Hauskatzen: Killer auf Samtpfoten?

Praktiker vermuten schon lange einen größeren Einfluss der Samtpfoten auch auf jagdbares Wild.


Hauskatzte versus frei lebende Tierwelt – die schnurrende Samtpfote eine schlimmer Faunenschädling? Das Erstaunliche an diesem Thema: Es gibt nichtalltägliche Allianzen! Auf der einen Seite der Verbandsnaturschutz und die Jägerschaft. Auf der anderen Seite stehen Katzenbesitzer und Tierschützer.

Dass Tier- und Naturschutz unterschiedliche Ziele verfolgen, erscheint auf den ersten Blick merkwürdig. Zwar geht es beiden um Tier und Natur, doch ist der Fokus des Naturschutzes auf einer abstrakteren Ebene: Ihm ist es wichtig, natürliche Prozesse zu schützen und möglich zu machen, heimischen Arten und Ökosystemen in unserer menschlich überprägten Landschaft einen Platz einzuräumen. Der Naturschutz hat die Verantwortung über Populationen, Ökosysteme und natürliche Ressourcen im Blick.

Der Tierschutz hingegen arbeitet auf einer anderen Ebene. Ihm geht es primär um das Wohl des einzelnen Lebewesens. Dabei ist es gleichgültig, ob es sich um eine invasive und/ oder dem Ökosystem fremde Art handelt. Der Tierschutz argumentiert meist wenig naturwissenschaftlich, sondern auf einer ethisch-moralischen Ebene. Dieser Ansatz hat zweifellos seinen Wert und dient unserer Gesellschaft als wichtiger Spiegel, etwa bei der Massentierhaltung. Auch für die Jagd ist die Ethik ein wichtiger Faktor. Jäger berücksichtigen das unter dem Begriff der Weidgerechtigkeit, welcher jedoch nicht klar definiert ist.

Hirarchie der Sichtweisen

Probleme ergeben sich dann, wenn die Maßstäbe des Tierschutzes fraglos über andere Sichtweisen gestellt werden; wenn das Töten von Tieren an sich für unethisch erklärt wird. Gleich, ob die gewonnenen Ressourcen genutzt werden oder nicht oder es anderweitige Gründe für das Töten gibt. Diese Hierarchie der Sichtweisen ist in der Diskussion über Hauskatzen und deren Einfluss auf Wildtiere ein zentraler Bestandteil des Konflikts.

Es handelt sich nicht um eine faktenbasierte Diskussion, sondern um einen emotional geführten Streit. Fairerweise muss man klarstellen, dass beide Seiten dazu beigetragen haben, dass es so weit kam. Die Argumentation der Tierschützer und Katzenfreunde fußt jedoch hauptsächlich auf Ethik und Moral, weniger auf naturwissenschaftlichen Erkenntnissen.

Es gibt zahlreiche Studien, die auf die Beutezahlen freilaufender und verwilderter Hauskatzen hinweisen. Viele dieser Studien haben mit teils erheblichem Aufwand versucht, abzuschätzen, wie groß der Einfluss von Hauskatzen auf wildlebende Tiere ist. Die daraus abgeleiteten Hochrechnungen ergeben oft sehr hohe Beutezahlen. Da es sich um wissenschaftliche Studien handelt, wird bei den Methoden, der Auswertung und Interpretation der Ergebnisse auch ein naturwissenschaftlicher Standard verlangt.

Klare Aussagen können nur dann getätigt werden, wenn sie gesichert – also mathematisch belegbar – sind. Für viele mag dieses Prozedere langatmig und unnötig komplex erscheinen. Doch es hat einen entscheidenden Vorteil: Es versachlicht die Diskussion!

