+++ Afrikanische Schweinepest bisher bei 2.184 Wildschweinen nachgewiesen (Stand 22.9.2021) +++
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Skandal um Schlachtabfälle: Luderplatz wird neu bewertet

Sabine Leopold | agrarheute
am
Mittwoch, 01.09.2021 - 10:10
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Eingang-Deponie-Gommla © uJ
Auf der Deponie in Gommla wurde bislang der Luderplatz betrieben.

Auf einer ehemaligen Mülldeponie im thüringischen Gommla stinkt es zum Himmel. Der Geruch nach verwesendem Fleisch nimmt einem den Atem, schreibt einer, der vor Ort war. Und es wimmelt von Maden und Fliegen wie auf einer Leichenfarm. Nur dient die Fläche nicht der gerichtsmedizinischen Forschung, sondern dem Naturschutz. Sagen zumindest die Verantwortlichen.

Betreiber des Projektes, bei dem auf einer ehemaligen Deponie zuletzt wöchentlich um die 500 kg Schlachtabfälle ausgebracht wurden, um Greifvögel wie den Rotmilan zu füttern, ist die Untere Naturschutzbehörde Greiz. Genehmigt wurde das Ganze im März 2018 durch das zuständige Veterinäramt.

Zugegeben: Damals, Anfang 2018, gab es hierzulande noch keine Afrikanische Schweinepest (ASP). Doch Thüringen grenzt an die Tschechische Republik und die verzeichnete bereits im Juni 2017 die ersten Fälle von ASP bei Schwarzwild. Auch wenn die zunächst am anderen Ende des Landes, nahe der slowakischen Grenze, auftraten: Es hatte seine Gründe, warum halb Mitteleuropa bereits damals in Alarmbereitschaft war und allenthalben neue Sicherheits- und Hygienevorschriften installiert wurden. Eine davon war übrigens, Abfalleimer und Hausmüllplätze gegen Wildtiere abzuschirmen, um eine Virenverbreitung durch Lebensmittelreste zu verhindern.

Die Seuche pflegt nämlich, sich nicht nur brav linear von Wildschwein zu Wildschwein zu verbreiten. Dass sie auch Sprünge von mehreren hundert Kilometern macht, liegt nicht zuletzt an infizierten Kadavern, Schlachtprodukten und Lebensmittelabfällen, die durch Aasfresser verschleppt werden. Hat das beim Veterinäramt niemand gewusst, sodass die Betreiber der Luderstelle fröhlich auch Schweineschlachtrückstände und ganze Schweine ausbringen durften?

Schweineabfälle seien verboten

Beim Veterinäramt heißt es, zumindest in letzter Zeit seien Schweineabfälle auf der Deponie Gommla verboten. Der Hinweis, dass neue Fotos gut identifizierbare Schweine zeigen, sorgte für Verwunderung. Auch ohne gerichtsmedizinische Kenntnisse lassen die Bilder ahnen, dass das gut erkennbare Mangalitzaschwein wahrscheinlich nicht schon seit einem ganzen Jahr da liegt. Kontrolliert denn niemand so eine Anlage, nachdem die Zulassung erteilt wurde? Die Schweine hätte ein Blinder erkannt.

Schweine stammen aus Kleinhaltungen

Das Veterinäramt argumentiert, das Fleisch stamme aus einem kleinen Schlachtbetrieb in der Region mit gründlicher Schlachtkörperbeschau. Dass auch symptomfreie Schweine schon mit dem Virus infiziert sein können, scheint den Verantwortlichen nicht bewusst oder egal zu sein. In Thüringen gebe es ja noch keine Afrikanische Schweinepest. Und die Tiere stammten doch ausschließlich aus Kleinhaltungen und Ökobetrieben. Also genau aus solchen Beständen, möchte man ergänzen, in denen im benachbarten Brandenburg vor wenige Wochen die ersten Hausschweine-ASP-Fälle bekannt wurden …

Aasgeruch: Im Umfeld der „Greifvogel-Fütterung“ stinkt es zum Himmel. Das lockt nicht nur Vögel an.

