Nur kein Neid!

Schon wieder der! Bei Trophäenträgern ist es um ehrliche Mitfreude oft schwer bestellt.


Neid ist natürlicher Bestandteil des emotionalen Erlebens eines Menschen. Wer schon mal so richtig neidisch war, weiß, wie quälend und unangenehm dieses Gefühl sein kann. Zu dem eigentlichen unangenehmen emotionalen Erleben treten schnell Empfindungen der Unterlegenheit, Unzulänglichkeit, Mittelmäßigkeit oder Minderwertigkeit, des Nicht-genug-Habens, Nicht-genug-Könnens oder Nicht-genug-Wissens hinzu. All das zusammengenommen macht es im Vergleich zu anderen Gefühlen besonders schwierig, anderen davon mitzuteilen. Dabei ist es ein Irrtum zu glauben, Neid beziehe sich nur auf materielle Dinge wie ein großes Haus, Auto oder eine Beute – etwa ein dicker Keiler oder ein starker Rehbock. Neid kann sich unter anderem auch auf menschliche Qualitäten einer Person beziehen, wie deren Lebendigkeit, Fröhlichkeit, Kreativität, Intelligenz, Wortgewandtheit, Beliebtheit oder Selbstbewusstsein.

Neid ist ein Zwei-Personen-Gefühl

Gelegentlich wird Neid mit Eifersucht verwechselt; der grundlegende Unterschied besteht in der Anzahl der involvierten Personen. Neid ist ein Zwei-Personen-Gefühl, bei Eifersucht sind immer drei Personen involviert.
Ein kurzes klinisches Beispiel: Eine 28-jährige Patientin dachte lange Zeit, sie sei auf ihren Freund eifersüchtig, da dieser innerhalb seines Berufs viele repräsentative Aufgaben übernehmen musste und dadurch zwangsläufig mit vielen attraktiven Frauen in Kontakt kam. Regelmäßig entwickelte sie bei solchen Anlässen quälende Gedanken an eine baldige Trennung und brach enervierende Streitereien mit ihrem Freund vom Zaun, der glücklicherweise bei alldem sehr gelassen blieb, weil er die Problematik eindeutig bei der Freundin verorten konnte. Nach einem längeren therapeutischen Prozess wurde ihr schließlich bewusst, dass es überhaupt nicht um ihren Freund, sondern um einen Neid auf die Frauen ging, die sie als sehr selbstbewusst, vielleicht ein Stück weit überheblich bzw. selbstverliebt und irgendwie avantgardistisch wahrnahm, also so, wie sie sich selbst nicht sehen konnte.

Jagdliche Grenzstreitigkeiten

Bezogen auf die Jagd wird Jagdneid häufig mit Grenzstreitigkeiten zwischen zwei Reviernachbarn in Verbindung gebracht: Der eine Nachbar gönnt dem anderen nicht das Wild, das zwischen beiden Revieren hin- und herwechselt und erlegt alles Wild, welches sich an der Grenze zum Nachbar zeigt. Ob es sich hier jedes Mal um Jagdneid handelt, bleibt unklar, denn alternativ könnte auch eine starke Gier den Nachbarn antreiben. Nach obiger Terminologie wäre das ein Ein-Personen-Gefühl, da Gier sich auf keine anderen Personen bezieht, sondern ausschließlich der Erweiterung des eigenen Profits oder Aufblähung des eigenen Selbst dient. Oft geht mit Gier eine entsprechende Rücksichtslosigkeit einher. Über das, was einen Jäger letztlich antreibt, kann nur der Betreffende selbst Auskunft geben, wenn er es denn wollte.
Aber mal angenommen, es handelt sich um Neid, dann könnte ich mir vorstellen, dass es nicht nur um Neid auf Beute, Wildbret oder Trophäe geht, sondern dass die Persönlichkeit des Nachbarn eine gewichtige Rolle spielt. Vielleicht ist der Nachbar wohlhabend, genießt in der Gemeinde hohes Ansehen, hat eine funktionierende Familie mit Frau und Kindern, ist sympathisch, großzügig, selbstbewusst. All das und vieles mehr könnte Auslöser für Neid und das entsprechende Handeln des Jagdnachbarn sein. Wobei es eine Utopie wäre, zu glauben, er würde bei Nachfrage zugestehen, dass sein Verhalten durch Neid angetrieben wird. Viel eher würde er Gründe nennen, warum er so handeln müsse. Vielleicht wirft er dem Jagdnachbarn vor, sich zu wenig um die Hege des Wildes zu kümmern, sodass er bei sich das Recht sieht, das Wild an der Grenze zum Nachbarrevier zu schießen. Unendlich viele andere Begründungen sind hier denkbar. Aus psychoanalytischer Sicht könnte man dem Betreffenden noch nicht mal lügen vorwerfen, da der Neid dem Betreffenden selbst gar nicht bewusst sein dürfte.

