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Der Wolf im Jagdrecht: Welche Änderungen ergeben sich dadurch?

Wölfe stehen an einem toten Schaf © Nicolette Wollentin - stock.adobe.com
Vor allem die vielen Schafsrisse befeuern die Diskussionen zwischen den betroffenen Landwirten und Wolfsschützern.

PIRSCH: Frau Ministerin, sind Sie glücklich über die Entscheidung, dass der Wolf in Niedersachsen ins Jagdrecht aufgenommen wurde?

Barbara Otte-Kinast: Ja, wir haben einen guten Ausgleich zwischen dem Schutz einer streng geschützten Tierart – wie in diesem Fall dem Wolf – und dem Schutz von Nutztieren – wie z.B. Schafen, Kühen und Pferden – sowie den berechtigten Interessen ihrer Halterinnen und Halter herbeigeführt.

PIRSCH: Warum hat das so lange gedauert?

Barbara Otte-Kinast: Sowohl der Schutz als auch der Umgang mit der Tierart Wolf in Niedersachsen sollte sich durch die rechtlichen Regelungen nicht verschlechtern. Es bedurfte daher einer Analyse und viel Vorbereitung für die Umsetzung eines konsequenten Weges zu einer sinnvollen Verzahnung von naturschutzrechtlichen und jagdrechtlichen Artenschutz.

PIRSCH: Was ändert sich dadurch konkret?

Barbara Otte-Kinast: Mit den Regelungen im Jagdrecht werden nun die Zuständigkeiten der jagdlichen Verwaltung und der Jäger beim Wolfsmonitoring, aber auch im Umgang mit lebenden, verunfallten und erlegten Wölfen klar herausgearbeitet. Gleichzeitig wird auch die Besenderung von Wölfen als Teil wissenschaftlicher Untersuchungen geregelt. Dabei wurden die bewährten Inhalte der Niedersächsischen Wolfsverordnung übernommen. Sie konnte daher aufgehoben werden.

PIRSCH: Dürfen Jäger verunfallte oder sichtlich kranke Wölfe nun kurzerhand erlösen oder bedarf dies noch einer Genehmigung?

Niedersachsens Landwirtschaftsministerin Barbara Otte-Kinast. © ML

Niedersachsens Landwirtschaftsministerin Barbara Otte-Kinast.

Barbara Otte-Kinast: Das Erlegen eines verunfallten oder schwerkranken Wolfes durch den Jäger ist zulässig, wenn ein Tierarzt zuvor festgestellt hat, dass das Tier erhebliche Schmerzen erleidet und aus eigener Kraft nicht gesunden wird. Ist die rechtzeitige Hinzuziehung eines Tierarztes nicht möglich, so reicht es aus, wenn ein Jagdscheininhaber oder eine Jagdscheininhaberin die Feststellung trifft und entsprechend handelt.

PIRSCH: Welche Vorteile hat es, dass der Wolf ins Jagdrecht aufgenommen wurde? Eine leichtere Abschussfreigabe?

Barbara Otte-Kinast: Es werden politische und präventive Signale an die Weideviehhalterinnen und -halter gesendet. Bei der Feststellung eines bundesweit günstigen Erhaltungszustandes ist Niedersachsen bereit, verstärkt in ein umfassend begleitetes Management der Wölfe überzugehen. Hierfür liegt die Populationsstudie der Universität für Bodenkultur Wien vor. Auf Grundlage von Modellen können die Auswirkungen von Managementmaßnahmen auf den Wolfsbestand simuliert werden. Diese bestätigen, dass die bisherigen Entnahmen die Wolfspopulation nicht negativ beeinflussen. Die Daten zum Wolfsbestand werden weiter kontinuierlich durch ein Monitoring der Landesjägerschaft Niedersachsen begleitet. Damit hätte Niedersachsen die Grundlagen für eine Management, welches den Fortbestand des Wolfs in Niedersachsen sichert. Allerdings hat der Bund seine Hausaufgaben noch nicht gemacht, das heißt die rechtlichen Grundlagen für ein regional differenziertes Bestandsmanagement (Koalitionsvertrag) fehlen noch immer.

PIRSCH: Was genau bedeutet ein „umfassend begleitetes Management der Wölfe“, einen kontrollierten Abschuss?

Barbara Otte-Kinast: Management umfasst vom Vergrämen über Abschuss bis Herdenschutz und Besenderung alle Maßnahmen der Konfliktminimierung.

