Eine jagdliche Weihnachtsgeschichte: "Weihnachtshase"

Ein Feldhase im Winter. © Pixabay.com/ Hans Braxmeier
Ein Feldhase im Winter. © Pixabay.com/ Hans Braxmeier

Ein Feldhase im Winter.

Am 15. Dezember 1904 schneite es den ganzen Tag. In der frühen Dämmerung fiel der Schnee grau in grau, dann wurde er weiß, schließlich in der Mittagstunde fast silbrig, und es hatte den Anschein, als ob die Sonne durchkäme. Aber der Schnee fiel weiter, wurde nachmittags wieder grau, um jetzt unsichtbar im Dunkel der frühen Winternacht niederzusinken. „Is der Vata no net dahoam?“, ruft die Försterin aus der Kuchel in die Stuben zur Lina. „Na, is scho so finster, und den Buam hat er auch dabei“, kam es von der blonden Försterstochter zurück.

Schwere Stiefel klopfen vor dem Haustor den Schnee ab. Dann tritt der Vater Klingelmeier mit seinem 12-jährigen Franzl, dick überschneit, in den steingepflasterten Hausflur. Sie schütteln sich ab. Der Förster öffnet seine alte Lefaucheaux-Hahnflinte, blickt durch die Läufe gegen die Petroleumhängelampe. Franzl geht schnell in die Küche und wäscht sich mit heißem Wasser die rot gefrorenen Hände. Dann gehen sie gemeinsam in die Stube, wo im Herrgottswinkel die dampfende Schüssel auf dem Tisch steht.

Viel Schnee und wenig Hasen

Bei so viel Schnee sind die Hasen nicht leicht zu erlegen. © Pixabay.com/ Hans Braxmeier

Bei so viel Schnee sind die Hasen nicht leicht zu erlegen.

„Z’vui Schnee macht’s; wenn’s so weiter geht, dann kriagn ma an Mordsschneebruch!“ „Und füttern müassen ma fleißi“, wirft der Franzl ein, „die armen Reh!“ „Du, vom Baron is a Karten aus München kommen. Er braucht drei Hasen auf Weihnachten in d’ Stadt nei“, sagt die Försterin. „So, drei; also paß auf: drei für d’ Herrschaft, oan für’n Herrn Pfarrer von Eberfing, oan für’n Herrn Expositus (= Pfarrvikar) von Marnbach, oan für’n Apotheker von Weilheim, oan für’n Lehrer von Marnbach und oan für uns, des san achte. Heut is’ der 15. Dezember, des werd schwar gehn bei dem Schnee!“ Da hat der Klingelmeier recht. Denn in der rauhen Gegend gibt es wenig Hasen. Die paar Küchenhasen werden auf der Suche oder beim Abendansitz geschossen. Er muß sich ordentlich dranhalten.

Am nächsten Tag hört das Schneegestöber auf; so gelingt es dem alten Klingelmeier, jeden Abend einen Hasen heimzubringen. Am 22. abends hat er sieben Stück. Einer fehlt noch, und das ist schlecht, denn er hat morgen keine Zeit, weil Brennholzversteigerung ist. Die Herrschaft in München, der Lehrer von Marnbach, der Pfarrer von Eberfing, der Apotheker in Weilheim sind versorgt. Der letzte Hase vom 22. ist ein ganz starker, alter Waldrammler von elf Pfund. Den möcht’ halt die Försterin für sich selber behalten, weil sie genug Mäuler zu stopfen hat. „Muatta, i glaub, wir müassen do den heutigen Hasen dem Herrn Expositus schicken. Müassen mir hoit an andern Braten machen“, wagt Klingelmeier noch einmal schüchtern einzuwenden.

Mit Flobert auf Hasenjagd

Versteck im Gebüsch lauert der Bub dem Hasen auf. © Pixabay.com/ Hans Braxmeier

Versteck im Gebüsch lauert der Bub dem Hasen auf.

