Home News Wolfsriss und Wolfshybrid: ForGen und Senckenberg uneinig

Wolfsriss und Wolfshybrid: ForGen und Senckenberg uneinig

Über die Untersuchungsmethode und Ergebnisse bei Wolfsrissen herrscht Uneinigkeit. © zinkevych - stock.adobe.com

Über die Untersuchungsmethode und Ergebnisse bei Wolfsrissen herrscht Uneinigkeit.


Nach einem Bericht bei bild.de über das Hamburger Institut "ForGen" kocht die Debatte über Genanalysen und Hybride bei Wölfen wieder hoch. Wir haben mit "ForGen" und dem offiziellen Untersuchungsinstitut "Senckenberg" gesprochen.

Das Senckenberg Institut gilt als offizielles nationales Referenzlabor für Wolfsgenetik. Werden die Ergebnisse von ForGen auch offiziell anerkannt?

ForGen: Da es sich bei den Entschädigungszahlungen um Billigungsleistungen handelt, können die Länder tun, was sie wollen. Die meisten wollen unsere Ergebnisse nicht anerkennen. Vom Umweltamt in Bayern hieß es vor zwei Jahren auf einem Kongress, dass auch unsere Resultate anerkannt werden.

Wir dürfen zwar für die Justiz in Kapitaldelikten untersuchen und unsere Untersuchungen führen dazu, dass Verdächtige des Mordes oder der Vergewaltigung überführt werden oder das mögliche Väter die nächsten 20 Jahre Alimente zahlen, aber Wolf oder Hund unterscheiden ist in Deutschland offensichtlich nur einem Labor vergönnt…

In dem Beitrag von bild.de heißt es, dass ForGen ein kompliziertes Verfahren (mtDNA- und STR-Analyse) nutzen. Ist das Verfahren tatsächlich genauer, als das vom Senckenberg Institut?

Senckenberg: Das ist nicht der Fall. Wir verwenden unterschiedliche Verfahren zur Trennung von Wolf und Haushund. Insbesondere die Untersuchung von 96 diagnostischen SNP-Markern erlaubt eine hochpräzise Identifizierung von Wolf-Hund-Hybriden über mehrere Generationen. Die Analyse ist zur Hybriderkennung weitaus präziser als herkömmliche Mikrosatellitenanalysen (auch STR genannt), wie sie von ForGen verwendet werden. Wir verwenden neben den SNPs ebenfalls Mikrosatelliten-Untersuchungen, da sie sich als genetischer Fingerabdruck zur Ermittlung individueller genetischer Profile hervorragend eignen.

Sind Ihnen DNA-Proben bekannt, bei denen die beiden Institute zu unterschiedlichen Ergebnissen kamen?

ForGen: Ja, gab es! Aber hier zieht man sich auf zwei Arten aus der Affäre: 1. Wir können sowieso nichts. 2. Die Proben sind nicht die richtigen…

Senckenberg: Die mir bekannten Ergebnisse von ForGen deuten in der Regel auf uneindeutige Befunde hin, die in den entsprechenden Gutachten meist einen ähnlichen Wortlaut haben, wie "Wolf-Hund-Mischling oder Mischling", es kann folglich nicht zwischen Hund und Hybrid unterschieden werden. Auch weitere Zusätze, etwa, dass auch ein Befund "Wolf" nicht auszuschließen sei, finden sich in den Gutachten. Dies bedeutet, dass sich das ermittelte Profil entweder einem Hund, einem Wolf oder einem Wolf-Hund-Hybriden zuordnen lässt. Mir ist hingegen kein einziger Fall bekannt, in dem ForGen zu einem klaren Befund gekommen wäre, welcher dem von Senckenberg widerspricht. Dies ist aus fachlicher Sicht übrigens keineswegs ausgeschlossen. Werden etwa an einem Schafsriss zwei DNA-Proben genommen, kann im Einzelfall ein anders lautender Befund erhalten werden, etwa wenn am gerissenen Tier DNA von Wolf und Hund vorhanden war und unterschiedliche Stellen am Riss beprobt wurden. 

In dem Beitrag heißt es auch, dass ForGen meist Ergebnisse mit z.B. 60 Prozent Wolf, 40 Prozent Hund finden würde. Was heißt meist?

ForGen: Hier habe ich keine Statistik, wir finden aber häufig Hinweise auf Vermischung.

Was sagt das Senckenberg Institut zu diesen Ergebnissen?

