Home Praxis Abschussplan bei Rehwild – Sinn oder Unsinn?

Abschussplan bei Rehwild – Sinn oder Unsinn?

Die Meinungen über einen Abschussplan beim Rehwild gehen auseinander.


„Wie hältst du es mit der Rehwildbejagung?“, lautet in vielen Revieren die Gretchenfrage. Seit geraumer Zeit wird kontrovers über Notwendigkeit und Sinn von behördlichen Vorgaben für die Bejagung unserer kleinsten Schalenwildart diskutiert. Welche Gründe sprechen für, welche gegen einen amtlich festgesetzten Abschussplan für Rehwild? Jeder kennt den Spruch „Es wird nie so viel gelogen wie vor der Hochzeit und nach der Jagd“. Wie sinnvoll sind also Abschusspläne, falls ein beträchtlicher Teil der Rehwildstrecke nur auf dem Papier existiert, wie behauptet wird?

Wenn man jetzt größere Sprünge von Rehwild auf den Feldern beobachtet und oft feststellt, dass bei 20 Rehen nur zwei oder drei ältere Böcke dabei sind, dann stellt sich die Frage, ob so ein gesunder Rehwildbestand aussieht. Und um es gleich vorwegzunehmen, ein solch krasses Missverhältnis von weiblichen zu männlichen Stücken hat tatsächlich mit einem gesunden Rehwildbestand nichts zu tun. Offensichtlich wird hier nicht nach einem Abschussplan gejagt und schon gar nicht vernünftig.

Gesetzliche Forderungen

In allen Jagdgesetzen werden Erhaltung oder Schaffung gesunder Wildbestände gefordert, die in ihrer Höhe an die Landeskultur angepasst sind. Die Anpassung an die Landeskultur ist ein sehr weites Feld, zumal die Ziele von Landeigentümern beziehungsweise Landnutzern oft sehr unterschiedlich sind. Dass ein gesunder Wildbestand nach Altersklassen und Geschlecht möglichst naturnah gegliedert sein soll, ist jedoch keine utopische Wunschvorstellung, sondern schlicht und einfach Gesetzesforderung. Wie erreicht man dieses Ziel?

Zunächst muss man sich darüber im Klaren sein, es gibt kein Patentrezept für alle Schalenwildarten. Schwarzwild nimmt in diesem Zusammenhang eine Sonderstellung ein. Da man Sauen meist nur schwer nach Alter und Geschlecht ansprechen kann, verzichten alle Bundesländer bei dieser Wildart auf einen nach Geschlecht und Alter gegliederten Abschussplan. Während sich bei Rot- und Damwild, die relativ große Streifgebiete aufweisen, das Gesetzesziel nur großflächig, also im Rahmen von Hegegemeinschaften erreichen lässt, kann das kleinräumig lebende und recht standorttreue Rehwild durchaus auf dem Niveau eines einzelnen Jagdbezirks vernünftig bewirtschaftet werden. Wenn, ja wenn die Reviere aus Gründen der besseren und lukrativeren Verpachtbarkeit nicht zu Revierchen geworden sind. Und damit wird schon eine weitere wichtige Facette der Geschichte deutlich.

Rehwildexperte Prof. Dr. Christoph Stubbe © Reinhard Schneider

Prof. Dr. Christoph Stubbe ist ein europaweit anerkannter Rehwildexperte.

Pro Abschussplan: Prof. Dr. Christoph Stubbe

Ein artenreicher und gesunder Wildbestand kann nur durch einen Abschussplan kontrolliert und erhalten werden, der die aktuelle und die angestrebte Populationsstruktur einer Wildpopulation berücksichtigt. Der Wildbestand und der sich daraus ergebende Abschussplan bestimmen den Jagdwert eines Gebietes.

Ohne Abschussplan sind reinen Trophäenjägern, überbordender Abschussvermarktung und dem Leerschießen eines Reviers vor Pachtende Türen und Tore geöffnet. Ein nicht erfüllter Abschussplan zwingt den Jäger zu jagdlichen Aktivitäten. Bei einem fehlenden Abschussplan kann der Jäger bei schlechten Wetterverhältnissen zu Hause bleiben.

Je nach den subjektiven und objektiven örtlichen Verhältnissen kann dies zu einem Absinken oder Ansteigen des Wildbestandes führen.