„Na, der soll liaba was anders essen, der kriagt gnua g’schenkt. Mir kriagen nix!“, entgegnet resolut die Frau Försterin. „Du, Vata, i wissat an Hasen der ganz leicht zum schiaßen is’!“ „Wo denn nacher?“ „Des sag’ i net“, sagt Franzl verschmitzt, „Aba woaßt, wann i den Hasen schiaßn derfat, i kriag ihn ganz gwiß.“ „Was fallt Dr ein. Sei froh, daß der Baron erlaubt hat, daß Du in den Ferien mit’m Barons Franzl Oachkatzln und Raben schiaßen derfst. Moanst, weil er Dir vorig’s Jahr den Flobert g’schenkt hat, kunnst umanandejagern. Zum Hasen, des is’ Nutzwild, da brauchst a Jagdkarten. Des derf i als vereidigter Jagdaufseher gar nia zulassen.“ „Vota, Du hast ja morg’n koa Zeit, aba i dawisch ean sicher.“ „Laß do den Buam den Hasen schiaßen“, fällt die Försterin ein, „zur Belohnung, daß er immer scho fleißi beim Wildfüttern mithilft.“

Klingelmeier schaut dem Franzl in die blauen Augen, die ihn voll Jagdleidenschaft bittend anlachen. „Guat, Franzl, aber Du muaßt den Hasen sauber mit Deim Flobert mit der Kugel schiaßen. Kannst zwoa lange Patronen kriagen, mit dene muaß scho geh’n.“ Er holt zwei solche extralange 6 mm Kugelpatronen, die er immer selber verwahrt, weil sie ihm in der Hand des Buben zu gefährlich sind, und überreicht sie ihm feierlich. „Aba des sag’ i Dir, wanns d’ a Dummheit machst, dann is aus mit der ganzen Jagerei, dann nimm i Dir’s G’wehrl weg, bis d’ erwachsen bist!“ Der Franz tut in der Nacht kein Auge zu, er denkt immer hin und her, wie er das morgen machen soll. Am 23. früh ist der Förster schon längst im Revier, als der Franzl zum letzten Mal vor den Weihnachtsferien nach Marnbach läuft, um sein Zeugnis zu holen.

Im Schneehemd auf Abwegen

Ein Feldhase im Schnee. © Erich Marek

Ein Feldhase im Schnee.

Drüben die Fenster vom Fritz sind dunkel, also ist er nicht zu Hause. Verflucht nah und groß steht die feindliche Villa vor ihm, und der Fußweg ist auch verdammt gefährlich. Ganz still ist es, unheimlich still; auch wird es schon langsam dunkel. Vom Marnbacher Kirchturm schlägt es ¼ nach 4 Uhr. Das Herz beginnt dem Franzl zu klopfen. Da, vor ihm eine Bewegung vor dem nachbarlichen Gartenzaun. Immer näher kommt der Hase langsam herangehoppelt. Ganz leise hört der Franzl: ftsch … ftsch, jenes geheimnisvolle Geräusch weicher Pfoten im Schnee. Der Hase erscheint ihm im Dunkeln riesengroß. 30 Schritt ist er noch weg.

Doch Zeit darf er nicht verlieren. Ganz automatisch lädt er noch einmal sein Gewehr. Er springt auf, stürzt vor zum verendeten Hasen, packt ihn instinktiv und rast zurück zu seinem Stand, wo er wieder unsichtbar in sich zusammensinkt. Dann kriecht er durch den Graben zurück. Endlich hat er die weite, gefährliche Strecke geschafft, um bald darauf an ganz anderer Stelle auf der Eberfinger Landstraße laut pfeifend zu erscheinen.

Beim Abendessen muß er genau erzählen, wie es zugegangen ist. Da muß er verflucht aufpassen. „Wo hast’n denn g’schossen?“, forscht der Klingelmeier. „Woaßt, i hab’ jeden Tag auf’m Schulweg g’segn, daß vorn, wo die Eberfingerstraß in die Eichen geht, um a viere rum a Has’ in des oit Krautgartl eini is’. Da is’ auch ois volla Spur. Da bin i auf die vorderste Eichen auffiklettert, die, wo so an runterhängenden Ast hat, woast es scho, und da is’ er mit auf 30 Schritt kemma. Dann hat’s g’schnallt.“ Alle lauschten gespannt Franzls Erlebnis.

