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Seuchengefahr ignoriert

Das Gelände der Sielmann-Stiftung ist zwar vollständig eingefriedet, durch die in den Zaun integrierten Sauklappen kann Schwarzwild aber aus- und einwechseln. Foto: Stephan Elison © Stephan Elison

Etwa 40 verendete Wildschweine waren auf dem Gelände bei Berlin von Mitarbeitern der Sielmann-Stiftung, der das Gelände gehört, aufgefunden worden. Es ist davon auszugehen, dass weiteres Fallwild unentdeckt blieb, denn der 3600 Hektar große ehemalige Truppenübungsplatz ist durch Munitionsaltlasten noch immer massiv kontaminiert.
Die Diagnose des Veterinäramtes des Landkreises Havelland klingt durchaus beunruhigend: Die Tierkörper waren abgemagert und ausgetrocknet und von multiplen Abszessen befallen. Außerdem liegt der Verdacht auf Pseudotuberkulose vor. Besonders bedenklich: Mit Sarkosporidien und dem Corynebakterium, dem Erreger der Pseudotuberkulose, können sich auch Menschen infizieren.
Sielmann-Stiftung und Landkreis Havelland reagierten sofort und trommelten die Jagdausübungsberechtigten aus der Döberitzer Heide und den angrenzenden Revieren zu einer Informationsveranstaltung zusammen. Vor etwa 40 geladenen Jägern schilderte die zuständige Amtstierärztin die Situation und beriet über notwendige Hygienemaßnahmen wie das Tragen von Gummihandschuhen beim Kontakt mit Wild oder Fallwild. Jäger aus den umliegenden Revieren gaben bei der Versammlung zu Protokoll, dass in der Umgebung bereits Sauen mit ähnlichen Symptomen zur Strecke gekommen oder tot aufgefunden worden waren.
Von so viel Offenheit und Transparenz können die Jäger auf Potsdamer Gebiet nur träumen. Die Döberitzer Heide liegt im Landkreis Havelland. Aber für den schmalen Streifen zwischen dem ehemaligen Truppenübungsplatz und der Stadt Potsdam ist letztere zuständig. Die Potsdamer Jäger wurden nicht informiert und gingen munter weiter zur Jagd, hatten möglicherweise Kontakt zu infizierten Tieren.
Die Pressesprecherin der Landeshauptstadt weist jede Verantwortung weit von sich. Weder vom Landkreis Havelland, noch von der Sielmann-Stiftung seien die zuständigen Behörden über den Verdacht einer Tierseuche informiert worden. Erst Ende Februar habe die Untere Jagdbehörde der Stadt von den Vorgängen erfahren - durch einen Jäger.
„Auch von einer „Verstimmung der Jägerschaft auf Potsdamer Seite“ ist der Pressesprecherin nichts bekannt. Merkwürdig, denn auf der Delegiertenversammlung des Jagdverbands Potsdam am 26. März äußerte dessen Vorsitzender Mario Gersonde seinen Unmut über die Informationspolitik der Potsdamer. Doch warum verging nach dem Hinweis des besorgten Weidmanns noch ein Monat, ohne dass die Jägerschaft informiert wurde? Auch dafür hat die Potsdamer Pressesprecherin eine Erklärung bereit: Durch Rückfrage beim Veterinäramt des Nachbarkreises habe man erfahren, dass gar keine Tierseuche vorliege, die Tiere seien vielmehr an „Nahrungsmangel und Räude“ verendet. Deshalb habe man keine weiteren Maßnahmen für erforderlich gehalten.
Was stimmt nun? Seuche oder nicht Seuche, das ist hier die Frage. RJE