Home Praxis 15,52 Euro retten Wildtiere

15,52 Euro retten Wildtiere

An einem einschiebbaren Ausleger montiert, beschallt der Wildretter die noch nicht gemähte Fläche. Foto: WM Thomas Berner (LJV NRW) © WM Thomas Berner (LJV NRW)

April, Mai und Juni sind die Horrormonate in Niederwildrevieren mit einem hohen Grünlandanteil. Immer schneller und breiter werdende landwirtschaftliche Mähmaschinen mit Flächenleistungen von bis zu 20 Hektar pro Stunde töten eine immer größer werdende Zahl an jagdbaren und nicht jagdbaren Wildtieren. Mäuse, Erdkröten, Igel oder Kiebitzküken verbleiben nach der Gras- ernte genauso als zerfetzte Fleischklumpen auf der Wiesenfläche wie Rehkitze, Rebhühner, Fasanen, Feldhasen oder Wildkaninchen.
Doch inzwischen sind die Verluste nicht nur auf die Wiesenmahd und Jungtiere beschränkt. Andere Erntemaschinen stehen heutzutage den Kreiselmähern um nichts nach. Mähdrescher „saugen“ gerne schon mal ein komplettes Fasanengesperre ein, manchmal allerdings auch „nur“ ein Stück Schwarzwild. Danach folgen mit irrsinnigen Arbeitsgeschwindigkeiten von bis zu über 20 km/ h und bis zu 14 Reihen breit die Mais-Häcksler mit zum Teil so bezeichnenden Namen wie „Jaguar“.

Viele Wildtiere zerstückelt

Die moderne, leistungsfähige Technik fordert alljährlich unzählige Opfer unter den Wildtieren. Foto: WM Thomas Berner (LJV NRW) © WM Thomas Berner (LJV NRW)

Die moderne, leistungsfähige Technik fordert alljährlich unzählige Opfer unter den Wildtieren. Foto: WM Thomas Berner (LJV NRW)

Niederwild verschwindet einfach als Geschnetzeltes in der Maissilage oder erhöht die Ausbeute in der Biogasanlage. Allenfalls an der kurzen Änderung des Betriebsgeräusches der Maschine kann man erahnen, dass gerade wieder ein Wildtier zerstückelt wurde. Erst ein Wildtier ab Rehgröße zwingt den Häcksler zum „Verhoffen“.
Doch damit nicht genug: Rübenroder ziehen laut Aussage von Lohnunternehmern am Niederrhein stündlich ein Wildtier in die Köpfaggregate. Ein Fahrer eines sechsreihigen Rübenroders legte nach den letzten Reihen sogar einmal 36 zerschnittene Kaninchen zur Strecke. Wildtierverluste gibt es aber auch in anderen, weniger beachteten Bereichen, z. B. beim Pressen von Heu- oder Strohballen oder beim Ausbringen von Flüssigdünger. Letzteres wird uns in den nächsten Jahren noch stärker beschäftigen, wenn herkömmliche Verfahren der Gülleausbringung per Gesetz durch emissionsfreundlichere Injektions- und Schlitzverfahren ersetzt werden müssen. Statt einer „Gülledusche“ gibt es dann stahlharte Nadeln und Messer in den Rücken von Jung- und Althasen - der Umwelt zuliebe.

Viele Wildtiere gerettet

Das Mähen der Flächen von innen nach außen senkt bereits die Wildtierverluste und sollte zur guten fachlichen Praxis gehören. Foto: WM Thomas Berner (LJV NRW) © WM Thomas Berner (LJV NRW)

Das Mähen der Flächen von innen nach außen senkt bereits die Wildtierverluste und sollte zur guten fachlichen Praxis gehören. Foto: WM Thomas Berner (LJV NRW)