Wissenschaft liefert objektive zahlen

Daher werden Methoden, Ergebnisse und Interpretationen erklärt und zudem deren Schwächen dargelegt. Biologische Feldstudien müssen einen Kompromiss finden, wenn es um die Komplexität, die Übertragbarkeit der Ergebnisse und die daraus entstehenden Kosten geht. Somit ist es wichtig, in einer naturwissenschaftlichen Arbeit offen über die Schwächen der Methoden zu reden, ihre Grenzen aufzuzeigen und darzulegen, warum man sich dennoch dafür entschieden hat. So zeigt sich auch, ob bereits vorhandenes Wissen auf dem Forschungsgebiet ausreichend berücksichtigt wurde. Ebenso ist es möglich, dass verschiedene Studien zu unterschiedlichen Schlussfolgerungen kommen können.

Bei Hochrechnungen, wie viele Wildtiere jährlich von freilaufenden Hauskatzen erbeutet werden, ergeben sich häufig sehr hohe Opferzahlen. Ein großer Schwachpunkt hierbei ist, dass es zwischen den einzelnen Katzen erhebliche Unterschiede gibt, wie effizient und häufig sie jagen – und eben Beute machen. Es kann folglich nicht von einer auf die andere Katze geschlossen werden, und so sind diese Zahlen mit Vorsicht zu interpretieren. Dennoch haben diese Studien ihren Wert – schließlich liefern sie einen Eindruck über den Einfluss des Tiers „Katze“. Auch die Aussage vieler Katzenbesitzer, ihr Haustier brächte keine oder kaum Beute nach Hause, ist kein Beleg dafür, dass ihre Katze keine Beute macht. Ob und wie häufig Beute vorgelegt wird, unterscheidet sich ebenfalls von Tier zu Tier erheblich und ist von Faktoren abhängig, die bisher völlig unklar sind.

Starker Einfluss auf die Fauna

So manches Wildtier weiß sich auch gegen Eindringlinge zur Wehr zu setzen.


„Lediglich 23 Prozent der getöteten Beutetiere werden dem Besitzer vorgelegt, 49 Prozent verbleiben am Fangort und 28 Prozent werden verspeist. Diese Ergebnisse weisen darauf hin, dass Hochrechnungen, die auf den Zählungen der dem Besitzer vorgelegten Beute die tatsächlichen Ausmaße unterschätzen“ (Loyd et al. 2013). Unterm Strich gibt es aber klare Hinweise darauf, dass viele Katzen durchaus einen nennenswerten Einfluss auf Wildtiere in ihrem Umfeld haben. Ob dieser Einfluss für eine Population oder Art bedeutend ist, hängt von vielen Faktoren ab: Handelt es sich um eine bedrohte Art mit geringem Vorkommen? Entwickeln sich die Populationen negativ oder schlecht? Kommt die Art nur räumlich begrenzt vor? Das sind nur ein paar Fragen, die es zu beantworten gilt, wenn man die tatsächlichen Auswirkungen von Hauskatzen beurteilen will.

Neben dem Töten von Tieren, also „letalen“ Einflüssen, gibt es in der Ökologie noch ein weiteres wichtiges Feld, die sogenannten „non-letalen“ Einflüsse: Auswirkungen, die die Katze auf ihre Umwelt hat, ohne ein Tier zu töten, und die teilweise schon durch ihre bloße Präsenz eintreten. In einem Park in Sheffield (Großbritannien) wurde anhand von Katzenpräparaten untersucht, ob die Anwesenheit von Hauskatzen sich auf das Warn- und Versorgungsverhalten von Amselpaaren während Brut und Aufzucht auswirkt (Bonnington et al. 2013). Sobald eine Katze (bzw. das Präparat) gesichtet wurde, meldeten die Brutpaare Gefahr und waren verstärkt wachsam, was sich in einer geringeren Versorgung der Küken niederschlug, da das Überwachen der Umgebung zulasten der Nahrungssuche für den Nachwuchs ging.