Jagdgenossen gehören ins Boot

Die Jagdgesetze sind nicht nur für die Jägerschaft da. Auch die Landeigentümer, die Inhaber des Jagdrechts, sind hier angesprochen. Deren Mitverantwortung und Mitgestaltungsmöglichkeit werden schon alleine aus der Tatsache deutlich, dass der Jagdvorstand durch Unterschrift unter dem Abschussplanvorschlag des Jagdausübungsberechtigten sein Einverständnis erklärt (oder auch nicht). Was nebenbei gesagt voraussetzt, dass die Jagdgenossenschaft sich in der Materie ein wenig auskennt und wirkliches Interesse an ihrem Eigentum hat. Diese Beteiligung der Jagdrechtsinhaber an der Abschussplanung ist wichtiger Bestandteil ihres Jagdrechts und spricht damit gegen eine Bejagung ohne Mitwirkung der Jagdgenossen.

In Thüringen läuft ein Versuch, den Rehwildabschussplan ohne Beteiligung der Jagdbehörde privatrechtlich zwischen Jagdgenossen beziehungsweise Besitzern von Eigenjagden zu vereinbaren. Mir ist kein Fall bekannt, wo die Rehwildbejagung ohne Plan ganz losgelöst von der Beteiligung des Eigenjagdbesitzers oder der Jagdgenossenschaft versucht worden wäre. Zwar gibt es in manchen Bundesländern einen Abschussplan für Rehwild, der für drei Jahre gilt. Das scheint mir allerdings nur eine Krücke zu sein auf dem Weg zur Verringerung des unsäglichen Bürokratismus, der mit der jährlichen Festsetzung des Abschussplans durch die Jagdbehörde einhergeht. In einigen anderen Bundesländern gab es ebenfalls bereits Projekte ähnlich dem in Thüringen.

Wie siehts im Extrem aus?

Schaut man sich im Jagdbeirat Abschusspläne verschiedener Reviere an, stellt man überrascht fest, dass sie sich seit Jahren nicht verändert haben. Immer derselbe Plan, immer die identische Streckenmeldung. Und – es wurde eingangs schon angesprochen – Kenner der Materie behaupten, die Zahlen vieler Streckenmeldungen seien mehr oder weniger frei erfunden. Viele Abschüsse würden nur auf dem Papier getätigt.

Jeder kennt den berühmten Ausdruck „Postkartenricke“. Aus eigener Erfahrung weiß ich, das wurde auch bei Trophäenschauen früher so gehandhabt. Viele hatten eine Kiste, aus der jeweils die „passenden“ Unterkiefer herausgesucht wurden. Dieser etwas lasche Umgang mit der jagdlichen Wahrheit, um es mal freundlich auszudrücken, lag und liegt natürlich daran, dass der rote Punkt drohte und damit eine Bloßstellung vor den Mitjägern. Das sollte eigentlich heute überwunden sein! Außerdem gab es früher durchaus andere Auffassungen von Wildbewirtschaftung. In den 1960er Jahren wurden im staatlichen Forstrevier meines Schwiegervaters in Niedersachsen sogenannte Knopfböcke auf den weiblichen Abschuss angerechnet. Da auf diese Weise zu wenig weibliches Wild geschossen wurde, gab es immer reichlich Knopfböcke – ein Teufelskreis!

Forstamzsleiter Dirk Fritzlar © DF

Dirk Fritzlar ist Leiter des Thüringer Forstamtes Hainich-Werratal.

Contra Abschussplan: Forstamtsleiter Dirk Fritzlar

Der Staat sollte nur dort regulieren, wo es notwendig und sinnvoll ist, und wo eine Vollzugskontrolle möglich ist. Es gibt für eine Abschussplanung keine wirkliche Grundlage in Form einer verlässlichen Bestandsermittlung. Eine Abschussvereinbarung zwischen Verpächter und Pächter, der nach gemeinsamen Waldbegang und Beurteilung der Verbisssituation geschlossen wird, schafft Verantwortungsbewusstsein und Zusammenarbeit vor Ort und könnte anstelle der Abschussplanung die Jagd etwas entbürokratisieren.
Wer Angst vor einer Ausrottung des Rehwildes hat, sollte sich die Streckenentwicklung in Deutschland anschauen.

Der eigentliche Sinn von Abschussplänen

Der Witz von Abschussplänen ist, dass deren nahezu punktgenaue Erfüllung einen lebenden Bestand zurücklassen soll, der nach Geschlecht und Altersklassen möglichst naturnah gegliedert ist. Dazu muss man aber wissen, wie der lebende Bestand aussieht. Und genau da setzt eine wichtige und grundlegende Kritik an Abschussplänen an.