Aber selbst wenn man die ASP-Gefahr außer Acht lässt: Auch sonst ist der Luderplatz eine hygienische Fragwürdigkeit erster Güte. Unser Autor Reinhard Schneider, der vor Ort war, sprach von atemberaubendem Gestank. Erstaunlich, dass das noch niemandem im nahegelegenen Gommla in die Nase gekrochen ist. Die Anwohner haben sich nur über die auffallend große Anzahl Rabenvögel in der Umgebung gewundert.

Immerhin liegt das Zeug auf dem Gelände einer ehemaligen Deponie, die, so versichert der zuständige Abfallwirtschaftszweckverband (AWV) Ostthüringen, gegen Eintragungen ins Grundwasser geschützt ist. Das Entsorgungsgelände wurde irgendwann in den 90ern aufgegeben, bis 2002 renaturiert und unterliegt seit 2006 für insgesamt 30 Jahre regelmäßigen Grundwasserkontrollen

Fütterung würde für 350 Rotmilane reichen

Bleibt die Frage: Wen oder was will die Untere Naturschutzbehörde Greiz denn bitteschön mit 500 kg Schlachtabfall und Ganzkörpern die Woche füttern? Greifvögel?

So ein Rotmilan – angeblich ja der Hauptadressat des Luderplates – frisst am Tag rund 200 g. Mit 500 kg in der Woche*, also gut 70 kg am Tag, könnte man 350 Vögel der Rotmilan-Klasse ernähren. Ornithologischen Untersuchungen zufolge sucht ein Milan sein Futter aber nur im Umkreis von rund 2 km um seinen Horst. Wäre also eine halbe Tonne Futter notwendig, um diese Tiere zu versorgen, spräche das für einen ganz erstaunlichen Greifvogelbesatz rund um Gommla.

Tatsächlich freuen sich vor allem Krähen, Raben und Elstern über die großzügige Futterbereitstellung ebenso wie Füchse, Ratten und andere Kleinsäuger. Fürs Ökosystem dürfte deren Unterstützung eher verheerend sein.

Einsparung von Entsorgungskosten?

Böse Zungen vermuten vor allem eine günstige Entsorgungsstrategie beim betreffenden Schlachtunternehmen. Bei einem offiziellen Schlachtaufkommen von 10 bis 40 Tieren in der Woche dürften die im Schnitt veranschlagten 500 kg nahezu das komplette Abfallaufkommen abdecken und könnten dem Betrieb nach Schätzung anderer Schlachter – je nach Marktlage – einiges an Entsorgungskosten ersparen. Dem widerspricht allerdings die Information aus Entsorgerkreisen, nach denen Abfälle der Kategorie 3 (für Tierfutter geeignet) im Moment eher Geld einbringen als kosten.

Luderplatzgenehmigung bis zu einer Neubewertung des Projekts ausgesetzt

Mittlerweile hat der unsere Jagd-Beitrag die Verantwortlichen vor Ort aufgescheucht. Gemeinsam mit dem AWV Ostthüringen gab es am Montag eine Ortsbegehung. Bereits zuvor hatte das Kreisveterinäramt die Luderplatzgenehmigung bis zu einer Neubewertung des Projekts ausgesetzt. Nun zieht sich auch der AWV vorerst zurück. Bis zu einer endgültigen Klärung, ob und wie dieser Futterplatz zu betreiben sei, wolle man keine Schlachtabfälle mehr auf dem Gelände, hieß es aus dem Verband.

Ein Kommentar von Sabine Leopold/ agarheute.de

*Hier war uns ein Rechenfehler unterlaufen: Natürlich sind es 500 kg in der WOCHE und nicht – wie ursprünglich angegeben – im Monat, was die ganze Geschichte noch viel absurder macht.“


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