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Schnaps, Bier & Wein...das lass sein!

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Montag, 03.09.2012 - 12:31
Der Promillepegel wurde bei den Versuchspersonen zusätzlich mit dem Alkomat überprüft. Foto: JD © JD
Der Promillepegel wurde bei den Versuchspersonen zusätzlich mit dem Alkomat überprüft. Foto: JD

In früheren Jahren war es guter Brauch und eigentlich eine Selbstverständlichkeit: Bei Drück- und besonders auch Treibjagden offerierte der Jagdherr zur Begrüßung erst einmal eine „Stärkung“. Ob Korn, Obstler oder Kräuterschnaps war eher eine regionale Frage, aber ein oder zwei Stamperl „Zielwasser“ mussten schon sein. Zur mittäglichen Erbsensuppe gehörten ein, zwei Bierchen oder ein ordentlicher „Rum mit Tee“ und so Mancher hatte für den Fall möglicher Kälteeinbrüche einen gut gefüllten Flachmann im Rucksack und ließ diesen zwischen den Treiben kreisen. Dass dabei dann der eine oder andere Jäger mehr intus hatte, als für den sicheren Umgang mit der Waffe eigentlich zuträglich war, kann man sich denken.

Mittlerweile haben sich die Zeiten deutlich geändert. Die niedrige Promillegrenze – in Kombination mit zu Recht drakonischen Strafen – im Straßenverkehr hat dazu geführt, dass auch bei Gesellschaftsjagden der Alkoholkonsum weniger geworden ist. Aber selbst von einem einzelnen alkoholisierten Schützen können – wie die folgenden Erkenntnisse beweisen – genug Gefahren ausgehen. Ganz abgesehen davon, dass bei Unfällen der Ruf der Jägerschaft in Mitleidenschaft gezogen wird. Es ist jedoch keine neue Erkenntnis, dass die Gefahr eines Fehlverhaltens steigt, wenn Alkohol im Spiel ist – dies gilt auch für den Jagdbetrieb. Dabei muss nicht nicht unbedingt ein spektakulärer Unfall passieren, wie der Schuss auf andere Jäger. Durch sorglosen Umgang mit der Waffe oder einen Sturz von der Hochsitzleiter ist auch ein Risiko für die eigene Gesundheit gegeben. Aber da bei Jagdunfällen, speziell wenn die Schusswaffe mit im Spiel ist, die Polizei eigentlich immer den Blutalkoholwert überprüft, wollte die PIRSCH-Redaktion einfach mal wissen, ob und wie sich das allgemeine Verhalten, der Umgang mit der Waffe, aber auch die Schießfertigkeit mit zunehmendem Promillepegel verändert.

Ein solcher „Feldversuch“ musste selbstverständlich unter Beachtung strengster Sicherheitsregeln ablaufen. Der Schießstand Hattenhofen war, nachdem zuvor eine Sondergenehmigung von der zuständigen Stelle beim Landratsamt Fürstenfeldbruck erteilt worden war, an einem Nachmittag ausschließlich für die PIRSCH reserviert. Hierfür sei den Betreibern, Doris Grauer und Ernst Paus, ganz herzlich gedankt. Ferner wurde vorsichtshalber eine zusätzliche Haftpflichtversicherung (Personen-/ Sachschäden) bei der Gothaer abgeschlossen. Die Handhabung der Waffen reglementierte sehr streng die Standaufsicht.

Das sagt die Medizin

Nach dem dritten Schießdurchgang nahm Dr. Peschel (l.) von den Testpersonen Blutproben. Foto: JD

Selbstverständlich musste ein solcher Versuch unter ärztlicher Aufsicht stattfinden. Die medizinische Betreuung, Überwachung und Auswertung der Blutalkoholwerte übernahm Dr. Oliver Peschel, Gerichtsmediziner und selbst Jäger.
Der Mediziner unterscheidet verschiedene Stadien der Alkoholisierung, deren AuspräAusprägung sehr stark von der Gewöhnung der jeweiligen Person an Alkohol abhängig ist. Alkohol, genauer Ethylalkohol beziehungsweise Ethanol, ist wohl das am häufigsten konsumierte Suchtgift bundesweit, wenn nicht weltweit, und nahezu jeder hat mehr oder weniger intensive Erfahrungen mit Alkohol. Dennoch ist vielen nicht bekannt, dass Personen, die nie zuvor in ihrem Leben Alkohol konsumiert haben, bereits bei geringen Mengen, wie zum Beispiel einer „Halben“ Bier oder einem kleinen Glas Wein eine so erhebliche Rauschsymptomatik entwickeln, dass sie von Dritten als „erheblich betrunken“ beschrieben werden.

