Ein Jäger auf der Überholspur - Interview mit Hubert Aiwanger

Er spricht Dialekt aus Überzeugung, ist Mitpächter eines 550 Hektar großen Jagdreviers und seit November 2018 der zweitwichtigste Mann im Freistaat Bayern: Hubert Aiwanger. © Martin Weber

PIRSCH: Sie waren schon immer bekannt als Sprecher und Experte für die Entwicklung des ländlichen Raums in Bayern. Warum wurde es also nicht das Landwirtschaftsministerium? War das Wahlergebnis zu gut?

Hubert Aiwanger: Ich habe mir diese Entscheidung nicht leicht gemacht, und ich wäre sicher auch gerne Landwirtschaftsminister mit direkter Zuständigkeit für die Jagd geworden. Doch politstrategisch ist der Hebel des Wirtschaftsministers größer. Trotzdem nehme ich mir aber auch als Wirtschaftsminister, stellvertretender Ministerpräsident und Vorsitzender der Freien Wähler heraus, mich zu Themen der Jagd zu äußern. Und auch im Wirtschaftsministerium kann ich einiges für die Jagd tun: Vermarktung von Wildbret, technische Aspekte wie Drohnen zur Kitzrettung, weniger Flächenfraß, schonender Tourismus. So habe ich z.B. vor, die Gams als Tourismusfaktor zu etablieren und nicht nur zum Knospenfresser abwerten zu lassen.

PIRSCH: Stichwort Flächenfraß: Sie haben in der ­Vergangenheit ­diesbezüglich stark auf ­Freiwilligkeit gesetzt. Wie wollen Sie jetzt als Minister den Spagat zwischen ­Freiwilligkeit und Regulation schaffen?

Hubert Aiwanger: Einerseits muss man den Flächenverbrauch reduzieren. Andererseits muss ich Wirtschaftswachstum anstreben und auch zulassen. Das muss aber mit Sinn und Verstand gemacht werden. Gerade die erneuerbaren Energien wie Photovoltaikflächen kann man auch als Chance für das Niederwild sehen. Im Bereich Biogas könnten mehr Blühflächen umgesetzt werden: Mit einem größeren Anteil an Durchwachsener Silphie, die ja auch für die Biogasanlage bestens nutzbar ist.

PIRSCH: Sie haben schon des Öfteren die notwendige Versöhnung zwischen Jagd und Landwirtschaft angesprochen. Wie wollen Sie diese einleiten?

Hubert Aiwanger: Auf der unteren Ebene besteht meist traditionell ein gutes Verhältnis. Der durchschnittliche Jagdgenosse kann sehr gut mit dem durchschnittlichen Jagdpächter. Es ist eher ein Gefecht der Fürsten auf Verbands-Funktionärsebene. Das muss man also richtig gewichten. Beiden Parteien muss bewusst sein, dass das bewährte, an Grund und Boden gebundene Jagdsystem nur dann erhalten bleibt, wenn der Laden auch läuft. Wenn es dauernd Ärger gibt, kommt irgendwann als lachender Dritter der Staat oder eigentumsfeindliche Ideologien. Diese Tendenzen sieht man auch in Bayern, wenn sich beim Thema Verbiss aus meiner Sicht staatliche Stellen oftmals zu viel anmaßen und das forstliche Gutachten eine Einigkeit zwischen Jagdgenosse und Jagdpächter zu überstimmen versucht. Das trägt Unruhe in die Dörfer. Da muss man ansetzen und sowohl Jäger als auch Waldbauern besser zusammenbringen, um Verbiss zu vermeiden. Das sind jagdliche, aber auch waldbauliche Maßnahmen, vom Schwerpunktabschuss bis hin zum Thema Einzelschutz. Es kann nicht sein, dass es quasi verpönt ist, eine Douglasie oder Tanne auch mal im Einzelschutz hochzubringen, sondern nur alles über den Abschuss regeln zu müssen.

Hubert Aiwanger ist passionierter Jäger und Vorsitzender der Kreisgruppe Rottenburg. © Martin Weber

Hubert Aiwanger ist passionierter Jäger und Vorsitzender der Kreisgruppe Rottenburg.

