Foto: G. Wandel

Dabei sind nicht nur die in der Übersicht (siehe hier) aufgeführten Sorten wichtig, sondern auch die alten Sorten aus der Region. So habe ich beispielsweise für eine Revierberatung im Harz die „Petersbirne“, eine Thüringer Lokalsorte, empfohlen. Um den Obstbaumbestand auf der Wildwiese gesund zu erhalten, dürfen zudem nicht nur Apfelbäume in Monokultur gepflanzt werden. Für den Arterhalt kann man wenige Wildäpfel (Malus sylvestri) oder aber Zwergäpfel (Malus pumila) hin zur Schattenseite setzen. Ein sehr begehrter Fraß für das Schwarzwild sind bekanntlich Zwetschgen. Ich habe es erlebt, dass ein Überläuferkeiler sich gegen einen jungen Zwetschgenbaum geschmissen hat und die runterfallenden, überreifen Früchte mit den harten Kernen laut krachend fraß. Eine gute Pflanzzeit für Obstbäume ist das Frühjahr (März/April) und der Herbst. Die richtigen Sorten müssen natürlich rechtzeitig bestellt werden. Heute sind die Baumschulen jedoch so gut vernetzt, dass es meist kein Problem ist, auch alte, historische Sorten zu bekommen. Aus dem Alten Land südlich von Hamburg (ein sehr bekanntes Obstbaugebiet) habe ich die richtigen Obstbäume für die Eifel bekommen, wobei der Klimawechsel die Bäume von nördliche in westliche Gefilde in ihrer Lebenskraft stärkt. Das ist auch bei der Saatgutvermehrung so. Der Baumabstand zum Waldrand muss wenigstens 15 Meter betragen. Der Baum wächst sonst zur lichten Wildwiese hin. Mit seiner einseitigen Fruchtlast verliert er dann sein Gleichgewicht und bricht nach einiger Zeit zusammen. Der in der Sortenliste angegebene Abstand von Baum zu Baum kann für den besseren Maschineneinsatz bei der Heuernte vergrößert werden. Auf einer großen Wildwiese sollten die Reifegruppen (Blüte- und Äsungszeit) verteilt werden. Somit verteilt sich auch das Wild bei der Äsung.
Das Pflanzloch für den Jungbaum wird sachgerecht ausgehoben: Mit dem Spaten werden Wiesennarbenziegel flach abgestochen. Die Grube ist etwa 1 x 1 Meter breit und 0,5 Meter tief. Die Erde wird ausgehoben, die Humusschicht und der Unterboden getrennt am Rand abgelegt und später wieder in der richtigen Reihenfolge in die ursprüngliche Tiefe eingefüllt. Mit einer Grabegabel muss die Pflanzlochsohle aufgelockert werden. Ein kleinmaschiger Drahtkorb (nicht verzinkt, er muss nach der Jugendzeit des Baums verrosten) wird zum Wurzelschutz gegen Wühlmäuse eingelegt. Der Stützpfahl steht eingeschlagen für die Stammbeschattung an der Südwestseite.
Zur Pflanzung wird die Grube mit Basalt-Gesteinsmehl (Spurenelementdünger) eingepudert und der Baum ins Loch gestellt. Wichtig: Die Veredelungsstelle muss zehn Zentimeter aus der Erde ragen. Die Erdschichten werden eingefüllt und mit reichlich Wasser um die Wurzeln eingeschlämmt. Danach wird der Drahtkorb oben in Falten geschlossen und hoch über die Veredelungsstelle gezogen (Mäuseverbissschutz). Abschließend werden die Wiesennarbenziegel umgedreht über die Pflanzstelle gelegt. Diese ausführliche Pflanzanleitung ist notwendig, um nach der mühevollen Arbeit keinen Misserfolg zu haben.