Tiefer Blick in die Jägerpsyche

Hier erscheint noch eine weitere Differenzierung notwendig: Die Menschen, die nur gelegentlich neidisch sind, empfinden dies durchaus bewusst und können, wenn sie selbstbewusst und souverän sind, darüber Auskunft geben. Es gibt aber Menschen, die quasi chronisch neidisch sind. Da es zu quälend wäre, den Neid permanent im Bewusstsein zu halten, wird dieser ins Unbewusste abgedrängt, sodass das Bewusstsein frei von diesem quälenden Gefühl ist. Allerdings ist das Abdrängen ins Unbewusste kein einmaliger Vorgang, der den Neid dann im Unbewussten fixiert. Viel eher drängt dieser Neid ständig auf Bewusstwerdung und muss permanent mit einer Art Gegenkraft im Unbewussten gehalten werden. Diese Gegenkraft wird auch als Abwehrmechanismus bezeichnet, und einer dieser Mechanismen besteht im permanenten Aufwerfen und Benennen von Gründen, zum Beispiel warum der Jäger das Wild an der Grenze schießen muss.

So manch einem fällt es sichtlich schwer, einem Mitjäger von Herzen Waidmannsheil zu wünschen.

Es greift viel zu kurz, Jagdneid nur im Verhältnis zu einem Reviernachbarn lokalisieren zu wollen. Natürlich gibt es ihn auch unter Mitjägern, wo er sich aber durchaus gut zu tarnen weiß. Am offensichtlichsten wäre er noch, wenn sich ein Mitjäger im Anblick eines durch einen anderen Jäger erlegten Stückes Wild ein „Waidmannsheil“ herausquälen muss.
Verdeckter ist der Neid in solchen Situationen, in denen ein Jäger immer wieder übermäßig kritisch zu dem Stellung nehmen muss, was Mitjäger erlegen, gebaut haben oder auf dem Schießstand leisten. Häufig werden kleinere tatsächliche Fehler oder Unregelmäßigkeiten genutzt, um darauf eine kritische Bemerkung oder Entwertung der erbrachten Leistung aufzusetzen. Zum Beispiel „das hätte eine schwierige Nachsuche gegeben“, während der Redner nicht mal das Gewehr auf dem Schießstand ausgepackt hat. Wobei oft auffällt, dass die benannten Fehler in ihrer Bedeutung wesentlich größer gemacht werden, als sie sind. Meist fehlt eine Würdigung der geleisteten Arbeit oder vielleicht eines gekonnten Schusses in einer schwierigen Jagdsituation vollständig.

Immer im Mittelpunkt stehen

Auch im sozialen Feld fallen mir Phänomene auf, die ich durchaus mit Neid in Verbindung bringe. So gibt es nicht wenige Jäger, die es kaum aushalten können, wenn andere eine Anekdote oder eine witzige Geschichte in geselliger Runde beisteuern können oder wollen. Schnell muss dann eine eigene Anekdote angebracht und die Gesprächsrunde wieder dominiert werden, ohne dass auf die Geschichte des anderen in irgendeiner Weise Bezug genommen wird. Man könnte hier von einem Neid auf den Raum des anderen sprechen, den dieser in einem sozialen Kontext einnehmen könnte. Vielleicht drängt sich bei manchem die Frage auf, wie solcher Neid eigentlich entstehen kann. Als Antwort muss man sich einfach vor Augen führen, dass man als Kind und Jugendlicher vieles noch nicht oder nicht richtig kann und andere, meist Erwachsene, vieles voraushaben. Auch die Geschwisterkonstellationen spielen bei der Entwicklung von Neid eine bedeutsame Rolle.