PIRSCH: Planen Sie diesbezüglich auch Maßnahmen? Zum Beispiel den Anstoß, das forstliche Gutachten zu reformieren?

Hubert Aiwanger: Im Koalitionsvertrag haben wir festgelegt, das forstliche Gutachten weiterzuentwickeln. Das bedeutet, dass wir einen ganzheitlicheren Ansatz finden müssen, der neben dem Verbiss auch den Einfluss der waldbaulichen Nutzung heranzieht, um Naturverjüngung zu fördern. Es bringt einfach nichts, unter einem zu dichten Fichtenbestand auf den Knien rutschend zu schauen, ob man eine verbissene Eiche oder Vogelbeere findet. Eine Auflichtung des Kronendaches würde in diesem Fall der Naturverjüngung mehr nutzen als eine Abschusserhöhung. Ich fordere hier also den Blick aufs Ganze.

PIRSCH: … aber haben Sie nicht die Befürchtung, dass es dann für so manchen kleinen Bergbauern schon zu spät sein könnte?

Hubert Aiwanger: Zweifellos wäre es mein Wunsch, dass wir Bergweidegebiete als wolfsfreie Gebiete erklären – und am besten den Rest von Bayern auch noch. Das ist juristisch aber nicht durchsetzbar, und deshalb ist der Aktionsplan für die aktuellen Verhältnisse nicht schlecht. Käme es aber zu regelmäßigen Übergriffen, müssen wir nachjustieren. Ich hoffe aber, dass mit dem Wolf auch die Vernunft in die Politik einzieht. Und die kann nur heißen, ihn in seine Schranken zu weisen.

PIRSCH: Seit zwei Jahrzehnten läuft in Bayern die Schutzwaldsanierung bzw. Bergwaldoffensive – mit entsprechendem Geldaufwand, aber auch der Schonzeitaufhebung für diverse Wildarten. Jetzt, 20 Jahre später, wirft man immer noch die gleichen Maßnahmen in den Ring. Wird es nicht mal Zeit zu erkennen, dass eine Schonzeitaufhebung nicht das Allerheilmittel ist?

Hubert Aiwanger: Die Schonzeitaufhebung wurde vor Kurzem verlängert. Allerdings mit dem Punkt, sich jedes Jahr durch Waldbegänge ein Bild von der Situation zu machen und jene gegebenenfalls örtlich neu zu bewerten. Ich freue mich auf diese gemeinsame Aussprache. Dann sollen uns die forstlich Zuständigen erklären, warum eine Schonzeitaufhebung örtlich nach wie vor nötig ist, und Gegenargumente müssen fair gewichtet werden. Die Bayerischen Staatsforsten haben sich auch bereit erklärt, zeitnah Zahlen zu liefern, wie viel auf welchen Flächen zur Schonzeit geschossen worden ist. Ich wünsche mir, dass wir damit die Sinnhaftigkeit des bisherigen Vorgehens überprüfen können, wo möglich über Alternativen nachdenken und für die Zukunft weniger Streit. Da will ich auch dabei sein und mir Flächen zeigen lassen.

PIRSCH: Im Vorfeld haben Sie sich auch deutlich zum Thema Wolf positioniert. Wie stehen Sie zum kürzlich veröffentlichten „Aktionsplan Wolf“?

Hubert Aiwanger: Er schöpft das aus, was wir rechtlich derzeit ausschöpfen können. Das heißt aber nicht, dass das auf Dauer das Ende der Fahnenstange ist. Ich bin der Überzeugung, dass, wenn sich die Wolfsbestände weiter ausweiten, der Wolf von Anhang IV auf V der FFH-Richtlinie kommen muss und damit der Schutzstatus gelockert wird. Das geht aber auch nur schrittweise. Je größer die Ausbreitung, desto größer der Ärger, und desto eher ist die Politik bereit, etwas zu unternehmen. Dass man in Bayern künftig auf den Wolf zugreifen kann, wenn er Weidevieh auf Flächen gefährdet, die nicht mit zumutbarem Aufwand geschützt werden können, sowas wäre vor fünf Jahren noch undenkbar gewesen. Auch dass man Bergbauern zugesteht, dass man in gewissen Gegenden Zäune gar nicht eingraben kann, ist ein Fortschritt.