Dass die meisten Menschen Alkoholmengen, die bis zu 0,5 bis 1,0 Promille führen, relativ gut und ohne allzu große Ausfallserscheinungen vertragen, ist also ausschließlich ein Effekt individueller Alkoholgewöhnung und Toleranzbildung. Bei Alkoholikern kann dies so weit gehen, dass selbst eine Blutalkoholkonzentration (BAK) von zwei bis drei Promille so gut toleriert wird, dass nach außen hin ohne differenzierte Untersuchungen kaum eine Beeinträchtigung erkennbar wird, obwohl bei weniger alkoholgewohnten Personen schon ab etwa zwei Promille tödliche Alkoholvergiftungen beobachtet werden. Durchschnittlich alkoholtolerante Personen erreichen in der Regel „nur“ Blutalkoholkonzentrationen bis etwa zwei Promille, da meist schon vorher Vergiftungserscheinungen mit vegetativen Störungen, die oft zum Erbrechen führen, eine weitere Alkoholaufnahme und damit noch höhere BAK-Werte verhindern. Allerdings ist bei diesen Personen auch schon bei 0,5 bis 1 Promille, also in den Konzentrationsbereichen, die im Verkehrsstrafrecht bereit zu Sanktionierungen führen, eine erhebliche Rauschwirkung subjektiv und objektiv wahrnehmbar. Ist dies nicht der Fall und werden BAK-Werte bis etwa 1,5 Promille ohne merkbare Beeinträchtigung toleriert, so muss der Mediziner zumindest von einem bedenklichen Trinkverhalten mit Tendenz zum Alkoholmissbrauch ausgehen. Es gibt jedoch ein Reihe von funktionellen Beeinträchtigungen, die zum Beispiel erheblichen Einfluss auf die Fähigkeit, mit einem Fahrzeug oder einer Schusswaffe sicher umgehen zu können, nehmen, ohne dass eine Person äußerlich als stark betrunken auffällt. Im ersten Stadium der „Alkoholintoxikation“ (Alkoholvergiftung) kommt es zu den allseits bekannten und beim Alkoholkonsum gewünschten Effekten einer so genannten zentralen Enthemmung mit Fröhlichkeit, ausgelassener Stimmung, Zwanglosigkeit, Euphorie und Selbstüberschätzung. Durch die Erweiterung von Blutgefäßen entsteht eine Rötung der Haut und der Augenbindehäute und ein allgemeines Wärmegefühl. Eine erregende Wirkung auf Zentren des Gehirns führt zu gesteigerter Atmung und Motorik sowie zu Reflexsteigerungen.

Besonders problematisch ist, dass es im Gegensatz zu der subjektiv als gesteigert empfundenen Leistungsfähigkeit bereits bei geringen BAKWerten ab 0,3 Promille zu einer Verzögerung der Reaktion und zum Nachlassen von Aufmerksamkeit und Konzentration kommen kann. Bei etwas höheren BAK-Werten (etwa ein Promille) kommen dann Störungen des Sehvermögens hinzu, die sich unter anderem in einer Einengung des peripheren Gesichtsfelds mit der Folge eines so genannten Tunnelblicks äußern. Ferner leidet die Fähigkeit, Objekte mit dem Auge zu fixieren, die Sehschärfe und die Irritierung des Auges durch Beleuchtungswechsel (Blick ins Helle oder Dunkle) nimmt zu. Weiterhin kommt es zur Abschwächung des Farben- und Tiefensehens.