Schutz gegen Wühlmäuse

Vor dem Wintereinbruch müssen die im November gepflanzten Obstbäume mit einer Draht- oder Lattenhose geschützt werden. Foto: G. Wandel

Mit dem Biologischen Pflanzenschutz, der immer vorbeugend eingesetzt wird, können die Obstbäume besonders in ihrer Jugend geschützt werden. Eine ernst zu nehmende Gefahr für Jungbäume ist, vor allem auf ungemähten Wiesen, der vernichtende Wurzelfraß durch Nager. Doch zum Glück sind einige Wühlmaus vertreibende Gewächse bekannt: Die Kaiserkrone mit ihren stark nach Knoblauch riechenden Zwiebeln; die Kreuzblättrige Wolfsmilch, bei der vor allem die gifthaltigen Samen wirken sollen; die Hundszunge und der Steinklee. Praxiserfahrung habe ich mit dem tiefwurzelnden Steinklee („Bokharaklee“) gesammelt. Er kann im Frühjahr um die jungen Bäume eingesät werden. Nicht der weiße, sondern der gelbe Steinklee hat den höheren Cumarin-gehalt. Dieser Giftgehalt, der die Blutgerinnung hemmt, ist vermutlich die Ursache für die Vertreibung der Wühl- oder Schermäuse.
Man kann natürlich auch die „Jäger aus der Luft“ unterstützen und Julen (hohe Stangen mit Querholz) für Greifvögel und Eulen aufstellen. Von dieser hohen Warte aus bejagen sie die Mäuse sehr erfolgreich, vorausgesetzt, das Gras wird immer kurzgehalten. Die über dem Obstbaum stehende Jule (am Stützpfahl angeschraubt) schützt auch die Wipfelspitze vor dem Abbrechen, denn schwere Vögel baumen dann nicht mehr auf.
Die Düngung der gepflanzten Bäume ist einfach: Jährlich zwei, drei volle -Hände Gesteinsmehl auf den Bereich der zukünftigen Kronenfläche streuen - fertig.
Für die Befruchtung ist natürlich eine große Zahl an Bienen notwendig. Dabei sind Wildbienen mit ihrer zehnmal größeren Befruchtungsleistung im Vergleich zu Honigbienen besonders wichtig. Deswegen bietet sich zusätzlich der Bau eines Wildbienenhotel an. Vielleicht ist aber auch ein Imker aus der Region dankbar, seine Bienenvölker in einen ertragreichen Standort mit blühenden Obstbäumen und Wiesenkräutern zu platzieren. In die Sortenliste (siehe hier) wurden nur diploide Apfelsorten aufgenommen, die gute Befruchtungseigenschaften haben.
Der Stammschutz mit einer an den Stützpfählen angenagelten Draht-hose ist im Niederwildrevier ausreichend. Im Hochwildrevier ist eine hohe Holzlattenhose (Dachlatten) bis unterhalb der ersten Seitenäste nötig, um Fege-, Schlag- und Schälschäden zu verhindern. Auf die Dachlatten mit vier Zentimeter großen Lichtschlitzabständen wird oben, in der Mitte und unten mit Drahtkrampen ein starker Draht genagelt. Nachdem die Lattenhose rundgebogen ist (die natürlich einen ausreichenden Durchmesser haben muss, um den Stamm viele Jahre bis zur Borkenbildung zu schützen), wird sie am Stützpfahl angeschraubt. Mit einer Baumstrickschlinge in Form einer Acht muss der Baum vorher am Stützpfahl befestigt sein.
Sind die Obstbäume richtig angepflanzt, lässt sich so mit relativ wenig Aufwand in Sachen Hege viel erreichen. Denn nicht nur dem Schalenwild kommen die gepflanzten Obstsorten mit ihren Früchten zugute. Abgesehen vom Nutzen für die unterschiedlichsten (Wild-) Tierarten werten Obstbäume eine Wildwiese durch ihre Blüte natürlich auch optisch auf.
Wildmeister Gerold Wandel