Senckenberg: Die von ForGen angewandte Methode kann nicht per se Hund von Wolf unterscheiden, da hier keine diagnostischen Merkmale verwendet werden, an denen sich Haushunde und Wölfe generell voneinander unterscheiden. Alle Merkmale sind sowohl in Haushunden, als auch in Wölfen vorhanden. Die verwendeten Marker wurden nicht zur Hybridendiagnostik, sondern zur Genotypisierung von Haushunden entwickelt. Es lassen sich lediglich anhand der Allelhäufigkeiten Zuordnungswahrscheinlichkeiten zu einzelnen, im Referenzdatensatz vorhandenen Populationen erzielen. Versucht man etwa, einen Iberischen Wolf über solche Mikrosatellitenanalysen genetischen Profilen von Haushunden oder Wölfen aus Osteuropa (z.B. aus der baltischen Population) zuzuordnen, wird man ähnliche Ergebnisse wie das genannte "60% Wolf und 40% Hund" erhalten. Dies sagt aus, dass das fragliche Profil weder osteuropäischen Wölfen, noch Haushunden mit ausreichender Wahrscheinlichkeit zugeordnet werden kann. Dies ist logisch und folgerichtig, da es sich bei einem Iberischen Wolf ja weder um einen Haushund, noch um einen osteuropäischen Wolf handelt und sich die Allelfrequenzen von Wölfen der Iberischen Halbinsel und in Osteuropa mangels genetischen Austauschs deutlich unterscheiden. Testet man nun ein Profil eines deutschen Wolfs gegen Referenzprofile von Gehegewölfen, sowie wilden Wölfen aus weiter entfernten Populationen (z.B. Russland), wie es ForGen meines Wissens nach tut, erhält man ähnlich uneindeutige Zuordnungen. Die "Misch-Ergebnisse", wie sie ForGen häufig erhält, sagen aus, dass es sich bei diesen Proben weder um Haushunde, noch um Gehegewölfe bzw. Wölfe aus Russland handelt. Unsere Ergebnisse bei Senckenberg bestätigen dies ebenfalls, der Befund ist korrekt. Er hat allerdings nichts mit einem angeblichen Vorhandensein von Wolf-Hund-Hybriden zu tun. Weshalb ForGen diese in der Öffentlichkeit weit verbreitete Fehlinterpretation ihrer Befunde nicht selbst korrigiert, vermag ich nicht zu beurteilen. 

Warum weißt Senckenberg weniger Wolfshybride nach?

ForGen: Laut Senckenberg gibt es in Deutschland überhaupt keine Hybride und die Labradormischlinge sind die Ausnahme…also trifft „weniger“ nicht ganz die aktuelle Situation.

Hier ist immer wichtig, womit sie die untersuchten Proben vergleichen und wir haben unterschiedliche Datenbanken. Dies ist der Hauptstreitpunkt! Wenn Sie ihrem Auswertecomputer Vergleichstiere eingeben und diese benennen, wird er immer mit ihnen arbeiten. Wenn sie also 20 Schäferhunde eingeben (bzw. deren Daten) und diese mit „WOLF“ benennen wird der Computer bei jeder Probe eines Schäferhundes Wolf feststellen…

Was sagt Senckenberg dazu?

Senckenberg: Zum einen ist die Aussage nicht korrekt. Meines Wissens nach hat ForGen noch nie einen Wolf-Hund-Hybriden in Deutschland nachgewiesen (die Aussage "60% Wolf und 40% Hund" ist kein Beleg für eine Hybridisierung; siehe vorherige Antwort). Wir konnten in Deutschland bislang zwei Fälle von Hybridisierung (in Sachsen und Thüringen) belegen. Bei allen anderen untersuchten Wolfsprofilen ergaben sich trotz Verwendung unterschiedlicher Markersysteme (z.B. diagnostische SNPs, Mikrosatelliten, Geschlechtschromosomen-gebundene Marker, Messung der Amylase-Kopienzahl) keine Hinweise auf weitere Hybridisierungsereignisse. 

Zum anderen weisen wir wenige Hybride nach, da es, wie durch wissenschaftliche Studien hinreichend bekannt ist, nur wenige Hybridisierungsereignisse in Mittel- sowie in Nordeuropa gibt. Hybridisierungen kommen häufiger in Teilen Süd- und Osteuropas sowie Asiens vor, wo es viele streunende Hunde gibt. Mehrere genomweite Studien, die auf der Untersuchung tausender über das komplette Genom verteilter Marker basieren, haben bestätigt, dass die meisten europäischen Wolfspopulationen genetisch klar von Haushunden getrennt sind, woran auch gelegentliche Hybridisierungen nichts ändern. Somit sind diese auch mit geeigneten Verfahren sicher voneinander zu trennen, wie das auch in allen mir bekannten Labors, die in der Hybriddiagnostik bei Wildtieren erfahren sind, allgemein üblich ist.


Kathrin Führes geboren in Lingen, Jagdschein seit 2014, hat nach dem Abitur Forstwissenschaft an der TU München studiert und ist nun seit 2015 bei der PIRSCH.
Thumbnail