PIRSCH: Was genau besagt die Populationsstudie, liegt ein günstiger Erhaltungszustand des Wolfes in Niedersachsen vor?

Barbara Otte-Kinast: Nein, ein günstiger Erhaltungszustand würde vom Bund für Deutschland festgestellt. Die Studie der Universität in Wien wird in Kürze veröffentlicht.

PIRSCH: Werden durch die Aufnahme ins Jagdrecht jetzt mehr Wölfe zum Abschuss freigegeben?

Grundlagen für Ausnahmegenehmigung ändern sich nicht

Barbara Otte-Kinast: Nein. Die Jagd auf Wölfe ist nur zulässig, wenn eine Ausnahmegenehmigung nach dem Bundesnaturschutzgesetz vorliegt. Die Grundlagen für eine Ausnahmegenehmigung ändern sich mit der Aufnahme ins Jagdrecht nicht, da der Mantel der europäischen Schutzvorschriften unverändert gilt. Die Genehmigung wird daher auch künftig räumliche und zeitliche Beschränkungen enthalten.

PIRSCH: Haben sich dadurch die Kriterien für eine Freigabe zum Abschuss geändert?

Barbara Otte-Kinast: Nein. Nur Wölfe, die immer wieder auffällig werden und bei denen nach Abwägung aller Alternativen eine letale Entnahme erforderlich ist, können zum Abschuss freigegeben werden. Diese Einzelabschüsse dürfen nur im Rahmen der Ausnahmetatbestände des Artikel 16 der Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie (FFH-Richtlinie) und des Bundesnaturschutzgesetzes erteilt werden, z.B. zur Verhütung ernster Schäden in der Tierhaltung.

PIRSCH: Soll es zukünftig eine Jagdzeit für den Wolf geben?

Barbara Otte-Kinast: Eine allgemeine Jagdzeit darf dem Wolf aufgrund der Zugriffsverbote in der FFH-Richtlinie auch in Zukunft nicht eingeräumt werden.

PIRSCH: Was ändert sich für die mit dem Abschuss beauftragten Jäger?

Barbara Otte-Kinast: Zu einer schnellen und erfolgreichen Ausführung gehören neben den waffenrechtlichen Voraussetzungen auch die Kenntnisse über den Lebensraum sowie die Gewohnheiten der Tiere. Dieses Wissen ist bei unseren Jägerinnen und Jägern und insbesondere bei Jagdausübungsberechtigten vorhanden. Die Durchführung der Entnahme einschließlich der Bestimmung der geeigneten Personen erfolgt künftig im Einvernehmen mit der zuständigen Jagdbehörde. Damit haben es die Jagdausübungsberechtigten selbst in der Hand, die Bewirtschaftung aller in den Revieren vorhandenen Wildarten aufeinander abzustimmen und selbst den Wolfsabschuss durchzuführen.

PIRSCH: Dürfen Landwirte Wildschadensersatz für z.B. vom Wolf gerissene Schafe von den zuständigen Jagdpächtern fordern?

Barbara Otte-Kinast: Nein. Eine gesetzliche Wildschadensersatzpflicht besteht nach wie vor für Jagdpächter/-innen nur in Bezug auf Schäden, die von Schalenwild, Wildkaninchen oder Fasanen an Grundstücken sowie Grundstückserzeugnissen entstehen.

PIRSCH: Was erhoffen Sie sich von der Aufnahme ins Jagdrecht?

Barbara Otte-Kinast: Mit den neuen Regelungen haben wir eine gute Handlungsgrundlage geschaffen, um eine tierschutzkonforme Entnahme auch bei weiter wachsender Population zu ermöglichen.

PIRSCH: Wird es dadurch zu einer besseren Akzeptanz des Großräubers in der Gesellschaft kommen?

Barbara Otte-Kinast: Mir ist bewusst, dass der Wolf eine heimische Wildart ist, die in unsere Landschaft gehört. Die Akzeptanz in der Gesellschaft ist aufgrund ihrer Betroffenheit mehr oder weniger vorhanden. Er polarisiert die Menschen mit ihren unterschiedlichen Interessen und wird es künftig auch weiterhin tun. Ich wünsche mir daher mehr sachliche Informationen und damit mehr Akzeptanz und gegenseitiges Verständnis.


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