Keiner weiß so genau, wie die Bestände im Revier tatsächlich aussehen. Das trifft insbesondere beim Rehwild zu, dessen Bestände, nach allem was man weiß, chronisch unterschätzt werden. Paradebeispiel in diesem Zusammenhang ist eine Halbinsel in Dänemark, deren geschätzter Rehbestand durch Totalabschuss verifiziert werden sollte. Als bereits dreimal so viele Rehe auf der Strecke lagen, wie ursprünglich geschätzt, zogen immer noch ein paar ihre Fährte.

Ältere Untersuchungen aus Wildforschungsgebieten der DDR, bei denen sehr viel Jungwild markiert wurde, zeigen übrigens, dass nur etwa die Hälfte der Rückmeldungen durch Jagd zustande kam. Zirka 15 Prozent der markierten Stücke endeten als Fall- und Unfallwild. Von einem guten Drittel gab es keinerlei Rückmeldung. Der Abschussplan bezieht sich also beim Rehwild auf den stark unterschätzten Bestand und nur auf den jagdlich nutzbaren Anteil der Population.

Wackelige Grundlage

Die wichtige Ausgangsgröße des Abschussplans, der Bestand, lässt sich nicht so ohne Weiteres bestimmen. „Rehwild kann man nicht zählen“, lautet eine alte Weisheit. Dennoch gelingt es bei Ausnutzung aller Möglichkeiten, wobei revierübergreifend gedacht und gehandelt werden muss, um sich ein recht gutes Bild seiner Bestände und ihrer Entwicklung zu verschaffen und damit eine brauchbare Grundlage für die Abschussplanung zu bekommen. Das jedoch mit der gerade insbesondere für das Rehwild gemachten Einschränkung, der Plan bezieht sich nur auf den Teil der Population, den man zu kennen glaubt. Insofern ist es auch nicht verwunderlich, wenn bei einem Pächterwechsel oder bei sich ändernden waldbaulichen Gesichtspunkten der Rehwildplan plötzlich verdoppelt werden kann, ohne dass das Rehwild weniger würde. In Brandenburg beispielsweise reicht in verschiedenen Revieren die Spanne der pro 100 Hektar Jagdfläche nachhaltig erlegten Rehe von unter zwei bis über zehn.

Auch beim Rehwild ist eine gewisse Planung des Abschusses sinnvoll, um dem Gesetz und unserer Verantwortung für das Wild gerecht zu werden. Es fragt sich jedoch, ob der bisherige detaillierte Plan und das bis zu seiner Bestätigung beziehungsweise Festsetzung durch die Jagdbehörde zu durchlaufende Verfahren wirklich notwendig sind.

Unterschiede von Land zu Land

Mit den Vorgaben für den zu Beginn eines Jagdjahres einzureichenden Abschussplanvorschlag, Bestand, Geschlechterverhältnis und Altersklassenanteil, wird in verschiedenen Bundesländern durchaus unterschiedlich umgegangen. Kann man dann die gesetzliche Vorgabe überhaupt flächendeckend erreichen? Teilweise werden aus durchaus vernünftigen jagdpraktischen Erwägungen Altersklassen bereits zusammengefasst.

In Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern kann der Jäger selbst entscheiden, ob er ein Rickenkitz oder ein Schmalreh, ein Bockkitz oder einen Jährling erlegt. Dort dürfen einzelne Alterklassen auch als Mindestabschuss festgesetzt werden. Solche deutlichen Unterschiede lassen keinesfalls überall in ähnlicher Weise naturnah gegliederte Rehwildbestände entstehen.

Blick in die Zukunft

Da der Jäger in seinem Revier ohnehin einen ganz bestimmten Umgang mit seinem Rehwild pflegt, ist es nach meiner Meinung vermutlich unerheblich, ob Rehwild mit oder ohne amtlichen Abschussplan bejagt wird.

In jedem Fall aber sollten bestimmte Standards gelten:

  • Inhaber des Jagdrechts werden nach wie vor an der Planung beteiligt.
  • Hauptabschusskriterium ist die allgemeine körperliche Verfassung des Wildes bei beiden Geschlechtern.
  • Es wird mehr Jungwild (ein Jahr und jünger) erlegt als altes.
  • Es wird mehr weibliches als männliches Wild erlegt.
  • Es erfolgt eine Abschusskontrolle (zum Beispiel durch die Hegegemeinschaft).
  • Die Strecke wird nach Geschlecht und Altersklassen dokumentiert. Kontrolle und Auswertung übernimmt zum Beispiel die Hegegemeinschaft.

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