Großspurigkeit von Berufs wegen

Es gibt unzählige psychodynamische Hypothesen, die Neid erklären können. Eine möchte ich näher ausführen: Sicher sind jedem von uns Persönlichkeiten – beispielsweise im beruflichen Umfeld – bekannt, die immer wieder ihre besondere Größe, Stärke, Kompetenz, Männlichkeit, ihre guten Verbindungen, ihren Bekanntheitsgrad und Ähnliches darstellen müssen. Mal angenommen, diese Menschen machen das schon ein Leben lang so, haben gewissermaßen eine gewohnheitsmäßige Großspurigkeit entwickelt. Wie viel Kraft und Aufwand das wohl verlangt! Kraft, die an anderer Stelle fehlt, wenn es darum geht, Wissen, Qualifikationen, kommunikative, introspektive, reflexive, beziehungsmäßige und andere Kompetenzen zu erwerben und sich darüber ein solides Persönlichkeitsfundament zu entwickeln.
Wenn also diese Persönlichkeiten ständig mit der Selbstbestätigung der eigenen Größe beschäftigt sind, verpassen sie die Entwicklung der eben genannten Qualitäten und einer realistisch selbstbewussten Persönlichkeit; sie ahnen irgendwann in tieferen Schichten ihrer Persönlichkeit, dass andere ihnen etwas voraushaben, wissen aber nicht, wie sie das selbst erreichen können: Ein guter Nährboden für chronischen Neid ist gelegt.

Ist Jagdneid denn therapierbar?

Da Jäger pragmatische Menschen sind und Handlungsanleitungen für diverse Problematiken schätzen, wäre zu überlegen, welcher Umgang mit Jagdneid zu empfehlen ist. Hier ist zwischen denjenigen zu unterscheiden, die Neid erleben, und denjenigen, die damit durch andere Personen konfrontiert werden. Wenn Personen spüren, dass sie neidisch reagieren und sich davon befreien wollen, kann es hilfreich sein, ihn einfach auszusprechen. Für viele ist es eine überraschende Erfahrung, dass darauf in der Regel nicht mit Häme reagiert wird, sondern eher beschwichtigend oder tröstend. Allein das Aussprechen schafft oft schon eine wichtige Erleichterung.
Bei denjenigen, die ihren Neid durch Rationalisierungen oder andere Abwehrmechanismen abwehren müssen, kann man von außen wenig machen. Die Versuche, den Neid anzusprechen, führen in der Regel nur zu heftigster Widerrede und Verstärkung der Rationalisierungen. Man kann nur wünschen und hoffen, dass sich die Betroffenen irgendwann diesem Neid stellen und vielleicht auch therapeutische Hilfe in Anspruch nehmen. Der Neid verschwindet am ehesten, wenn bisher unentfaltete Begabungen, Interessen und Talente entwickelt und in die Persönlichkeit integriert werden können. Damit wird die Persönlichkeit reichhaltiger und bunter, woraus sich ein sicheres Selbstgefühl entfalten kann. Denjenigen, die einen Nachbarn haben, der gerne an den Grenzen des Reviers Wild erlegt, das aber noch im gesetzlichen Rahmen vollzieht, kann ich nur Gelassenheit empfehlen. Man kann den Nachbarn sowieso nicht ändern.

Wenn aber die gesetzlichen Vorgaben überschritten werden, die Reviergrenzen etwa zu großzügig ausgelegt oder ausgetestet werden, dann kann eine scharfe Eingrenzung oder Eindämmung, vor allem mit juristischen Mitteln, durchaus sinnvoll sein.


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