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Skandal um Greifvogel-Projekt: Schlachtabfälle ausgelegt

Reinhard Schneider
am
Dienstag, 24.08.2021 - 12:06
Schweinekadaver-2 © uJ
Die Überreste zweier verwester Schweine, links hinten der Schädel eines kleinen Wiederkäuers.

Lange haben Bewohner in Gommla (Ostthüringen) über die ständige Zunahme von Rabenvögeln in der Nähe ihrer Ortschaft gerätselt. Die Gründe für das massive Auftreten der Aaskrähen lassen sich jetzt aus einer Veröffentlichung im Mitteilungsblatt des Nabu Thüringen (Ausgabe 1/2021) erahnen. Unter der Schlagzeile „Schlachtabfälle als Lebensspender“ wird dort über die Anlage eines großflächigen Luderplatzes auf der eingezäunten stillgelegten Deponie am Ortsrand von Gommla berichtet. Demnach ist der Luderplatz Kernstück eines Naturschutzprojekts. Ziel des Auslegens von Schlachtabfällen soll es sein, die Bestände von Rotmilan und anderen Greifvögel zu stützen, berichtet der Nabu. Mit der Fütterung wurde bereits im April 2018 begonnen, maßgeblich betrieben durch Andreas Martius, Mitarbeiter der Unteren Naturschutzbehörde und Vorsitzender des Nabu Kreisverbandes Gera-Greiz.

Tonnenweise Schlachtabfälle

Auf der Deponie in Gommla wurde bislang der Luderplatz betrieben.

„Im ersten Jahr beförderte man auf diese Weise zwei Tonnen auf die Fläche. Im zweiten Jahr wurden es schon fünf Tonnen und im dritten Jahr 13,7 Tonnen! Zurzeit sind es nach Angaben von Andreas Martius ungefähr 500 Kilogramm pro Woche.“ Die Schlachtabfälle sollen von einem regionalen Hofladen mit eigenem Schlachtbetrieb stammen, in dem angeblich keine Tiere aus industrieller Haltung vermarktet werden. Eigentümer der Deponiefläche in Gommla, auf der auch eine große Solaranlage steht, ist der Abfall-Wirtschaftszweckverband Ostthüringen. Eine Zustimmung für einen Luderplatzes sei erteilt worden, sagte ein Mitarbeiters des Verbandes. Nur wenige hundert Meter Luftlinie entfernt, befindet sich eine große Schweinemastanlage (4.000 Sauen).

Deponie-Gommla-Solar © uJ

Blick auf den Kadaverplatz der Deponie Gommla: Im Hintergrund ist das Solarfeld zu sehen.

Der Luderplatz ist vom Zaun nicht einsehbar. Nur die kreisenden Greif- und Rabenvögel verraten den Standort. Der Futterplatz wird nicht nur mit Nebenprodukten von Geflügel, Fisch und Wild beschickt, wie vom Nabu-Vorsitzenden behauptet, sondern auch mit Kadavern kompletter Haus- und Wildschweine sowie Rehe. Auf den verwesten Kadavern, den herumliegenden Gedärmen und Knochen tummeln sich Tausende Fliegen. Überall krabbeln fette Maden. Der ätzende Gestank nimmt einem den Atem und kriecht tief in die Kleidung. Der riesige Aashaufen zieht Greife, Kolkraben, Krähen und Elstern aus der ganzen Umgebung an. Wie groß der Sog auf die gefiederten Beutegreifer ist, beobachtete ein Jäger bei einem Ansitz. Er zählte auf 50 Strohballen je einen Greifvogel. Diese massive Konzentration von Prädatoren hat spürbare ökologische Folgen in den angrenzenden Revieren. Nach Feststellungen von Jägern in der Region nahmen vor allem der Hasenbesatz und der Singvogelbestand spürbar ab.

