Retriever: Lockjagd auf Enten

Auch ein steiles Ufer stellt kein großes Hindernis dar. Eifrig apportiert „Jyool“ die Pfeifente.


Der See liegt ruhig da. Die Breitschnäbel dümpeln entspannt vor sich hin. Am Himmel ziehen drei Bekassinen vor der aufgehenden Sonne vorbei. Immer wieder durchbrechen Gänseschwärme mit ihrem Schnattern die Stille. Plötzlich springt aus dem dichten Schilf ein roter Vierbeiner hervor und jagt am Ufer entlang. Schon ist er wieder hinter dem Schirm verschwunden. Aus dem Augenwinkel könnte man das Tier aufgrund seiner Fellfarbe für einen Fuchs halten. Erst auf den zweiten Blick fallen das größere Gebäude und die Behänge des Hundes auf. Die Enten sichern mit langen Stingeln zum Ufer. Immer wieder taucht der Hund spielend aus der Deckung auf und verschwindet ebenso schnell. Im Schutz des Gewässerrandes nähern sich vorsichtig einige Pfeifenten, Stockenten und Blesshühner. Sie sind unsicher und rudern hin und her. Doch die Anziehungskraft des unbekannten Tieres ist stärker.

Der Jäger animiert den Hund zum Spiel

Günter und „Hettdyii“ sind ein eingespieltes Team. Die erfahrene Hündin weiß genau, was sie zu tun hat.


Zwischendurch scheint es, als sei das Schauspiel vorbei. Doch nach einiger Zeit taucht der Hund erneut auf, und springt freudig am Ufer entlang. Wer genau hinschaut kann erkennen, dass er immer wieder ein Spielzeug aufnimmt und zu seinem Führer zurückträgt, nur um es wenige Sekunden später wieder fliegen zu sehen.

Vom Wasser aus nicht zu erkennen, befindet sich in der Deckung des Schilfs ein Jäger. Er animiert den Vierbeiner mit spielerischen Bewegungen und angetäuschten Würfen dazu, ein Apportel unter überschwänglichen Bewegungen wieder zurückzubringen (Tolling). Dabei nutzt er das Gelände, um den Hund mal näher und mal weiter weg vom Ufer laufen zu lassen. Die Breitschnäbel sind inzwischen auf einige Meter an das Spektakel herangekommen. Völlig unerwartet steht der Waidmann hinter dem Schirm auf. Die Vögel streichen ab. Ein Schuss fällt. Eine der Pfeifenten trudelt getroffen auf den See zurück. Auf einen Schlag ändert sich das Wesen des Hundes. Wo er gerade noch spielend und mit viel Überschwang durch die Gegend tollte, stellt sich jetzt konzentrierte Ruhe ein. Der Hundeführer weißt seinen Jagdgefährten ein. Dieser schwimmt zielstrebig zur Beute. Als er mit dem erbeuteten Stück aus dem Wasser steigt, und es seinem Jäger präsentiert, sieht man die vor Stolz geschwellte Brust.

Die vielen unzähligen winzigen Seen entlang der Unterweser bieten die optimale Kulisse für das Tolling. Die Vielfalt an jagbarem und nicht jagbarem Wasserwild ist enorm. Ganze Schofe von Pfeifenten, riesige Gänsezüge, Schwäne, Eisvögel und Seeadler kommen hier vor. Es ist unmöglich, alle Arten aufzuzählen. Günter Walkemeyer (Vorstand des Deutschen Retriever Club) und seine beiden Nova-Scotia-Duck-Tolling-Retriever („Toller“) Damen „Hettdyii“ und „Jyool“ praktizieren hier eine weitgehend unbekannte Jagdart, Wasserwild vom Hund zum Jäger locken zu lassen. Die gezielte Lockjagd beherrschen allerdings nur sehr wenige Rassen. Der Toller ist die Einzige unter ihnen, die vom JGHV anerkannt ist.

Der Jäger sollte gut versteckt im Uferbewuchs bleiben bis die Enten nah genug heran sind. © Sascha Bahlinger

Der Jäger sollte gut versteckt im Uferbewuchs bleiben bis die Enten nah genug heran sind.

Als Familien- und Jagdhund geeignet

Günter kennt und führt die Rasse bereits seit über 20 Jahren. Als Jäger und Familienvater habe er sich damals einen Hund gesucht, der beides verbindet. 1999 folgte dann bereits der erste eigene Wurf. Heute führt er immernoch hauptsächlich Hunde aus der eigenen Zuchtlinie. Laut einer Überlieferung hat man sich das Tolling von Füchsen abgeschaut, die ebenfalls mit spielerischen Bewegungen Federwild anlocken können. Diese Nachahmung würde auch das Aussehen und die Färbung der Retriever erklären.


Diese Spezialisierung lässt sich natürlich nicht in jedem Revier nutzen. So ist es wenig erstaunlich, dass die Rasse vor allem in Ländern mit vielen Gewässern und großen Besätzen an Wasserwild bekannt und geschätzt ist. Der genaue Ursprung der Toller ist unklar. Heute wird er Kanada – genauer Neuschottland – zugeordnet. Von der kleinen Inselprovinz ganz im Osten des Landes hat er auch seinen Namen, der so viel bedeutet wie „neu-schottländischer Enten anlockender Apportierhund“. Es wird vermutet, dass die Toller von schottischen Siedlern aus den Highlands mitgebracht wurden. Die meisten Hunde dieser Rasse findet man aktuell in Schweden. Im Gegensatz zu dem Golden Retriever und dem Labrador Retriever hat sich der Toller bislang noch nicht in unterschiedliche Zuchtrichtungen – eine Arbeits- und eine Showlinie – entwickelt. Der ursprüngliche Charakter blieb daher größtenteils erhalten.