Fritz will den Hasen selber schießen

Hasenspuren im Schnee. © Pixabay.com/ Hans Braxmeier

Hasenspuren im Schnee.

Am nächsten Morgen, dem 24. Dezember, fällt dem Gabler Fritz in aller Früh siedendheiß ein, daß er vergessen hat, dem Doktor von Weilheim einen Weihnachtshasen zu schicken, wie es der Herr Professor befohlen hatte. Aber er weiß ja, am Gartenrand in dem Gebüsch ist doch immer der alte Rammler. Er geht hinaus mit seinem Tell und läßt den gleich beim Garten revieren, während er selbst auf den Marnbacher Fußweg geht. Da steht 30 Meter rechts vom Weg im Krautacker Tell schon vor, mit schiefem Kopf nach unten äugend. Tell voran! Der fährt in den Schnee und beißt darin herum. Eine frische Spur geht aus den Büschen dorthin, aber sie hört da auf, wo sich der Hund so merkwürdig benimmt. Da liegt Schweiß und ziemlich viel Hasenwolle. Von dieser Stelle geht eine Menschenspur in das alte Bachbett zur Jagdgrenze hin und zurück. Fritz erkennt gleich die Genagelten vom Franzl in der Spur. Soll der Bua gewildert haben? Unglaublich die Frechheit!

Fritz folgt den Tritten; sie führen auf 20 Schritte in den Haselbusch. Dort blinkt etwas im festgetretenen Schnee. Er hebt es auf. Es ist eine 6-mm-Patronenhülse. Das Gewehr kennt der Fritz auch. Er folgt weiter und sieht die aufgewühlte Kriechspur im tiefen Schnee des alten Grabens. Jetzt weiß er genug. Aber was machen? Heute abend ist Heiligabend, da ist er im Forsthaus eingeladen. Er ist ja so allein, und da ist doch seine Lini. Sein Pflichtgefühl kämpft mit seinem Herzen. Aber er hofft, daß er die Sache irgendwie in Ordnung bringen kann. Es kann doch nicht sein, daß der alte Klingelmeier davon wußte! Aber, was hat denn der Bua mit dem Hasen wohl angefangen?

Langsam wich die weihnachtliche Stimmung der krassen Wahrheit

Weihnachtsabend im Forsthaus. © pixabay.com/ Hans Braxmeier

Weihnachtsabend im Forsthaus.

Ahnungslos hat der Franzl heute Morgen dem Herrn Expositus den Hasen gebracht, wobei ihm der Vater natürlich streng verboten hat, damit zu prahlen, daß er, der Franzl, den Hasen geschossen hat, von wegen der Jagdkarte. Der Lichterbaum brennt im Forsthaus. Vater und Mutter Klingelmeier, Franzl, Lina und Fritz sind versammelt. Besonders der Franzl strahlt, denn der Baron hat aus München für ihn den „Lehrprinz“ von Oberländer geschickt, den er im Schein des Baumes halb verschlingt. Fritz ist in einer eigenartigen Lage. Hier mitten im Glück, müßte er es eigentlich zerstören, aber er kann es nicht. Lina schaut ihm tief in die Augen: „Was hast denn Fritz?“ „Nix, Lini, i bin ja so glücklich bei Dir, aba manchmal hat ma hoit so Gedanken, woaßt es scho!“ „Kommt’s zum Essen!“, ruft die Klingelmeierin. Bald ist der durch ihre Kunst doch noch ganz weich gewordene Mordshase vertilgt. Die Gespräche drehen sich um die Jagd, die Politik, ob es nicht bald Krieg geben wird.

