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Tödliche Gefahr

In voller Fahrt hat der Häcksler die Sau erfasst. Foto: Antonio Stanizzi © Antonio Stanizzi
Als Fahrer die Maschine stoppte, blieb der Keiler im Schneidwerk eingeklemmt. Foto: Antonio Stanizzi © Antonio Stanizzi

Als Fahrer die Maschine stoppte, blieb der Keiler im Schneidwerk eingeklemmt. Foto: Antonio Stanizzi


Die enormen Schnittbreiten von modernen Häckslern, Mähdreschern oder Siliergeräten bringen es in Kombination mit der hohen Fahrgeschwindigkeit dieser Maschinen mit sich, dass es vor ihnen kaum ein Entrinnen gibt. Mehr und mehr gerät dabei auch das Schwarzwild in die Schneidwerke. Der Grund dafür: Im Zuge der "Biogaseuphorie" haben sowohl die Anbauflächen für Mais oder Sudangras als auch die Größen der einzelnen Feldschläge enorm zugenommen.
Schwarzwild ist es gewohnt, die Deckung bis zuletzt auszunutzen, wenn es durch Erntefahrzeuge in den Feldern überrascht wird. Nicht selten laufen die Tiere vor oder neben den Fahrzeugen her, bis sie nicht mehr können, dann doch die Deckung verlassen oder eben von den Maschinen erfasst werden. Einen solchen Fall, der sich im Vorjahr im Donau-Ries-Kreis (Bayern) ereignet hat, schildert Antonio Stanizzi gegenüber jagderleben.de: Der Claas Jaguar B 40 Feldhäcksler „frisst“ sich immer weiter durch das Maisfeld. Noch ist das halbe Feld nicht abgeerntet, da kommt es zu dem Unfall mit einem Wildschwein - dem einzigen, das an diesem Tag im Maisfeld steckt; einem Keiler. Niemand wusste, dass er sich im Mais befand.
Der Häcksler erfasst den mittelalten Bassen an den Hinterläufen und zieht ihn ins rotierende Mähwerk. Der Fahrer stoppt sogleich die Maschine. Vom Landwirt wird daraufhin sofort ein zuständiger Jäger benachrichtigt, der auch zügig vor Ort ist und dem schwer verletzten Keiler den Fangschuss antragen kann.
Das Beispiel zeigt, wie wichtig es ist, dass zur Erntezeit in jedem einzelnen Revier immer ein Jäger als Ansprechpartner für die Landwirte zur Verfügung steht. Das gebieten Waidgerechtigkeit und der Tierschutzgedanke. Freilich stehen dabei natürlich auch die Landwirte und die Fahrzeugführer – oft genug handelt es sich dabei um Lohnunternehmer oder deren Angestellte – in der Pflicht.


Einer der in diesem Zusammenhang mehr Problembewusstsein fordert ist Prof. Dr. Hans-Dieter Pfannenstiel, Vizepräsident des Landesjagdverbandes Brandenburg. Er meint gegenüber jagderleben.de: "Technisch müsste es doch möglich sein, dass die Maschine automatisch stoppt, wenn sie ein größeres Wildtier vor sich hat. Moderne Geräte erkennen doch auch andere Fremdkörper wie zum Beispiel Eisenstangen, durch die sie kaputt gehen würden, und schalten ab."
Prof. Pfannenstiel kennt das Problem aus eigener Anschauung: Seine Nachbarreviere im Kreis Teltow-Fläming in Brandenburg liegen im Einzugsbereich von zehn Biogasanlagen. Der Winterroggen wird Ende Mai/Anfang Juni mit riesigen Häckslern abgeerntet. Alles ab Hasen- oder Kiebitzgröße, was in einem solchen Schlag kreucht und fleucht, wird durchgehäckselt.


Im Herbst schließt sich die gleiche Prozedur wieder an, wenn Mais und Sudangras nach 110 bis 150 Tagen Vegetationszeit gehäckselt werden. Selbst langsame oder unentschlossene Sauen haben dann keine Chance zu entkommen. Manchmal sind neben dem Häcksler zehn bis zwölf riesige Traktoren in unterschiedlichsten Funktionen auf einem Schlag; keiner unter 350 PS.
Nicht zuletzt auch deshalb sieht Prof. Pfannenstiel das Unternehmen "Biogas" eher kritisch: "Hier wird steuerfinanziert biologische Vielfalt vernichtet, von den negativen Folgen für den Boden mal ganz abgesehen." Denn was passiere dann da draußen? Der Schlag ist noch nicht ganz abgehäckselt, da wird Mineraldünger gestreut, da wird Gärrest ausgebracht, da tritt die Scheibenegge in Aktion und anschließend wird Mais oder Sudangras (Sorghum) gedrillt.
Er werbe deshalb intensiv bei Landeigentümern (Jagdgenossen) und Landbewirtschaftern (Bauern) dafür, gemeinsam mit den Jägern hier nicht nur verbal Verantwortung zu übernehmen, sondern ökologische Mindeststandards beim Energiepflanzenbau sowie technische Verbesserungen an den Erntemaschinen durchzusetzen. JMB