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Im Zweifel für den Jäger

Auch am "Tatort" Erdsitz hatte der Jäger ein solches Schild angebracht. Foto: Erhard Brütt


Zugetragen hatte sich der Vorfall im Herbst 2012 im Teutoburger Wald. Dort hatte der heute 77 Jahre alte Jäger bereits seit 20 Jahren ein Revier gepachtet und wollte an dem Abend Damwild nachstellen. Sein mit einem Netz getarnter Erdsitz an einem umgestürzten Baum aber war bereits besetzt – von einem 57-jährigen Mann aus dem nahe gelegenen Ort. Es kam zu Streitigkeiten der beiden Männer. Darüber, was genau sich zugetragen hatte, gab es zwei Versionen. Der Jäger, so der Naturfreund, habe ihn aus der Entfernung bereits lautstark beschimpft, worauf er unverzüglich versucht habe, den Erdsitz zu verlassen – unvermittelt habe sein Gegenüber aber mit einem Stock in den Erdsitz hineingeschlagen und ihn am Kopf getroffen. „Ich hatte Angst und wollte sofort weg, der hatte ja auch ein Gewehr bei sich“, sagte der 57-Jährige. Er habe nicht gewusst, dass Ansitzeinrichtungen nicht betreten werden dürften. Der Jäger bestritt immer wieder dessen Schilderung. Dennoch verurteilte das Amtsgericht ihn 2013 wegen schwerer Körperverletzung zu 90 Tagessätzen à 60 Euro. Das Landgericht Detmold hatte in der Berufungsverhandlung 2014 noch nachgelegt und 120 Tagessätze à 80 Euro verhängt. Das Urteil kostete dem Jäger seine jagd- und waffenrechtlichen Erlaubnisse.
Dass sich die Justiz erneut mit der Sache befasste, verdankt der Waidmann einem Spaziergänger. Der Rentner hatte den Vorfall zufällig beobachtet, aber zunächst nicht geahnt, dass er ein Entlastungszeuge sein könnte. Dies sei ihm erst aufgrund eines Zeitungsberichtes bewusst geworden. Seine Aussage führte zur Wiederaufnahme des Verfahrens. Er habe ganz sicher keinen Stock im Einsatz gesehen und auch keine direkt gegen den Naturfreund gerichtete Aggression. „Wir sind immer skeptisch, wenn plötzlich ein Zeuge aus dem Hut gezaubert wird“, gab die Richterin zu. Aber die Aussage dieses Zeugen sei „sehr sachlich und glaubwürdig“. Die klare Folge: Freispruch für den 77-Jährigen. Hinreichende Zweifel an seiner Schuld hatte sogar die Staatsanwaltschaft angeführt und Freispruch beantragt. Rehabilitiert konnte der Jäger den Gerichtssaal verlassen.
Ulrich Pfaff