Jagdsysteme in Mitteleuropa

Tradition vor Biologie? Jagdsysteme im deutschsprachigen Raum © CZ/Foto: Erich Marek
Viele Gemeinsamkeiten, deutliche Unterschiede: Immerhin, diese fünf Wildarten dürfen in der gesamten D-A-CH-Region bejagt werden.

Jagdrechtliche Großräume

Mitteleuropa gliedert sich grob in drei unterschiedliche Reviersysteme. © Markus Deißler

Die drei jagdreichlichen Großräume Mitteleuropas: Das "Klassische Reviersystem in Deutschland und Österreich, das Schweizerische Reviersystem in Teilen der Schweiz und Liechtenstein, das "Soziale Reviersystem" in Südtirol.

Deutschland ist groß und jagdrechtlich vielseitig, seine Bundesländer stellen 16 der untersuchten 36 Regionen aus fünf Nationen dar. Wer nicht öfter jenseits der heimatlichen Grenzen jagt, ist mit den jagdrechtlichen Gegebenheiten in den anderen Bundesländern, aber auch den mitteleuropäischen Nachbarstaaten meist nicht näher vertraut. Um den Blick über die Grenzen zu öffnen, soll auf einige Besonderheiten des deutschen Jagdrechts aufmerksam gemacht werden. Grundlage für die Auswahl war einerseits die deutsche Sprache in den Regionen und andererseits die Verwendung eines Reviersystems.

Mitteleuropa lässt sich grob in drei jagdsystemische Zonen gliedern. In Deutschland und Österreich gilt das „Klassische Reviersystem“ – das Jagdrecht ist mit dem Besitz von Grund und Boden verbunden und kann als Eigenjagd oder durch Verpachtung genutzt werden. Das „Schweizerische Reviersystem“ in der Schweiz und Liechtenstein kennt keine Bindung an Grundbesitz, wodurch es dort keine Eigenjagdreviere gibt. Staatliche Behörden teilen die Fläche des Kantons in Jagdreviere ein, welche dann an Gruppen von Jagdpächtern, sogenannte Jägervereine, verpachtet werden. In allen Kantonen gibt es Regelungen, die ortsansässige Jäger bevorzugen. Noch einen Schritt weiter geht das „Soziale Reviersystem“ als dritte Möglichkeit, welches sich nur in Südtirol findet. Auch dort ist die Jagd nicht an Landbesitz gebunden, Eigenjagden gibt es nur noch als historische Relikte mit Bestandsschutz. Die Fläche einer Gemeinde bildet ein Revier, und jeder dort wohnhafte Jäger erwirbt mit seinem Jagdschein die Erlaubnis, dort zu jagen, sowie seinen Anteil am Abschuss­plan. Hier ist man in Deutschland darauf angewiesen, dass der Verpächter vernünftig handelt und selbst Faktoren wie Ortsansässigkeit oder jagdliches Können gegenüber dem reinen Pachtpreis berücksichtigt.

Historische Ursprünge der Reviergrößen

Mindestgrößen-Eigenjagd © Markus Deißler

Das „Klassische System“ ist eine historische Konsequenz der Deutschen Revolution von 1848/49, bei der das Volk von seinen Landesfürsten neben anderen Zugeständnissen auch das Jagdrecht auf ihrem eigenen Grund einforderte. Die teilweise willkürlich anmutenden Mindestgrößen für Eigenjagdreviere stammen aus dieser Zeit. Sieben der neun österreichischen Bundesländer verlangen eine Mindestgröße von 115 ha, was 200 österreichischen Joch entsprach. In 14 der 16 deutschen Bundesländer liegt die Mindestgröße einer Eigenjagd bei 75 ha, welche wiederum historisch 300 preußischen Morgen entsprechen. Und auch die befremdlich anmutenden 81,755 ha Mindestgröße in Bayern sind einer historischen Umrechnung geschuldet, nämlich 240 bayerischen Tagwerk. In den Bayerischen Alpen gelten höhere Flächenanforderungen, um den alpinen Bedingungen gerecht zu werden. Lediglich in Brandenburg wird mit 150 ha gleich das Doppelte der historischen Variante gefordert. Für Gemeinschaftsjagdreviere sind die Größen weniger historisch begründet, deshalb ist die Situation dort uneinheitlicher. Aus wildbiologischer Sicht sind die Flächen, die für ein nachhaltiges Wildtiermanagement erforderlich wären, für einige Arten so groß und auch nicht deckungsgleich mit den Reviergrenzen, dass hier eine gute Nachbarschaft und darauf aufbauend eine revierübergreifende Bejagung nötig sind.

