Home Praxis .270 Winchester – Amerikanisches Universalgenie?

.270 Winchester – Amerikanisches Universalgenie?

Die Winchester 70 Classic des Verfassers in .270 Winchester.


Als die Winchester 70 Classic in ihrer Ausführung pre-64 1993 herauskam, erwarb ich einen der ersten Repetierer, die nach Europa gelangten. Das für mich neue Kaliber .270 Winchester hat mich begeistert, seit ich Jack O’Connors Bücher „Sheep Hunting“ oder „Hunting on 3 Continents“ sowie einige seiner Artikel über die .270 Winchester gelesen hatte. Der Englisch-Professor aus Arizona und Idaho war einer der profiliertesten Waffen-, Jagd- und Outdoor-Schreiber in den USA. Neben seinen Büchern erschienen zahlreiche Artikel von ihm in vielen Magazinen wie „Outdoor Life“, „Sports Afield“, „Hunting“ oder „Guns and Ammo“, um nur einige zu nennen.

Seit Einführung der .270 Win. im Jahre 1925 war er begeisterter Fan und begleitete ihren Werdegang schriftstellerisch. Man kann sagen, er hat die Patrone groß gemacht. Seine Artikel sorgten für einen schnellen Bekanntheitsgrad, und viele Nordamerikaner holten sich ihre Büchse in .270 Win. Jack O’Connor war nicht nur ein exzellenter Autor mit geschliffener Wortwahl, sondern auch ein Jagdpraktiker. Er jagte weltweit, vor allem aber in seiner Heimat Nordamerika. Die .270 Win. setzte er vom Weißwedelhirsch bis hin zu Wapiti, Elch und Grizzly erfolgreich ein. Darüber hinaus war er der Schafjagd verfallen. Dafür hielt er die Patrone mit ihrer gestreckten Flugbahn für ideal. Passioniert berichtete er von seinen Jagden auf Stonesheep in Britisch Kolumbien. In Österreich benutzen viele Bergjäger die .270 Win. für Gams und Rotwild, in Schottland ist sie ein beliebtes Kaliber zur Rotwildjagd.

Jagdpraxis und Vergleich mit anderen Kalibern

Konkurrenten: .25-06 Rem., .264 Win. Mag., .270 WSM, .270 Win., .270 Wby. Mag., 7x64, .280 AI, 7 mm Rem. Mag., .30-06 – v.l.n.r.


Vergleich der Leistungsdaten der verschiedenen Kaliber.


Meine eigene Winchester 70 Classic ist kein luxuriöser Klassiker, sondern schlicht mit Kunststoffschaft und Stainlessstahl, jedoch robust und zuverlässig. Schon die ersten Schuss­bilder mit Fünfer-Streukreisen von 14 bis 20 mm auf 100 Meter mit RWS 8,4 g H-Mantel ließen mich aufwerfen. Noch heute schießt meine Winchester 70 dauerhaft Streukreise von unter
20 mm auf 100 Meter und um die 50 mm auf 300 Meter. Ich jagte aber auch mit den Repetierern Blaser R93 und Nosler M48 in diesem Kaliber, sie schossen nicht schlechter. Die Remington 700 SS meines Neffen erzielt ebenfalls dauerhaft Streukreise von 40 bis 50 mm auf 300 Meter. Sicherlich gehört die .270 Win. zu den sehr präzisen Kalibern. Sie ist eine ideale Gebirgs- und Steppenpatrone. Prädestiniert ist das Kaliber für Repetierbüchsen. 

Um eine sehr gestreckte Flugbahn zu erzielen, sollte man auf spitze Geschosse mit Hohl- oder Polymerspitze achten. Sie haben einen hohen B.C.-Wert und eignen sich auch für weite Schüsse. Ich habe sehr gute Erfahrungen mit Nosler Ballistic Tip, Accubond und Partition, Federal Trophy Bonded Tip, RWS Speed Tip Pro, Sierra Game King sowie den bleifreien Geschossen Barnes TTSX und LRX, Sax KJG und RWS HIT gemacht.

Keiler und Gams

Die Bergjagd u.a. auf Gams ist das ideale Einsatzgebiet der .270 Win.


Mein erster jagdlicher Einsatz mit neuer Büchse in .270 Win. führte mich zu einem Freund. Anstatt des erhofften Rehbocks kam eine Rotte Überläufer, von denen ich mir einen Keiler herauspickte. Er lag im Knall. Zu Hause im heimischen Revier wechselte bei hellem Sonnenschein aus dem Getreide ein Keiler (knapp 90 kg aufgebrochen) auf die Wiese Richtung Wald. Auf rund 240 Meter ereilte ihn das 9,1 g Nosler B.T. aufs Blatt. Er flüchtete rund 50 Meter zurück ins Getreide und verendete. Einige Gams auf rund 180 bis 250 Meter erlegte ich im Gebirge mit demselben Geschoss. Sie lagen im Feuer oder nach sehr kurzer Flucht.

Laborierungen

.270 Winchester mit den Geschossen RWS 8,4 g HIT, Nosler 9,1 g B.T., Barnes 8,4 g TTSX und RWS 6,2 g EVO green – v.l.n.r.


Auch für weitere Schüsse

In Schottland machte ich mit der .270 Win. nachhaltig Strecke auf Rotkahlwild und Hirsche.


Im Feld benutzte ich die .270 Win. häufig. Vor allem, wenn es galt, mal etwas weiter hinauszuhalten. Für Muffelwild ist die .270 Win. wie geschaffen. Dasselbe kann ich für Damwild feststellen. Rotkahlwild und einige Hirsche erlegte ich zu Hause genauso wie in Österreich und Schottland. Ich habe meist das 140 grs Nosler B.T. eingesetzt. Aber auch das 130 grs Barnes TTSX, 130 grs RWS HMK und das 130 grs RWS HIT. Alle wirkten auf unterschiedlich starkes Schalenwild sehr gut. Die Fluchtstrecken – falls vorhanden – waren bei Kammertreffern kurz.

Zwischen Wirkung und Entwertung

Aber auch zum Felderbewachen mit manchmal weiten Schussentfernungen auf Sauen eignet sich die .270er gut.


Aus verschiedenen Büchsen schossen die genannten Geschosse alle ausgezeichnet. Die Waffen harmonierten mit den verschiedensten Laborierungen und waren unempfindlich, egal ob bleihaltig oder bleifrei geschossen wurde. Neben der „umwerfenden“ Wirkung ebenfalls auf starkes Hochwild ist auch die Wildbretentwertung bei Reh noch voll tolerierbar. Ein sehr guter Allrounder scheint mir auch das neue RWS Speed Tip Pro mit seinem guten B.C.-Wert zu sein. Der vernickelte Flussstahlmantel harmonierte sehr gut mit meinen Büchsen. Als Teilzerleger mit Manteleinschnürung, seinen zwei Bleikernen und der Polymer-Speed-Tip Hohlspitze ist es ein sehr flexibles Geschoss für unterschiedlich starkes Wild.


Roland Zeitler Er ist ständiger freier Mitarbeiter der PIRSCH und Buchautor mit den Themenschwerpunkten: Waffen, Munition, Wiederladen, Optik und sonstige Jagdausrüstung. Darüber hinaus verfügt er über Jagderfahrungen auf fünf Kontinenten.
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