Kein kleiner Golden Retriever

Bei uns ist die kleinste aller Retrieverrassen mit dem langen Namen relativ unbekannt. Nur etwa 1000 Stück leben derzeit in Deutschland. Die Wurfzahlen liegen bei knapp 130 Welpen im Jahr. Davon bleiben allerdings längst nicht alle im Land. 1992 wurde der erste Toller in Deutschland registriert, und vor zwanzig Jahren fiel der erste Wurf.

Die wohl häufigste Frage, mit der sich der Halter konfrontiert sieht, dürfte sein: „Was ist das denn für ein Hund?“ Manche sprechen von der Miniaturausgabe der Golden Retriever. „Die Hunde sind gänzlich anders und das ist auch gut so“, erzählt Günter. Wenn man dann versucht, der Person auch noch den vollen Namen der Rasse zu erläutern, dann werden die Blicke noch unverständlicher. Aber auf diese Frage klingt die Antwort: „Ein Toller“, eher hochnäsig und stößt nur auf weiteres Unverständnis. Also kommt man um eine kleine Erklärung meist nicht herum. Die sehr temperamentvollen, verspielten Hunde bieten zwar extrem viel an, stellen aber auch hohe Anforderungen an den Halter. Ausdauernde Konsequenz in der Erziehung und konzentrationsfördernde Beschäftigungen sind von Nöten. Langeweile ist das Stichwort des ersten Ausbildungsjahres. Der Hund muss lernen, dass er auch mal Sendepause hat. Hält man sich nicht daran, neigen die Tiere dazu, nervös, laut und dadurch lästig zu werden. Viele bekommen im ersten Lebensjahr nicht ein einziges Mal einen Dummy zu sehen. Erst wenn sie gelernt haben, sich ruhig zu verhalten und der Grundgehorsam sitzt, kann es an die Jagdausbildung gehen. Der Wille, dem Menschen zu gefallen ist zwar retrievertypisch, unterliegt aber des Öfteren dem eigenen Dickkopf.

Konzentriert und ungeduldig schaut „Jyool“ auf das Apportel. © Sascha Bahlinger

Konzentriert und ungeduldig schaut „Jyool“ auf das Apportel.

„Zuweilen eigenwillige Hunde“

Toller finden immer wieder einen Weg, ihren Besitzer zu einem unbeliebten Satz zu bewegen: „Das hat er noch nie gemacht.“ Intelligenz und Kreativität wirken sich bisweilen negativ aus. „Die Verspieltheit macht einen großen Teil des Wesens aus. Sie kann aber auch übereifrig sein“, sagt Günter. Bei guter Führung sind die Vierbeiner freundliche, angehnehme Jagd- und Familienhunde. Auch die Brauchbarkeit zu erreichen, ist mit Tollern kein großes Problem. Ebenso wenig stellt die Fährtenarbeit sie vor Schwierigkeiten.


Sicht- und Standlaut können antrainiert werden. In Skandinavien werden sie weitverbreitet auch zum Drücken eingesetzt. Allerdings zeigen die kleinen Retriever keine ausgeprägte Schärfe gegenüber Raubzeug oder Schwarzwild. Ihr Element ist und bleibt die Wasserarbeit. Als begabte Schwimmer apportieren sie verlässlich.

Das Anlocken von Enten stellt sich allerdings als komplizierte Tätigkeit heraus. Es erfordert viel Geduld, Übung und vor allem geschicktes Angehen des Gewässers. Das Wasserwild reagiert empfindlich auf die Silhouette eines Menschen. Eine kleine Unaufmerksamkeit während man sich zum Schirm oder Schilf anpirscht, und die Bühne ist sofort leer. Auch helle Kleidung, oder eine auffällige Kopfbedeckung sind Gift für die Lockjagd. Selbst wenn nur einige Breitschnäbel, oder die misstrauischen Gänse lautstark abstreichen, ist alles andere Wild gewarnt.

Strenge Regeln beim „Spielen“

Nach dem Schuss ist konzentriertes Apportieren gefragt.


Und dann kann sich der Hund die Seele aus dem Leib spielen, die Enten denken nicht einmal daran, aus ihrer sicheren Deckung zu kommen. Ordentliche Tarnung und eine Möglichkeit verdeckt zum Schirm zu kommen, sind essenziell. Aber auch nach dem Anpirschen tappt man schnell in die Falle. Fällt zum Beispiel das Apportel ins Wasser, kann man sofort wieder abziehen. Seltsamerweise scheint die Gestalt des Hundes und die überschießenden Bewegungen, die Enten nicht abzuschrecken, sondern sie fühlen sich angezogen. Allerdings fordert das, was so spielerisch wirkt, strenge Regeln. Der Hund darf während des Tollings keinesfalls das Wasser annehmen oder die Enten ansehen. Außerdem gilt es, während der Spielunterbrechungen absolute Ruhe zu bewahren. Nach dem Schuss muss der Vierläufer wieder absolut konzentriert und zuverlässig die Ente apportieren. Dazu gehört auch, dass er sich im Wasser über Zurufe oder Handzeichen vom Jäger leiten lässt, falls das Wild nicht direkt in Sichtweite gelandet ist. Diese Arbeitsweise weicht doch stark von allem ab, was wir von unseren klassischen Jagdhunden kennen und erwarten. Wer einen Toller führt, muss mit Überraschungen rechnen, hat aber einen freundlichen, intelligenten Jagdkameraden, der einem eine sehr spannende Jagdart ermöglicht.


Sascha Bahlinger ist seit 2017 bei den dlv- Jagdmedien als Volontär tätig. Den Jagdschein hat er während des Studiums der Forstwissenschaft 2014 erworben.
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