Die Mindestgrößen von Gemeinschaftsjagdrevieren sind sehr unterschiedlich geregelt. © Markus Deißler

Streitfrage überall: Die Freigabe

Nur fünf Tierarten sind in allen 36 Regionen des Untersuchungsgebietes jagdbares Wild: Schwarzwild, Rehwild, Rotfuchs, Stockente und Ringeltaube. Für jede andere Art gibt es zumindest einzelne Regionen, in denen diese keine Jagdzeit besitzt. Die Möglichkeit, eine Wildart zu bejagen, verleiht dieser für den Jäger einen erkennbaren Wert und schafft Anreize, sich dieser Art speziell anzunehmen. Auch wenn die Bejagung pausiert ist, bleibt die Hegeverpflichtung des Jägers bestehen – es erscheint nur wünschenswert, dass bei erfolgreichen Bemühungen auch eine erneute Nutzung in Aussicht steht. Besonders innovativ ist hier das „Jagd- und Wildtiermanagementgesetz“ in Baden-Württemberg, das Wildarten in verschiedene Managementklassen einteilt.

Extreme Unterschiede: Die Freigabe beim Wasserwild

Karte-Wasserwild © Markus Deißler

Wie freigiebig die verschiedenen Regionen bei der Ausweisung von Jagdzeiten sein können, zeigt das Wasserwild. Im Gegensatz zum Schalenwild, dessen Managementbedarf nirgends ernstlich in Frage gestellt wird, zeigt sich bei Enten, Gänsen und anderen Schwimmvögeln Widerstand seitens der Naturschutzverbände, was dazu führen kann, dass nur die überall jagdbare Stockente mit einer Jagdzeit versehen wird, während in der Nachbarregion eine lange Artenliste freigegeben ist. Nach der Entscheidung, ob eine Wildart überhaupt eine Jagdzeit erhält, ist deren Dauer entscheidend. Die regionalen Unterschiede sind hier ebenfalls beträchtlich.

Fallbeispiel Rehwild

Die Jagdzeiten auf Rehwild weichen voneinander ab © Markus Deißler

Als Beispiel sei das Rehwild angeführt, das in allen 36 Regionen bejagt wird. Die gesamte Jagdzeit, in der zumindest eine Altersklasse bejagt werden darf, schwankt zwischen 7,5 und 10 Monaten pro Jahr. In Deutschland wird Rehwild mindestens 8,5 Monate jährlich bejagt, während der Rest des Untersuchungsgebietes kürzere Jagdzeiten ausgewiesen hat. Der Unterschied liegt vor allem an längeren Jagdzeiten über den Jahreswechsel hinaus. Hier legen wildbiologische Studien eine frühere Schonzeit nahe.

Unsinniger Fokus auf Trophäen?

Veraltete Jagdgesetze sind immer noch stark trophäenorientiert. © Markus Deißler

Andererseits endet die Jagdzeit auf den Rehbock in einem Großteil der deutschen Bundesländer, wie auch in ganz Österreich und Südtirol, bereits deutlich vor dem Winter, um den Bock noch mit seinem Gehörn zu erlegen. Österreich geht hierbei sogar so weit, auch bei Rehböcken in Altersklassen, in Oberösterreich sogar in Trophäenklassen orientiert, unterschiedliche Jagdzeiten auszuweisen. In der Schweiz und einigen moderneren Jagdgesetzen Deutschlands findet diese Trophäenorientierung keine Anwendung. Die Fixierung auf Trophäen ist der gesellschaftlichen Akzeptanz der Jagd nicht zuträglich und aus biologischer Sicht irrelevant.

In Österreich ende die Jagdzeit auf Rehwild bereits früher. © Markus Deißler

Nachhaltig wäre eine möglichst synchrone Jagdzeit, deren Ende sich an den winterlichen Stoffwechselumstellungen aller Individuen und nicht am Abwurf des männlichen Kopfschmucks orientiert. 

Auch einen weiteren Faktor sollten Jagdgesetze endlich berücksichtigen: Wildbrücken über Autobahnen oder andere Infrastrukturelemente sind in einem stark besiedelten Raum wichtig, um Lebensräume zu vernetzen. Hier muss das Wild vertraut hinüberwechseln können. Deshalb haben sieben deutsche Bundesländer ein Jagdverbot im näheren Umkreis um Wildquerungshilfen rechtlich verankert, in Sachsen wird das Thema ohne explizite Regelung angesprochen. Außerhalb Deutschlands findet sich bisher nur in der Steiermark ein Jagdverbot in der Nähe von Wildbrücken. Hierbei kann Deutschland seinen Nachbarn, was die Wildbiologie angeht, als Vorbild dienen.