Laut Tierschutzgesetz und durch verschiedene Gerichtsurteile bestätigt stehen die Landwirte und Lohnunternehmer in der Pflicht, gefährdete Flächen nach Wild abzusuchen. Doch nur selten sieht man Landwirte, die dem Gesetz genüge tun. Viel einfacher ist es ja, den Jäger als Alternative zu nutzen und den zuständigen Revierpächter oder Jagdaufseher anzurufen, der diese Aufgabe meistens freiwillig und auch gerne für „sein“ Wild übernimmt. So suche ich seit 1993 jedes Jahr bis zu 180 Hektar Wiesen im Lehr- und Forschungsrevier des Landesjagdverbandes Nordrhein-Westfalen ab. Unterstützt werde ich dabei regelmäßig von freiwilligen Helfern aus dem Familien- und Freundeskreis sowie der hauseigenen langjährigen Stammtruppe passionierter Jagdhundeführerinnen und -führer. Sie alle tragen dazu bei, vielen hundert Wildtieren das Leben zu retten. Doch wo waren in den letzten 20 Jahren die Natur- und Tierschützer in unserem unter Naturschutz stehenden Revier? Gerne hätten wir sie bei Hitze und Staub im meterhohen Gras als zusätzliche Hilfe begrüßt. Vielleicht suchten sie ja gerade zeitgleich ihre Streuobstwiesen an anderer Stelle ab. Oder ist diese Art der Wildtierrettung dann doch nur den Jägern gutzuschreiben? Vielleicht werden wir eines Tages alle zusammenarbeiten, doch bis dahin folgen wir Jäger auf jeden Fall unserer Berufung - zum Wohle aller Wildtierarten!
Bislang war der Jagdhund unser bester Wildretter. In Spitzenzeiten wurden fünf Hektar große Wiesen im Revier mit bis zu vier Hunden gleichzeitig abgesucht. Allerdings finden selbst sehr gute Jagdhunde nicht alles Wild und sie bezahlen ihren engagierten Einsatz oft mit entzündeten Augen und einem Besuch beim Tierarzt. Als dann noch vor einigen Jahren unter tragischen Bedingungen der Vorstehhund eines Helfers durch ein Mähwerk getötet wurde, stand der Entschluss fest, dass eine Alternative gefunden werden müsste. Ähnlich wie bei einer Treibjagd haben alle unsere menschlichen Wildretter immer schon versucht, durch Geräusche das entdeckte Wild aus den gefährdeten Flächen zu treiben. Neben der eigenen Stimme und Hundepfeifen kamen gelegentlich auch Treiberklappern und -ratschen zum Einsatz. Letztendlich wurde aber von mir ein extrem lauter Signaltongeber mit niedriger Stromaufnahme gesucht und gefunden. Gleich das erste Gerät brachte die gewünschte Wirkung. Mit seinen 105 dB Schalldruck in drei Meter Entfernung verscheucht es zuverlässig sehr viele Wildtiere. Mittlerweile benutzen wir das Gerät seit vier Jahren und können zusätzlich auf die positiven Erfahrungen vieler Revierinhaber, die dieses Gerät ebenfalls ausprobiert haben, zurückgreifen. Die bisher gesammelten Erfahrungen sind so gut, dass wir damit an die breite Öffentlichkeit gehen möchten und auf noch mehr Nachahmer hoffen.

Schnell zusammengebaut

Die Geräusche aus dem Wildretter unterstützen die Wirkung der flatternden Kunststoffsäcke. Foto: WM Thomas Berner (LJV NRW) © WM Thomas Berner (LJV NRW)

Die Geräusche aus dem Wildretter unterstützen die Wirkung der flatternden Kunststoffsäcke. Foto: WM Thomas Berner (LJV NRW)

