Raunächte


Hier finden sie die vorgelesene Version der Erzählung.

Die ruhige Weihnachtszeit, die zur Entschleunigung – statt zum Konsumstress – einlädt, mahnt zum Besinnen auf unsere kulturellen Wurzeln. Denken wir dabei einmal darüber nach, wie sehr unser uraltes Jagdhandwerk mit unserer Volkskultur verflochten ist. Wie viele Jagdlieder etwa sind Allgemeingut geworden?! Im Gegenzug haben Dichter und Komponisten uns Jäger beschenkt. Ein Beispiel ist der Jägerchor aus Webers Oper „Der Freischütz“. Und bei deren „Wolfsschluchtszene“ hetzt beim satanischen Freikugelgießen am Nachthimmel als ein Schreckenszeichen die Wilde Jagd vorüber. Worum es sich beim Wilden Heer, der Wilden Jagd, handelt – dazu später mehr.
 

Familie und Nachbarn rückten zusammen

Doch zunächst zu den Tagen und Nächten „zwischen den Jahren“, also Heiliger Nacht und Heilige Drei Könige (6.1): den „Zwölften“. Raunächte werden sie in Bayern und Österreich stimmungsvoll geheißen. Die Ursprünge finden sich in der germanischen Kultur. Letztlich gab es entsprechende Sagen und sich daraus ableitende Bräuche in allen deutschsprachigen – katholischen wie protestantischen – Regionen.
Familien und Nachbarn rückten zum Singen, Feiern, zur inneren Einkehr und nicht zuletzt zum Beten zusammen: Kurzum – es galt, sich vor umgehenden bösen Geistern und Hexen zu schützen. Hierzu zählte das Räuchern in Haus und Stall: etwa durch einen Priester mit Weihrauch oder durch den Bauern z.B. mit Wacholder. Der Name der Raunächte (Rauh = Rauch) leitet sich vermutlich aber nicht daher ab, sondern vom älteren Brauch der Lärm- und Maskenumzüge, wo sich mit Fellen – Rauchwaren! – bekleidete haarige Dämonsgestalten austobten.
Mit den Raunächten wiederum sind jeweils alle 24 Stunden dieser Wintertage gemeint, beginnend mit Mitternacht zwischen Heiligabend und 1. Weihnachtsfeiertag. Was man in der soundsovielten Nacht (Losnächte; Losen = Vorhersagen) träumte, würde sich im entsprechenden Monat ereignen. Kundige Beobachter nutzten allerlei mögliche Erscheinungen wie das Wetter zu Voraussagen fürs neue Jahr.
 

Prüfender Blick gen Himmel

Die Arbeit auf dem Hof beschränkte sich auf das Nötigste. Maschinen mit Drehmechanismus standen still, sonst bekäme das Vieh den „Dreh“ im Kopf. Überregional war man sich einig, in den Raunächten nicht zu waschen und die Wäsche zum Trocknen aufzuhängen: Ansonsten müsste im neuen Jahr ein Familienmitglied oder ein Nachbar sterben. Das Kartenspiel hatte ebenfalls strikt zu ruhen.
Und vor allem: Wer vor die Tür trat, tat gut daran, den Himmel zu betrachten – schließlich konnte sich in Sturmgebraus aus Wolkenbänken die Wilde Jagd nähern…
Ehrfurchtsvoll mochten schon die alten Germanen in blitzdurchzuckte wallende Wetterfronten geschaut haben, um dort Sturm- und Totengott Wotan/Odin mit Gefolge aus gefallenen Helden wie Hingerichteten zu erblicken. Aber nicht nur im deutschsprachigen Kulturraum und den Nordländern ist die Wilde Jagd seit alters her ein Begriff, sie findet sich in etwa auch in England, Frankreich oder Italien.
 

„Das Wilde Heer“ in der -Wolfsschlucht-Szene der Weber-Oper „Der Freischütz“: Zeitgenössische Illustration von Johann Heinrich Ramberg. © Wikipedia.org

„Das Wilde Heer“ in der -Wolfsschlucht-Szene der Weber-Oper „Der Freischütz“: Zeitgenössische Illustration von Johann Heinrich Ramberg

Viele Namen

Die Christianisierung führte zu einer „Kriminalisierung“ der Sagengestalten: in einen höllischen Jäger mit Teufelszügen, begleitet von Zauberern, Hexen, Ketzern, ungetauft Gestorbenen. Wer die Wilde Jagd am Himmel zu sehen meinte, fürchtete bestenfalls übel gefoppt, schlimmstenfalls getötet zu werden.
Etliche Sagen aus Mittelalter und Neuzeit geben dem Himmelreiter Namen mit Regional-Bezug: Da ist von Perndietrich, Rübezahl, Hacklbernt (= der Manteltragende = Wotan) und Schimmelreiter die Rede. Der Rodensteiner, der bei seinen Jagden zu Pferde keine Rücksicht auf die Felder nahm, wurde von den Bauern später an den Himmel projiziert. Ungestüme Jäger, die das Karfreitags-Jagdverbot missachteten, erlangten Verdammnis in der Wilden Jagd.
 

Viele Interpretationen

In Deutschland kam es seit dem 13. Jahrhundert zur Niederschrift der Sagen. BEURMANN hat eine Reihe von ihnen lesenswert aufbereitet. In der Volkskunde haben die Erklärungsbemühungen der Sagen und Bräuche zum nächtlichen Reiter und dessen Gefolge zu zahlreichen, teils gegensätzlichen Forscherstandpunkten geführt. Es ist wohl nicht zu weit hergeholt, in den Überlieferungen die Ängste unserer Vorfahren gegenüber der sturmdurchtobten, dunklen Winterszeit zu sehen.

Bitte nur milde lächeln

Heute wird manch verstädterter Zeitgenosse über die Mythen und Bräuche unserer Altvorderen spöttisch lächeln. Doch aus denen spricht letztlich Demut gegenüber einer übermächtigen Natur. Diese ließ sich das „täglich Brot“ nur unter Beharrlichkeit abringen. Werfen wir unsere Sagen, die davon künden, nicht als ideellen Ballast fort! Werben wir Jäger – zu unserem eigenen Bestandsschutz – für ein „Weltkulturerbe Jagd“. Wir können dies nur unter Verweis auf die viele Jahrhunderte alten Wurzeln unseres Handwerks. Das aber spiegelt sich kulturell auch in Märchen, Sagen und Liedern wider. Sollten wir also über Raunächte und Wilde Jagd lächeln wollen – dann bitte höchstens milde. SYS


PIRSCH Die PIRSCH will informieren, unterhalten und zum Nachmachen aktivieren. Dabei verlässt die Redaktion immer wieder ausgetretene Pfade und fasziniert mit Themen, die man so in einer Jagdzeitschrift nicht erwartet,
Thumbnail