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Wissensbasierte Entscheidung angestrebt

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Dienstag, 25.09.2012 - 17:58
Dr. Axel Heider, Leiter der Unterabteilung Forstwirtschaft im BMELV. Foto: DAH © DAH

Dr. Axel Heider, Leiter der Unterabteilung Forstwirtschaft im BMELV. Foto: DAH

PIRSCH: In Anbetracht der Tatsache, dass laut Bundesverband Schießstätten (BVS) ein Großteil der Schießstände für bleifreie Geschosse nicht zugelassen sind, stellt sich folglich die Frage, wie die Jägerschaft Ihre Waffen auf bleifreie Munition umschießen bzw. damit ihre Schießfertigkeiten üben können. Die für die Verwendung von bleifreien Geschossen zwingend erforderlichen sicherheitsrelevanten Umbaumaßnahmen sind für die Betreiber der Schießstände eine nicht realisierbare finanzielle Belastung. In welcher Art und Weise hat das BMELV diesen Sachverhalt bereits bei seinen Überlegungen auf eine etwaige Umstellung auf bleifreie Jagdbüchsenmunition berücksichtigt?

Dr. Heider: Dieser Sachverhalt ist jüngst durch den Bundesverband Schießstätten e.V. an uns herangetragen worden. Das BMELV erkennt diese Sorgen ausdrücklich an und wird hierzu noch vertiefte Gespräche mit Vertretern der Schießstättenbetreiber führen. Ich sehe hier durchaus die Gefahr, dass über das Zulassungsverfahren für Schießstände, die auf bleifrei umstellen wollen oder – je nach Ausgang des ergebnisoffenen Entscheidungsprozesses – müssen, mit sachfremden Argumenten versucht werden könnte, den Schießstandbetreibern unverhältnismäßige Auflagen zu machen. Hier gilt in besonderem Maße der Grundsatz, „das Kind nicht mit dem Bade auszuschütten“, sondern beispielsweise durch vernünftige Übergangsfristen und angemessene, nicht überzogene Auflagen dafür Sorge zu tragen, dass die Kirche im Dorf bleibt. Lassen Sie es mich noch deutlicher sagen: Eine flächendeckende Einführung bleifreier Munition ist selbstverständlich daran gebunden, dass auch flächendeckend zugelassene Schießstände zur Verfügung stehen. Denn die Schulung der Schießfertigkeit ist unverzichtbarer Bestandteil waidgerechter Jagdausübung.


PIRSCH: Vor dem Hintergrund, dass umweltbedingt Getränke, Getreide, Gemüse und Fleisch aus der Landwirtschaft am stärksten mit Blei kontaminiert sind, läuft im Moment ein bundesweites Lebensmittel-Monitoring anhand von Reh-, Rot- und Schwarzwild, um die umwelt- und geologisch bedingte Blei-Grundkontamination zu ermitteln. Parallel dazu soll geprüft werden, welcher Anteil an Blei – durch die Verwendung von bleihaltigen Geschossen – in das verzehrfähige Wildbret gelangt. Dazu sollen Reh-, Rot- und Schwarzwild mit bleihaltiger bzw. bleifreier Munition erlegt werden. Es stellt sich nun einerseits die Frage, wie hoch die zusätzliche Bleibelastung des Wildbrets durch die Verwendung von bleihaltigen Jagdgeschossen ist? Andererseits stellt sich die Frage, wie es um die toxikologische Bewertung der verwendeten Alternativwerkstoffe steht?