Nach dem Essen rauchen die Männer gemütlich die Weihnachtszigarren, die der Baron aus München geschickt hat, und trinken fleißig süßen Punsch. Franzl zeigt harmlos dem Fritz die Bilder im „Lehrprinz“. Jetzt halt’s der Fritz nicht länger aus. Er fragt den Franzl leise, so daß es der Vater nicht hören konnte: „Steht da auch was drin zwegn dem Wildern beim Nachbarn?“ Franzls Gesicht wird blutrot, dann kasweiß. „Du, Franzl, i hab’ Dir auch was mitbracht zum Christkindl“, und er gibt ihm die abgeschossene Patronenhülse, die der Franzl vor Schreck auf den Boden fallen läßt. Vater Klingelmeier müßte kein Jäger sein, wenn er nicht bemerkt hätte, daß da etwas los ist. „Was habt’s denn da mitanand so heimli zum Tuscheln?“ Fritz errötet, alle schauen auf Franzl, der schnell die leuchtende Messinghülse aufheben will und schon Tränen in den Augen hat. Blitzschnell kombiniert der alte Klingelmeier: „Hundsbua, verfluachta, was hast denn g’macht?“ Zwei schallende Watschen aus harter Hand treffen die roten Backen des Buben. Stumm läuft Franzl aus der Stube.

Am Weihnachtsbaum knistern leise die Kerzen, doch von einer Heiligabend-Stimmung ist nicht mehr die Rede. „Aba, Vata, unterm Christbaum“, sagt die Mutter. „Der Hundsbua! Fritz, des mußt entschuldigen. I’ ko mir scho denken, wia des zugangen is’, der hat bei Dir drüben sein Has’n g’schossen, und i bi’ dran schuld!“ Fritz erklärt seine Feststellungen und bedauert herzlich, daß er nun doch den Frieden hier gestört hat. „Fritz, des is’ klar, daß i den Hasen ersetz. I will Dir a mal was sagen: Wann der Franzl mir des glei’ eing’standen hätt’, dann hätt’ i vielleicht gar net so viel d’raus g’macht, denn woaßt, i bin auch a mal a Bua gwen und hab das Bluat in mir, was i geerbt hab, grad wia der Bua vo mir. Aber, daß er mi og’logen hat und a große G’schicht erzählt, des kränkt mi’ direkt. Sovui Vertrauen müaßt’ er do’ hab’n. Darum hat er seine Watschen verdient!“

Nach der Aussprache kehrt die besinnliche Stimmung zurück

Nach der Aussprache ist die Stimmung wieder gut. © pixabay.com/ Hans Braxmeier

Nach der Aussprache ist die Stimmung wieder gut.

Inzwischen knarzt die steile Treppe da oben. Franzl liegt im Bett. Die Tür wird aufgerissen, die Lini tritt ein. „Du Saubua, Du bist Schuld, wenn’s zwischen dem Fritz und ’m Vata a Feindschaft gibt. Und i?“ Die Tränen schießen in ihre Augen. Sie stürzt sich wütend auf das Bett und haut dem überraschten Franzl auch noch eine kräftige Watschen herunter. Sie läuft hinunter und trocknet sich in der Kuchel die Tränen. Ganz erstaunt ist sie, als sie beim Betreten der Stube die beiden Männer sich lachend unterhalten sieht.

Da knarzt die Stiege noch einmal. Die Mutter tritt in die Kammer ein. Sie zündet die Kerze an. Franzl wendet sich zur Wand. „Franzl, was hast denn g’macht?“ Sie hat selber auch ein bissel schlechtes Gewissen, denn sie ist ja mit schuld, daß Franzl die Erlaubnis bekam. „Franzl, der Vata hat g’sagt, daß ean am meisten ärgert, daß d’n angelogen hast!“ Franzl rührt sich nicht. „Franzl, paß auf, i hilf Dir. I werd an Vata auch bereden, daß er’s G’wehr net wegnimmt, aber Du muaßt mir versprechen, daß D’ erschtens den Fritz um Verzeihung bittst und zwoatens, daß D’ übermorgen am Stephanitag beicht’st, daß D’ g’logen hast und daß D’ g’stohlen hast, denn der Vata sagt, daß das Wuidern grad is’ wia’s Stehlen.“ „Ja, Muatta, i versprich’s.“ Die Mutter geht hinunter zu den anderen, die fröhlich zusammensitzen. Lini und Fritz strahlen sich an: Heute abend haben sie sich versprochen. Der Hase ist längst vergessen.

Der Franzl kann die Nacht nicht schlafen. Er ist wütend auf sich selbst, daß er doch zu unvorsichtig war.

 

Autor: Franz Frhr. v. Hallberg


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