© Martin Weber

PIRSCH: Sie bekleiden seit vielen Jahren das Amt des Vorsitzenden der Kreisgruppe Rottenburg im Bayerischen Jagdverband. Entsprechend involviert sind Sie auch in die Verbandsgeschehnisse. Wäre es nicht langsam Zeit für einen Wechsel an der Verbandsspitze?

Hubert Aiwanger: Herr Vocke hat große Verdienste, die ihm niemand abstreiten sollte. Im Rahmen seiner Möglichkeiten – jagdliche Interessen zu vertreten ist ja nicht immer leicht – hat er das Amt auch gut ausgefüllt. 2018 wurde er nochmal gewählt und hat angekündigt, seine Dienstzeit eventuell nicht zu Ende zu führen. Wie seine Überlegungen derzeit sind, weiß ich nicht. Vom Sockel stoßen werde ich ihn jedenfalls nicht. Am Ende muss man schauen, ob es jemand anderes besser macht.

PIRSCH: Haben Sie da jemand Speziellen im Sinn?

Hubert Aiwanger: Ich glaube, dass das noch früh genug kommt. Schließlich gibt es in der bayerischen Jägerszene genug gute Köpfe, die dafür infrage kämen. Eine knappe Handvoll fallen mir da ein. Namen will ich jetzt aber nicht nennen.

PIRSCH: Die Verbandspolitik der Jagd war lange auch Parteipolitik. Eine gewisse CSU-Nähe der Jägerschaft steht im Raum. Würde es sich nicht anbieten, dieses Ressort stärker für Ihre Partei zu sichern?

Hubert Aiwanger: Natürlich werden bei einer Nachbesetzung auch Gedanken gesponnen, welche Partei bei Verbandsposten dahintersteht. Die Jägerschaft ist traditionell konservativ. Trotzdem ist das blinde Ketten eines Verbandes an eine Partei auf Dauer nicht sinnvoll, weil damit die Handlungsfähigkeit des Verbandes eingeschränkt wird. Und vieles, was in der Verbisspolitik in Bayern in der Vergangenheit gelaufen ist, auch an Tendenzen gegen das Revierjagdsystem, hätte man politisch eher den Grünen zugeordnet. Hier müssen wir mit einem ganzheitlichen Ansatz endlich den Ausweg aus dem Zwist zwischen Forst und Jagd finden.

PIRSCH: Wenn Sie einen jagdlichen Wunsch frei hätten, was wäre das?

Hubert Aiwanger: Dass das Jagdrecht weiterhin in der bewährten Form ausgeübt werden kann und  nicht immer mehr in ideologisches Fahrwasser kommt. Das muss weiter an Grund und Boden gebunden sein. Jäger und Bauern sollen gemeinsam bei der ­Jagdgenossenschaftsversammlung mit der Eigenverantwortung vor Ort bestimmen, was los ist. Ich will kein wildbiologisches ­Gutachten machen müssen, bevor ich eine Hasentreibjagd halten darf, und mir von einem Professor sagen lassen, wie nützlich der Fuchs für den Hasen ist. Ein Modell Baden-Württemberg müssen wir vermeiden.

PIRSCH: Zum Abschluss: Haben Sie noch Zeit zum Jagern?

Hubert Aiwanger: Ja, ich bin mit meinen Söhnen gerne im Wald. ­Derzeit ist zwar die ­jagdlich ­ruhigere Zeit. Aber ab Mai sehe ich schon zu, dass ich ­wieder meine Böcke schieße. Nicht ­politisch, sondern in der Realität.

PIRSCH: Wir wünschen dazu viel Waidmannsheil und bedanken uns für das Gespräch.

Das Gespräch führten Josef-Markus Bloch und Martin Weber.