Für derzeit 15,52 Euro sind die vier Teile erhältlich (www.reichelt.de), die nötig sind, um daraus in wenigen Minuten ein einsatzfähiges Gerät zusammenzubauen. Dieser sogenannte akustische LJV-Wildretter „nach Wildmeister Thomas Berner“ kann auf vielfältige Art und Weise eingesetzt werden:
  • Als Ergänzung zu den bekannten Flattertüten, um Ricken zu veranlassen, ihre Kitze aus der Wiese zu führen. Dabei beschallt ein Gerät eine etwa fünf Hektar große Fläche eine Nacht lang. In Siedlungsnähe muss man natürlich den Lärmschutz beachten. Da sich der Schall aber nur in eine Richtung entwickelt, ist es möglich, die Geräte auch nahe an einer Bebauung aufzustellen.
  • Als Ersatz für den Jagdhund, indem man mit Gehörschutz die Fläche unmittelbar vor der Mahd im Zickzack abläuft.
Angebracht an der landwirtschaftlichen Maschine verscheucht es Wild direkt vor der eigentlichen Gefahrenquelle. Auch hier gilt: Der Schall entwickelt sich nur in eine Richtung. Das ist gut für den Fahrer in der Schlepperkabine, der dadurch nur sehr wenig von dem Krach mitbekommt. Zur Wildrettung muss das Gerät allerdings so ausgerichtet werden, dass der Schall in die noch zu mähende Fläche geworfen wird. Bei größeren Arbeitsbreiten sollten zwei oder sogar drei Geräte mit Abstand zueinander angebracht werden.
Vertrieben und damit gerettet werden fast alle Hasen und Kaninchen ab einem Alter von etwa drei Monaten, erwachsene Fasanen, nicht jedoch brutstarre Hennen, Rehkitze ab etwa drei Wochen Alter und natürlich alles erwachsene Wild. Wenn man die Flächen vorher nicht mehr absucht, sondern lediglich mit dem akustischen LJV-Wildretter an den landwirtschaftlichen Maschinen arbeitet, dann scheint es so zu sein, dass Fasanenhennen ihre wenige Tage alten Gesperre langsam aus der Fläche hinausführen. Allerdings muss dann zusätzlich von innen nach außen oder von einer Seite her gemäht werden!

Serienmäßige Ausstattung

Am Mähgerät fest montierter Wildretter mit Energieversorgung aus dem Bordnetz des Schleppers. Foto: WM Thomas Berner (LJV NRW) © WM Thomas Berner (LJV NRW)

Am Mähgerät fest montierter Wildretter mit Energieversorgung aus dem Bordnetz des Schleppers. Foto: WM Thomas Berner (LJV NRW)

Selbst wenn der akustische LJV-Wildretter nur ein einziges Wildtier in einer Fläche rettet, ist er allemal sein Geld wert. Vielleicht sollten die großen Landmaschinenhersteller wie Claas oder Krone einmal überlegen, ob solch ein Tonfolge-Signalgeber nicht direkt ab Werk an allen Erntemaschinen angebracht werden kann und von der Schlepperkabine aus zu schalten ist. Alle Wildtiere würden es ihnen danken. Einer unserer Landwirte, selbst Jäger, hat das bereits professionell perfekt umgesetzt - inklusive der Claas-Originalfarbe.
Die Empfehlung, von innen nach außen oder von einer Seite her zu ernten, sollte in der Landwirtschaft bei jeglichem Maschineneinsatz auf dem Feld genauso Pflicht werden wie ein Verbot der Nachtarbeit mit Scheinwerfern. Und warum nicht mal über eine Geschwindigkeitsbegrenzung auf landwirtschaftlichen Flächen nachdenken? Leider wird in Naturschutzgebieten oft genauso gewirtschaftet wie auf konventionellen Flächen. Hier wäre ein Umdenken am ehesten umzusetzen. Doch leider arbeiten in Naturschutzgebieten die gleichen Maschinen mit denselben negativen Auswirkungen wie auf anderen Flächen auch.
Es ist gut vorstellbar, dass sich der akustische LJV-Wildretter auch für das Drücken von Sauen im Mais bewährt, allerdings liegen bis dato noch keine Erfahrungen vor. Zur Verhütung von Wildschäden durch Schwarzwild wird sich dieses Gerät jedoch nicht einsetzen lassen, da allgemein bekannt ist, dass sich Wild sehr schnell an regelmäßig wiederkehrende Geräusche gewöhnt. Ich würde mich natürlich freuen, wenn Sie, liebe Leserinnen und Leser, dieses Gerät nachbauen und von Ihren Erfahrungen - egal welcher Art - berichten.