Home Praxis Abschusserfüllung beim Rehwild: Nicht zögern, sondern jagen!

Abschusserfüllung beim Rehwild: Nicht zögern, sondern jagen!

Rehwildbestand und Lebensraum: Dichte bestimmt die Qualität


Für die Qualität eines Rehwildbestandes spielt neben der Habitatgüte vor allem die richtige Bejagung eine entscheidende Rolle. In Revieren mit stabilem Rehwildbestand muss der Abschuss so angepasst sein, dass der jährliche Populationszuwachs abgeschöpft wird und die Rehdichte dem Lebensraum angepasst bleibt. Je näher sich ein Rehbestand der Kapazitätsgrenze des Lebensraums nähert, desto schlechter wird seine Qualität.

Der Kitzabschuss muss schnell erfolgen

Besonders gut kann man das anhand der Rehkitze feststellen: Die Vermehrungsrate sinkt, viele Ricken führen nur ein Kitz, das durchschnittliche Körpergewicht der Kitze wird geringer. Auch die Kondition der Tiere leidet, und die Trophäen der Böcke werden schlechter. Parallel dazu steigen die Verluste aufgrund vermehrt auftretenden starken Parasitenbefalls und bestimmter Infektionskrankheiten.

Für den Aufbau eines qualitativ guten Rehbestands ist nicht nur die gesamte Zahl der erlegten Rehe, sondern vor allem die gezielte Entnahme der schwächeren Individuen sehr wichtig. Allerdings sollte dieser Grundsatz nicht nur bei den Böcken – wie es in manchen Jagdgebieten immer noch üblich ist –, sondern in erster Linie bei den Ricken und Kitzen angewendet werden! Vor allem der konsequente Abschuss der körperlich schwachen Kitze ohne Rücksicht auf ihr Geschlecht ist der Grundstein einer qualitativ orientierten und praxisgerechten Rehwildhege.

Der Kitzabschuss sollte schnell erfolgen. Dabei gilt, so paradox das auf den ersten Blick erscheinen mag, insbesondere bei den körperlich schwächeren Kitzen der Grundsatz: je früher, desto besser. Die niedrigeren Gewichte solcher Kitze und deren schlechtere Vermarktung beim Wildbretverkauf dürfen kein Argument für das Abwarten sein, denn es gibt einen schwerwiegenden Grund für deren möglichst rasche Entnahme: Bei schwachen Kitzen besteht eine sehr hohe Wahrscheinlichkeit, dass sie verstärkt von Parasiten befallen oder anders erkrankt sind. Das zeigen auch die Ergebnisse von Untersuchungen, die wir zwei Jahre lang in Referenzgebieten in Österreich und Tschechien mit teilweise großen Unterschieden in Lebensraum, Klima und Rehwildbestandsdichten durchgeführt haben.

Die Verbreitung von Parasiten verhindern


In diesen Gebieten wurde der Parasitenbefall bei erlegten Rehen in Relation zu deren Körpergewichten ermittelt. In allen Untersuchungsgebieten, unabhängig von deren unterschiedlichen Bedingungen, ergab sich bei den im Herbst erlegten Rehkitzen übereinstimmend ein klarer Zusammenhang zwischen ihren Körpergewichten und dem Parasitenbefall. So war zum Beispiel in der Forstverwaltung Meran in Stainz (Steiermark) bei Kitzen, deren Körpergewichte unter dem Durchschnitt lagen, der Befall mit dem für das Rehwild besonders schädlichen Großen Lungenwurm (Dictyocaulus spp.) in beiden Untersuchungsjahren etwa dreifach höher als bei den überdurchschnittlich starken Kitzen.

Ähnlich große Unterschiede zwischen den schwächeren und stärkeren Kitzen zeigten sich auch bei dem Befall mit verschiedenen Parasiten des Verdauungstraktes.

Ist ein starker Parasitenbefall oder eine andere Erkrankung die Ursache für eine verzögerte Entwicklung und eine schlechte Kondition, kann man nicht damit rechnen, dass sich die betroffenen Kitze in den nächsten Wochen bzw. Monaten erholen und wesentlich an Gewicht zunehmen. Sie scheiden aber während dieser Zeit täglich unzählige Parasiteneier bzw. -larven aus und ermöglichen so deren Übertragung auf andere Rehe. Die im Herbst ausgeschiedenen Larven einiger Parasitenarten, wie zum Beispiel jene des für das Rehwild besonders gefährlichen Großen Lungenwurms, können auf den Äsungsflächen oder an Fütterungen sogar überwintern und zur potentiellen Ansteckungsgefahr auf Äsungsflächen im Frühjahr werden. Zudem sind die infolge des Parasitenbefalls geschwächten Jungrehe extrem anfällig gegenüber anderen Krankheitserregern (Bakterien, Viren), die sich in ihrem Organismus leicht vermehren und dann auf andere Tiere ausbreiten können.

Die unverzügliche Entnahme solcher Kitze aus dem Bestand, ohne Rücksicht auf eine mögliche, aber geringe Gewichtszunahme, verhindert somit die Verbreitung von Parasiten sowie anderen Krankheitserregern. Somit wird die Gefahr einer Übertragung sehr effizient auf andere Rehe gemindert.

Hege heißt, den gesamten Bestand im Blick zu haben

Diese drei dürften gesund und in guter Kondition sein …


Richtige Hege bedeutet, den gesamten Bestand und nicht nur das einzelne Individuum im Blickwinkel zu haben. Der möglichst frühzeitige Kitzabschuss und insbesondere die unverzügliche Entnahme der schwachen Kitze und deren Ricken sind nicht nur wildökologisch sinnvoll, sondern auch aus jagdwirtschaftlichen Überlegungen heraus absolut richtig. Der eventuelle Gewichtsunterschied bei den Kitzen zwischen Oktober und November bzw. Dezember ist in Wirklichkeit kein Argument, das die wesentlich schwerwiegenderen Nachteile des zu späten Abschusses aufwiegen könnte. Bei jenen Kitzen, deren schlechtere körperliche Entwicklung auf einen Parasitenbefall oder andere Erkrankung zurückgeführt werden kann, ist ohnehin mit keinem weiteren wesentlichen Wachstum mehr zu rechnen. Dr. Miroslav Vodnansky

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Dr. Miroslav Vodnansky Mitteleuropäisches Institut für Wildtierökologie Wien – Brünn – Nitra, Institut für Wildtierökologie der Veterinärmedizinischen und Pharmazeutischen Universität Brünn
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