Wie der Wolf das Revier beeinflusst

Ein Wolfsrudel im Winter.


Ein Hinweis im Vorwege. Alle von uns befragten Jäger, Revierpächter und Eigenjagdbesitzer hatten etwas zum Thema Wolf beizutragen. Aber kaum jemand wollte sich zu erkennen geben. Lediglich die ohnehin in der Öffentlichkeit stehenden Forstleute des Bundes und der in den Bernstorff’schen Forstbetrieben beschäftigte Diplom-Forstwirt Ralf Abbas konnten und wollten hier namentlich bekannt werden und Farbe bekennen.

Die Aussagen können aber das Thema „Der Wolf und seine Folgen“ nur punktuell beleuchten und haben keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Fest steht, dass sich mit der zunehmenden Population der Grauhunde in unserem dicht besiedelten Bundesland die Reibungspunkte häufen werden.Doch zunächst einige Stimmen betroffener Jäger. Die Namen sind auf Wunsch der Befragten von der Redaktion geändert worden.

Bernd E., Forst- und Landwirt bei Schneverdingen in der Heide.

Der Wolf zieht inzwischen in vielen Revieren seine Fährten.


„Zunächst konnten wir eine Verhaltensveränderung bei Rehwild feststellen. Die sonst so vertrauten Stücke waren plötzlich wie vom Erdboden verschluckt. Wenn sich dann doch mal ein Reh aus dem Wald beziehungsweise der Dickung heraustraute, ging es hochflüchtig auf die Freifläche, äste hastig unter ständigem Sichern und verschwand nach kurzer Zeit ebenso hastig zurück in den Bestand.

Auch bei den Mondansitzen auf Sauen bemerkten wir Veränderungen. Hier war ebenfalls kein Rehwild mehr im Anblick, und die Sauen standen nur kurz, fast schon hektisch im Gebräch. Dafür nahmen sie in einer Nacht gleich mehrere Kirrungen an und gingen für unsere Revierverhältnisse große Wege. Dieses leichtflüchtige Verhalten änderte sich erst, als der Mais hoch genug war, um Deckung und Einstand zu bieten. Von Zeit und Stunde an blieben die Sauen dann im Mais bis zur Ernte.

Amtlich wurde die Anwesenheit des Wolfes, als er eines Vormittags die Hauptstraße am Dorfrand überquerte. (…) Wie das zukünftig werden soll, ist mir schleierhaft. Viele von uns leben hier in der Heide vom Tourismus. Meines Erachtens ist es nur eine Frage der Zeit, bis auch Menschen attackiert werden. Von Übergriffen auf Hunde und Nutztiere berichtet die Presse ja heute schon fast täglich. Meiner Ansicht nach gehört der Wolf nicht in unsere Kulturlandschaft. Was wir jetzt erleben, geht zu Lasten von Nutztieren und einigen speziellen Wildtierarten wie zum Beispiel dem Damwild, wo wir deutliche Rückgänge in den Jahresstrecken verzeichnen können.“

Dieter A. Pächter eines kleinen Reviers

Zur Welpenaufzucht vergrößern die adulten Wölfe meistens alte Fuchsbauten, die über ein großzügiges Röhrensystem verfügen.


„Wir können die Anwesenheit des Wolfes nur zur Kenntnis nehmen und haben uns mehr oder weniger damit abgefunden. Er geht uns nichts an, er steht ja nicht im Jagdrecht. Wir sehen allerdings beim täglichen Abfährten sofort, wenn er da ist beziehungsweise über Nacht da war. So gibt es kaum noch einzeln ziehende Sauen. Wenn, dann sind das sehr starke Stücke mit ‚großem Schuh‘. Das Rehwild ist mal da, mal wieder nicht, dafür ist unser Revier mit knapp 150 Hektar zu klein und die Ausweichdistanzen des Wildes zu groß, wenn wir den Wolf ausmachen können.“

Siegbert A. jagt in einem 200-Hektar-Eigenjagdbezirk in der Göhrde

Einige Jagdpächter warnen mit Schildern vor den Aktivitäten der Wölfe. Nicht zu Unrecht, wie die Vorfälle der letzten Zeit beweisen.


„Wenn der Wolf bei uns im Bereich präsent ist, geht kaum noch was. Bei einer Drückjagd standen wir mit 20 Schützen nach dem Treiben vor einem Frischling, dafür wurden fünf verschiedene Wölfe gesichtet und fotografiert. Muffelwild ist komplett weg(gefressen). Da wird eine Tierart zu Gunsten einer anderen geopfert, und das nennt sich dann Tierschutz.

Meiner Meinung nach verstößt das sogar gegen geltendes Recht, denn der Gesetzgeber ist nach den Tierschutzparagraphen verpflichtet, allen Wildtieren eine Daseinsberechtigung einzuräumen und zu erhalten. Letztendlich ist es auch für uns Jäger und Heger ein Schlag ins Gesicht. Wir haben jahrzehntelang Richtlinien eingehalten und uns an Abschussvorgaben sowohl in Qualität als auch in Quantität gehalten, haben Jahresabschusszahlen und Pläne gemeldet und eingehalten.

Und dann kommt der Wolf, hat Carte blanche, kann wegfressen, was er will, und wir gucken in die Röhre. Ein Unding. (…) Besonders in der Brut- und Setzzeit bemerken wir dies. Wie wir feststellen konnten, ist dann der Wolf verstärkt bei uns unterwegs und fast täglich auf den Wildkameras zu sehen. Wir glauben, es sind die Kälber und Kitze, die die Grauhunde anlocken und zu seiner leichten Beute werden. Wir sehen deshalb kaum noch Rotwildrudel mit den klassischen Altersstrukturen und Alttier-Kalb-Formationen. Der Nachwuchs wird deutlich weniger. Bleibt abzuwarten, wie sich das weiterentwickelt.“

Andy B., Revierpächter im Raum Celle

In besonders ruhigen Revierteilen der Bernstorff‘schen Forstflächen sind die Wölfe auch am Tag aktiv und tappen in die Fotofalle.


„Bei uns im Revier findet schon ein regelrechter Wolfstourismus statt. Es ist unglaublich, wie viele Menschen durch den Bestand laufen, natürlich ohne sich vorher mal anzumelden beziehungsweise nachzufragen. In einer Gesellschaft, wo quasi jeder macht, was er will, fallen wir Jäger schon einmal hinten runter. Nur wenn es darum geht, die ASP mit der Büchse in der Hand auf Distanz zu halten, sind wir noch gut genug. Ansonsten können Drohnen munter umherfliegen und ganz wichtige Leute mit Telemetrie-Antennen und Ortungsgeräten durch das Revier fahren.

Wenn dann mal Ruhe eingekehrt ist, kommt Isegrim und holt sich auch noch seinen Teil. Im Endeffekt macht dann auch jeder, was er will bei den Abschüssen. Nach dem Motto: Was ich nicht schieße, frisst sowieso der Wolf. Also immer munter draufhalten, egal was der Hirsch da auf dem Kopf hat. Die meisten Schüsse bei uns in der Nachbarschaft fallen ohnehin bei völliger Dunkelheit, später hört man dann einen Geländewagen mit Anhänger über den Waldweg holpern und Richtung Hauptstraße verschwinden. So läuft das inzwischen bei uns. Der Wolf frisst uns nicht nur das Wild weg, sondern verändert auch den Charakter einiger Jäger.“


Thomas Bock ist seit September 2017 bei den dlv-Jagdmedien. Das Steckenpferd des Niedersachsen ist die "Jagdausrüstung".
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