Home News Sind tote Rehe auf der Opernbühne ein Skandal?

Sind tote Rehe auf der Opernbühne ein Skandal?

Während Rusalka (Kristine Opolais) ergriffen innehält... Foto: Wilfried Hösl/ Bayerische Staatsoper © Wilfried Hösl/ Bayerische Staatsoper
... legt der Förster (Ulrich Reß) bald richtig Hand an. Foto: Wilfried Hösl/ Bayerische Staatsoper © Wilfried Hösl/ Bayerische Staatsoper

... legt der Förster (Ulrich Reß) bald richtig Hand an. Foto: Wilfried Hösl/ Bayerische Staatsoper

Über den Geschmack lässt sich bekanntlich nicht streiten. Und in puncto realistischer, beziehungsweise hyperrealistischer Inszenierung ist der Kulturfreund von Theaterregisseuren ja schon einiges gewöhnt - muss ja niemand hingehen, der nicht will.
Das mag so gelten, wenn der Mensch in allen möglichen und unmöglichen Körper- und Seelenzuständen dargestellt wird. Spielen dabei jedoch Tiere eine Rolle, hört zumindest für den Bund Naturschutz und einige Tierschutzverbände der Spaß auf. Heftige Proteste und ein Rauschen im Blätterwald der bayerischen Landeshauptstadt waren die Folge, als bekannt wurde, dass während des Singspiels "Rusalka" auf der Bühne der Bayerischen Staatsoper mit einem echten toten Reh hantiert werden sollte.
Regisseur Martin Kusej soll ursprünglich sogar die Absicht gehabt haben, das Tier während der Aufführung fachgerecht durch seine Schauspieler ausweiden zu lassen – schließlich sollen diese ja richtige Rehwildjäger darstellen. Die Künstler weigerten sich laut Zeitungsbericht. Darauf hin sollte es wenigstens im zweiten Akt aus der Decke geschlagen werden (siehe Bild).
Daraus wird nun nichts. Nach der so genannten "Fotoprobe", bei der die hier gezeigten Bilder entstanden, brach die Entrüstung los.
"Abendzeitung", die tz und auch die "Süddeutsche Zeitung" widmeten dem Thema breiten Raum. Vertreter von Tierschutzverbänden aller Ebenen (Stadt, Land, Bund) wurden zitiert und auch der Bund Naturschutz (BN) gab ein Statement ab: "erschütternd".
Worum ging es? Der Staatsoper wurde unterstellt, die Rehe extra für die Aufführung und erst kurz zuvor töten zu lassen. Da das Lebensmittelgesetz den Verzehr von derlei "kulturell behandeltem" Wildbret verbietet, müssten die Tiere nach dem Stück verworfen werden, folgerten die Kritiker. Da zudem für jede der zwölf geplanten Aufführung ein neues Exemplar benötigt werde, müssten nach dem "Probenreh" noch mindestens zwölf weitere daran glauben.
Die Staatsoper hat reagiert: Die echten Rehe werden jetzt durch Nachbildungen aus der operneigenen Werkstatt ersetzt. JMB

<br>Kommentar: Scheinheilige Klage<p>

Sicher, man kann geteilter Meinung darüber sein, ob es Stil hat, mit toten Tieren auf einer Theaterbühne zu hantieren (schon Goethe wollte angeblich nicht einmal lebende dort sehen). Aber ist es wirklich der "Skandal", zudem diese Inszenierung gemacht wurde? Wohl eher nicht. Natürlich wäre es klüger gewesen, die Staatsoper hätte auf gut erhaltenes Unfallwild zurückgegriffen und die Rehe nach "Gebrauch" dem Zoo für die Raubtierfütterung zur Verfügung gestellt, als sie ganz normal beim Wildbrethändler zu erwerben und diesem auch die Entsorgung zu überlassen.
Dennoch ist es scheinheilig, das große Klagelied über "das arme Rehe, das für die Kunst sterben musste" zu führen. Fakt ist: In Deutschland wird jährlich rund eine Million Rehe getötet – weil die Gesellschaft das so will und die Jägerschaft mit behördlichem Druck dazu bringt. Hundertausende von diesen können jedoch garnicht geschossen und verwertet werden: sie sterben vorher auf den Straßen, weil dieselbe Gesellschaft Tag für Tag, rund um die Uhr und mit rasender Geschwindigkeit mobil sein will. Darüber könnte man reden.
Was hat das Geschrei außer Arbeit für die Opern-Werkstatt jetzt also gebracht? Der Wildbrethandel wird deswegen nicht zusammenbrechen, die Staatsoper wird es auch überleben (zumal durch den "Skandal" jetzt ja jede Menge Werbung für sie gemacht worden ist). Dem Rehwild ist damit jedoch nicht geholfen, es wird nämlich kein einziges Stück weniger geschossen. Schließlich gibt es Abschusspläne über deren Einhaltung nicht zuletzt der "erschütterte" Bund Naturschutz argwöhnisch wacht. JMB