Home News Wildschwein beschossen: Eine dramatische Nachsuche beginnt

Wildschwein beschossen: Eine dramatische Nachsuche beginnt

Redaktion jagderleben
am
Sonntag, 22.12.2019 - 07:35
Eine tote Sau liegt auf einem Blechdach. © Alexander Graf Westholt

Nach einer Bewegungsjagd an der Ahr am 2. November kam es zu einer Nachsuche. Während der Anfahrt bekam ich die Information „nur“ eine Nachsuche – Wildschwein mit Schweiß. Am Treffpunkt wurde ich von einem ortskundigen Begleiter abgeholt. Nach kurzer Begrüßung wurde mir klar, dass ich vor einem Jahr mit ihm bereits ein Alttier nachgesucht hatte. In der Nähe des Anschusses erwartete uns der Schütze und ließ während der Aufrüstung meiner Hunde (HS: "Hunter von der Nordeifel", DD: "Joy vom Napoleondamm") mit GPS meine inquisitorische Befragung über sich ergehen. Ergebnis: Einzelne Sau , > 60 kg, zwei Schüsse abgegeben, Schweiß vorhanden, keine Hunde hinterher, Fährtenalter rund 4 Stunden.

Mit jedem Meter nahm die Bestätigung ab

"Hunter" nahm nach meiner Begutachtung freudig die Fährte an. Mir folgte mein Begleiter mit "Joy" und der Schütze mit entladener Waffe. Relativ schnell wurde mir bewusst, dass die Sau „klar im Kopf“ war: Sie hielt in einem steilen Hang auf halber Höhe in einer Rechtskurve den Wechsel. Anfangs hatten wir deutliche Bestätigung, dann aber stark nachlassend, sodass man schon das weiße Taschentuch benutzen musste, um Rückmeldungen zu bekommen.

Eins war klar: Das wird unweigerlich eine Hetze! Da sich links unterhalb das Dorf befand und die Fährte dem Ortskundigen zufolge auf eine Ginste-Weißdorn-Hecke zulief, stellte ich unterhalb des Wechsels den begleitenden Schützen am Rückwechsels ab. Zwei Vorstehschützen standen außerdem auf der freien Fläche am Ende des Ginsters. Nach 20 Minuten war alles geregelt und weiter ging es. Nach 1,8 km zeigte mir "Hunter" an: Wir sind dran! Beide Hunde wollten geschnallt werden.

Die Hatz beginnt

Wir folgten den Hunden so gut wir konnten. Links unten am Dorfrand auf rund 300 Meter hörten wir plötzlich Standlaut. Der Hang war so steil, dass ich ihn am schnellsten auf dem Allerwertesten bewältigen konnte. Eine klassische Annäherung unter Wind und äußerst vorsichtig war bei dieser Steillage nicht möglich. In einer großen Laub- und Geröllwolke rauschte ich auf den Standlaut zu.

Auf einem Blechdach stand ein Keiler – links davon lautgebend der HS, rechts der DD. Im Hintergrund auf ca. 20 Meter der Dachrand mit stark befahrener Bundesstraße. Durch meine voluminöse Annäherung, versuchte der Drahthaar zu fassen. Ich registrierte, dass der Drahthaar im hohen Bogen geworfen wurde und anschließend verschwunden war. Ich erwartete eine neue Annäherung von ihm, aber nichts geschah. Jetzt hatte ich zwei Baustellen: Die Sau und den offensichtlich geschlagenen Hund.

Während ich "Hunter" abrief, rutschte die Sau langsam Richtung Bundesstraße. Kurze Suche nach dem Deutsch Drahthaar ergab, dass er sieben Meter tief in einen Spalt fiel. Mein Begleiter wollte die Felswand überwinden und sich um den Hund kümmern. Währenddessen kam die Sau langsam wieder zurück, stürzte auf die Dachterrasse des Nebenhauses und schob sich in einen Haufen Bauschrott ein. Hinter der Sau leuchteten durch Plexiglas die großen Leuchtbuchstaben „Kreissparkasse“ auf der anderen Seite der Bundesstraße. Ein jüngerer Mann kam zu mir und meinte, er hätte ein Messer – ich antwortete lakonisch „wenn Sie am Wochenende nichts vorhaben, gehen Sie ruhig da rein!“. Mir war klar, es gab nur eine Möglichkeit: Man muss die Sau locken, um sie unmittelbar vor den Fußspitzen zu erlegen.
Beim Betreten der Terrasse stellte ich fest, dass die Sau noch einmal 50 cm tiefer saß. Mit Phantasie konnte man in dem Bauschutt die "Steckdose" erkennen. Hinab führte eine provisorisch gelegte, zweistufige Treppe aus Gasbetonsteinen. Beim Betreten der obersten Stufe nahm mich die Sau trotz ihrer Verletzung an und ich erlegte sie auf wenige Zentimeter mit der 8x57 IS steil von oben.

Hunderettung mit der Feuerwehr

Die Helfer versuchten die Drahthaar-Hündin aus der Felsspalte zu retten.

Nun galt alle Sorge dem Hund. Mein Begleiter hatte inzwischen versucht mit einer Leiter einen Felsvorsprung zu erreichen – kam aber über diesen Vorsprung mit dem Hund auf dem Arm nicht weiter. Daher riefen wir die Feuerwehr, die zügig anrückten und in kurzer Zeit mit Steckleitern und einem Rettungsrucksack den Hund retteten. Die Freude war riesengroß. "Joy" umtanzte mich, als wäre sie gerade vom Sofa aufgestanden. Eine sich in der Jagdgesellschaft befindende Tierärztin traf mittlerweile ein und tastete den Hund ab – unglaublich: „Ohne Befund“. Jeder Mensch wäre schwerstverletzt gewesen.

Am nächsten Morgen ging es freudig auf Gänse, und die DD-Hündin saß wie immer neben mir und sondierte den Luftraum. Am Nachmittag verweigerte sie das Fressen bei weiterhin ungebremster Bewegungsfreude – so auch am nächsten Tag. Am Montag löste sie sich – nur Blut. Beim Tierarzt ergab eine Röntgenaufnahme erste Entwarnung: Brust und Bauchraum ohne Blutansammlung. Somit schien das Blut wohl über ein inneres Organ in den Magen einzubluten. Nach einer Blutentnahme fürs Labor und zwei Spritzen ging es wieder nach Hause. Zeitgleich mit dem guten Laborbericht am nächsten Tag, begann sie wieder zu fressen und war in kürzester Zeit die Alte. Alexander Graf Westholt