unsere Jagd fragte beim Landkreis Greiz nach, ob der Luderplatz durch das Veterinäramt genehmigt wurde und ob es wirklich erlaubt sei, dort tonnenweise Schlachtabfälle abzukippen. „Ja, die Genehmigung besteht seit 13.3.2018“, erklärt Ilona Roth, Pressesprecherin des Landkreises. „Sie betrifft die Verwendung von Schlachtabfällen der Kategorie 3 der Verordnung (EG) Nr. 1069/2009 des Europäischen Parlamentes und des Rates sowie Nebenprodukte von Geflügel.“ Gemeint sind damit Schlachtkörper oder ganze Körper und Teile von Tieren, die genussuntauglich sind, jedoch keine Anzeichen von auf Mensch oder Tier übertragbaren Krankheiten aufweisen. Eine Kontrolle der Beschickung erfolge angeblich durch Mitarbeiter der Behörde und zwei Überwachungs- bzw. Wildkameras. Eine zeitliche Befristung für die Betreibung des Luderplatzes bestehe nicht. Ebenfalls sei keine Begrenzung der Schlachtabfallmengen vorgegeben. „Sie schwankt je nach Anfall und Jahreszeit. 500 Kilogramm fallen in der Vorweihnachtszeit eher an als im Sommer“, gibt die Sprecherin des Landkreises an. Die Höchstmengen im Winter? Das lässt sich nicht nur Ornithologen aufwerfen. Denn in dieser Zeit haben die Rotmilane die heimischen Brutreviere längst gen Süden verlassen. Dafür dürften sich Kolkraben, Aaskrähen und Elstern an der opulenten Fütterung umso wohler fühlen. Mit Artenschutz habe das alles wenig zu tun, eher mit billiger Entsorgung, bringen es Kritiker auf den Punkt. Interessant ist auch: Die Untere Jagdbehörde des Landkreises hatte bis dato von dem „Naturschutz-Projekt“ keinerlei Kenntnis!

Greifvogelexpertin warnt

Aasgeruch: Im Umfeld der „Greifvogel-Fütterung“ stinkt es zum Himmel. Das lockt nicht nur Vögel an.

Marika Schuchardt, die jahrelang ein Rotmilan-Projekt betreute, erklärt: „Der Rotmilan ist ein Nahrungsgeneralist. Zu seinem Nahrungsspektrum gehören vor allem Mäuse, Vögel, Fische, Aas aber auch Amphibien und Käfer. Von daher findet er in einer einigermaßen strukturierten Landschaft ausreichend Nahrung. Eine Fütterung ist in keinster Weise erforderlich. Erst recht nicht eine Fütterung an einem zentralen Ort und in dieser Größenordnung. Das ist nicht nur aus tierseuchenrechtlicher, sondern auch aus ökologischer Sicht äußerst problematisch.“ Der Landkreis sieht trotz der grassierenden Afrikanischen Schweinepest (ASP) in Deutschland keinen Handlungsbedarf, über die Genehmigung des Luderplatzes neu zu entscheiden. Auf eine entsprechende uJ-Anfrage heißt es profan, die Voraussetzung für die Sicherheit des Platzes gegen Unbefugte und Wildschweine sei durch die Umzäunung der Deponie gegeben. Von daher bestehe keine Gefahr. Absolut wilddichte Umzäunung?

Kadaver-nah © uJ

Hier verwest ein ganzes Schwein. Der Boden ist von einer schmierigen Fettschicht überzogen.

Da scheint die Behörde nicht auf dem Laufenden zu sein. Jäger haben häufig Rehwild und Füchse auf der Deponiefläche gesichtet. Und für Waschbären und Marder stellt der Zaun ebenfalls kein Hindernis dar. Auffallend zurückhaltend und wortkarg fällt die Position des Thüringer Bauernverbandes aus. „Wir vertrauen auf die Rechtmäßigkeit der Genehmigung durch das Veterinäramt und deren ständige Kontrolle, dass von der Fütterung mit Schlachtabfällen keine ASP-Gefahr ausgeht“, erklärt Daniel Küssner vom Bauernverband. Ob so viel Gottvertrauen von den Landwirten in Thüringen mitgetragen wird, darf stark bezweifelt werden.

Man ist offensichtlich nicht gewillt, das Verfüttern von Schlachtabfällen einzustellen. Ganz im Gegenteil: Der Naturschutzbund will seine „Forschungen“ sogar noch ausweiten, stellt Pressesprecher Erhardt klar. Jäger Wolfgang Schmeissner warnt empört: „Solche Freilandversuche in der gegenwärtigen, hochbrisanten Seuchensituation sind unverantwortbar.“
Dr. Astrid Sutor, Referentin für Artenschutz und Prädatoren-Management beim Deutschen Jagdverband (DJV), hält das Projekt ebenfalls für falsch verstandenen Naturschutz. „Ein Luderplatz mit diesen Unmengen von Futter wirkt wie ein Magnet. Und nicht nur für Greifvögel, sondern auch für Nichtbrütertrupps von Rabenvögeln und Raubsäuger aus der Umgebung“, erklärt die Biologin. Das könne erhebliche Auswirkungen auf die Bestände der Bodenbrüter, Niederwild, Kleinsäugerarten und seltene Reptilienarten haben. „Artenschutz auf Kosten anderer Arten sei definitiv kein Konzept“, bringt die Biologin ihre Kritik auf den Punkt.


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