Dr. Heider: Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) hat in einer umfassenden Studie die mögliche Gefährdung der Verbraucher durch den Genuss von mit Blei kontaminiertem Wildbret untersucht. Dabei ist es von den üblichen Verzehrsgewohnheiten der Bevölkerung ausgegangen und hat hinsichtlich der Kontamination des Wildbrets den für Rindfleisch zulässigen Grenzwert unterstellt. Als Ergebnis dieser Studie wurde ein nicht gänzlich auszuschließendes Gesundheitsrisiko für Extremverzehrer (91 Wildmahlzeiten im Jahr) sowie bei Frauen im gebärfähigen Alter und Kleinkindern aufgezeigt. Die modellhafte Berechnung des BfR ergab jedoch keine Erkenntnisse über die tatsächliche Bleibelastung der Verbraucher, da keine Daten über die tatsächliche Bleikontamination der einzelnen Wildarten verfügbar waren. Um in dieser wichtigen Frage des Verbraucherschutzes Klarheit zu erhalten, hat das BMELV gemeinsam mit den Ländern Niedersachsen, Mecklenburg-Vorpommern, Hamburg, Sachsen-Anhalt, Bayern sowie dem Deutschen Jagdschutz-Verband, der European Poultry, Egg and Game Association (EPEGA – Europ. Wildhandelsverband), dem Verband der Munitionshersteller, dem Bundesverband der Berufsjäger und dem Bayerischen Jagdverband eine Feldstudie unter Leitung des BfR initiiert. Ziel der Feldstudie ist es, den Bleigehalt des Wildbrets von Reh-, Rot- und Schwarzwild aus Regionen mit unterschiedlicher Blei-Hintergrundbelastung zu erfassen. Hierzu wurden mehrere Regionen als Modellregionen definiert, je zwei mit geringer (< 30 mg Blei/kg Boden), mittlerer (30 bis 75 mg/kg) und hoher (> 75 mg/kg) Bleibelastung. Von jedem erlegten Stück werden drei Proben entnommen (. . .)


PIRSCH: Es ist bekannt, dass Blei nur unter gewissen Rahmenbedingungen, abhängig vom pH-Wert des Bodens, in äußerst geringen Mengen in Lösung geht. Im Gegenzug dazu wissen wir, dass unsere Böden bereits durch die Einbringung von Klärschlämmen etc. im landwirtschaftlichen Bereich im sehr hohen Ausmaß mit wasserlöslichem Kupfer und dessen Legierungen belastet sind. Ebenso wissen wir, dass Mikroorganismen, Pflanzen, Fische, Hornträger etc. auf Kupfer äußerst sensibel reagieren. In welcher Art und Weise hat das BMELV diesen Sachverhalt bereits bei seinen Überlegungen auf eine etwaige Umstellung auf bleifreie Jagdbüchsenmunition berücksichtigt?

Dr. Heider: Diese Fragen haben in den bisherigen Überlegungen um Blei oder Bleifrei stets eine Rolle gespielt. Das BMELV legt Wert darauf, dass dieser Aspekt ebenfalls in die abschließende fachliche und politische Meinungsbildung und Schlussfolgerungen einfließt. Allerdings muss man dabei auch berücksichtigen, welchen Anteil an dem Gesamteintrag in die Umwelt der Eintrag durch Büchsenmunition hat, und dieses in die Gesamtbewertung mit einbeziehen. Gerade an dieser Fragestellung zeigt sich, wie komplex das Thema ist, und dass es keine einfachen Lösungen gibt. Daher hat das BMELV sich von vornherein dafür ausgesprochen, eine sorgfältige Analyse durchzuführen und Schnellschüsse zu vermeiden. Das genau ist die Verantwortung der Politik gegenüber Jägern wie Verbrauchern!


PIRSCH: Aufgrund der dargestellten Sachverhalte und der daraus resultierenden Fragen ist klar ersichtlich, dass man zum aktuellen Zeitpunkt keinesfalls – aufgrund der bis dato fehlenden allumfassenden wissensbasierten Untersuchungsergebnisse – eine sachlich fundierte Entscheidung zur möglichen Umstellung auf bleifreie Jagdbüchsenmunition treffen kann. Würde sich das BMELV – trotz dieser fehlenden Erkenntnisse – zu einer politischen Entscheidung zu Gunsten bleifreier Jagdbüchsenmunition hinreißen lassen?

Dr. Heider: Das BMELV hat stets gemeinsam mit den am Projekt beteiligten Bundesländern deutlich gemacht, dass wir eine wissensbasierte Entscheidung anstreben (. . .)

Die Fragen stellte Sascha Numßen

Das komplette Interview lesen Sie in der PIRSCH 20/2012.