Schon die Anwesenheit des Katzenpräparats hatte diesen Effekt, ohne dass eine reale Gefahr davon ausging. Das Ergebnis war trotzdem fatal: Die Versorgung der Küken war durch die erhöhte Wachsamkeit der Elterntiere deutlich schlechter (über ein Drittel geringer als zur Vergleichsgruppe). Zudem hatte das ständige Warnen der Amseleltern andere Nesträuber (v. a. Krähen) überhaupt erst auf die gut versteckt liegenden Nester aufmerksam gemacht. Jene wurden nun erheblich häufiger geplündert. Als Vergleichsgruppen wurden Präparate von Kaninchen und Grauhörnchen genutzt, deren Anwesenheit jedoch keinen statistisch nachweislichen Effekt auf die Prädationsrate der Gelege und Jungvögel oder deren Versorgung hatte (Bonnington et al. 2013). Dieses Beispiel zeigt, wie komplex Räuber-Beute-Beziehungen sein können. Selbst in diesem Fall ist die Katze ein wesentlicher Teil des Problems, auch wenn sie nichts weiter tut.

Katzen sind keine Wildtiere!

In vielen Bundesländern dürfen streunende Katzen ab einer bestimmten Entfernung zum nächsten bewohnten Gebäude entnommen werden.


Hauskatzen erreichen – als Haustier oder verwildert – unnatürlich hohe Dichten in Siedlungen und deren Umfeld. Selbst wenn sie keinen Jagderfolg haben, werden sie gefüttert oder können sich von Abfällen ernähren. Wenn schlechte Witterung aufzieht, suchen sie menschliche Behausungen auf, bei Krankheit bringt sie ihr Besitzer zum Tierarzt. Ein Luxus, den Wildtiere nicht haben. Aus diesem Grund ist die Argumentation mancher Katzenfreunde, das Jagdverhalten ihres Lieblings sei natürlich, auch nicht ganz korrekt. All die negativen Selektionsmechanismen der Natur wirken nicht auf Hauskatzen, aber auf ihre Beute.

Bevor zur großen Katzenjagd geblasen wird, muss sich über die Verhältnismäßigkeit Gedanken gemacht werden. Erstens ist es dem Ruf der Jagd nicht zuträglich, im großen Stil Katzen zu töten. Zweitens müssen sich die bereits erwähnten Fragen gestellt werden: Geht es um den Schutz bedrohter Arten? Ist der Abschuss verhältnismäßig?

Grundsätzlich sollte man nach dem Vorsatz „in dubio pro reo“ (im Zweifel für den Angeklagten, Anm. d. Red.) im Sinne der Katze handeln. Aber: In speziell ausgewiesenen Schutzgebieten wie FFH-Flächen, Kernzonen in Nationalparken, speziell für Amphibien, Reptilien oder Vögeln präparierten Arealen (selbst in Ortsnähe) haben Hauskatzen absolut nichts zu suchen. In Schutzgebieten, die extra ausgewiesen und als Rückzugsorte gedacht sind, ist der Abschuss oder Fang dort wildernder Hauskatzen aus naturwissenschaftlicher und ethischer Sicht entsprechend mehr als gerechtfertigt.

Doch auch abseits von Schutzgebieten gilt es, Katzenhalter mehr in die Pflicht zu nehmen. Kastrations- und Registrierungspflicht, saisonale Ausgangssperren in der Brut- und Aufzuchtzeit und Glöckchenhalsbänder sind keine Zumutung, sie haben etwas mit Verantwortung für das eigene Haustier und die Umwelt zu tun. Nicht nur die Amsel-Studie von Bonnington beweist das.

© Johann David Lanz

Zum Autor: Johann David Lanz

  • Jahrgang 1984
  • Jagdschein seit 2006
  • Studium der Forstwissenschaften in Göttingen und der Wildtierökologie und Wildtiermanagement an der BOKU Wien
  • Arbeitete als Wildbiologe von 2014 bis 2017 an der Universität Kasse
  • seit Anfang 2017 im Arbeitskreis Wildbiologie an der Justus-Liebig-Universität Gießen.


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