Folgen im Jagdbetrieb

Übertragen auf die Anforderungen im jagdlichen Alltag, sei es auf einer Ansitz- oder einer Drückjagd, bedeutet dies, dass infolge der Überschätzung der eigenen Leistungsfähigkeit der eine oder andere Schuss abgegeben wird, den der nüchterne Jäger mit der Fähigkeit zur raschen und kritischen Situationserfassung nicht abgegeben hätte. Die Reaktionsfähigkeit spielt gerade dann eine Rolle, wenn plötzlich auftretende Änderungen der Situation, etwa das Erscheinen oder nur das Rufen eines Treibers oder ein aus der Entfernung herannahender Fußgänger, eine rasche Reizaufnahme, -verarbeitung und Umsetzung in eine adäquate Handlung erforderlich machen. Die Störungen der Sehfähigkeit können nicht nur dazu führen, dass zum Beispiel Wild falsch angesprochen oder die Position und Entfernung des Wildes falsch eingeschätzt wird, sondern auch dazu, dass beim Auftreten eines Tunnelblicks selbst zielnahe Objekte oder Personen (günstigstenfalls ein Baum, ungünstigstenfalls ein Treiber) überhaupt nicht wahrgenommen werden. Im fortgeschrittenen Stadium der Alkoholisierung kommen schließlich motorische Probleme beim Gehen und Stehen sowie Sprachstörungen und verminderte Geschicklichkeit hinzu, die in Kombination mit Verminderung der Konzentrations- und Merkfähigkeit gerade in dem sicherheitssensiblen Umgang mit Schusswaffen (Ist die Waffe geladen? Ist die Waffe gespannt oder gesichert?) tödliche Folgen haben können.

Der Trinkversuch

Bei einer zünftigen Brotzeit schmeckte das süffige Bier und der Obstler vorzüglich. Foto: D. Grauer

Die Wirkungen von Alkohol und die komplexen Situationen, in denen solche Beeinträchtigungen zum Tragen kommen, sind so facettenreich, dass einzelne Untersuchungen nie die gesamte Bandbreite des Beeinträchtigungsprofils darstellen können. Wir haben uns deshalb beim „Jäger-Trinkversuch mit kombiniertem Schießen“ nur auf die Untersuchung der Alkoholwirkung bei der Schussabgabe beschränkt. Vier Testpersonen (siehe Kasten), drei Jäger und eine Jägerin, „durften“ ab dem frühen Nachmittag nach Belieben, aber unter ärztlicher Aufsicht, süffiges Maisacher Bier und Obstschnaps konsumieren, bis Blutalkoholwerte um 1,6 Promille erreicht waren. Zuvor gab’s eine zünftige Brotzeit und auch zwischendurch stand Kräftiges und Süßes zur Stärkung bereit.

Nach einer Eingangs-Schießrunde (Disziplinen siehe Kasten auf vorhergehender Seite) in nüchternem Zustand wurde einmal bei rund 0,8 und einmal bei der maximalen Promillezahl geschossen. Dabei zeigte sich schon bald der Effekt, Alkohol nicht wesentlich schlechter wurden – denn wer nüchtern schon nichts trifft, wird sich auch unter Alkohol nicht verschlechtern können. Allerdings war deutlich zu sehen, dass vorher zwar nicht gut, aber kontrolliert geschossen wurde, während unter Alkohol die Keilerscheibe schon zwei Mal fast in der Deckung verschwunden war, als der Schuss einige Meter vor dem Ziel in den Sand ging. Bei der Schussabgabe auf die Wurftaube verstrich so viel Zeit, dass der Schütze die Taube eigentlich gar nicht mehr gesehen haben kann.
Während bei einer mittleren Alkoholisierung um 0,8 bis 1,0 Promille die Schüsse auf die Rehbockscheibe zwar zum Teil erheblich verspätet und manchmal schon im Dunkeln (die Scheibenbeleuchtung wurde wechselnd an- und abgeschaltet) abgegeben wurden, aber die Streukreise noch relativ passabel waren, nahm deren Streuung bei der hohen Alkoholisierung um 1,6 Promille beträchtlich zu. Zwar wäre der Rehbock wohl immer noch im Feuer gelegen, es war aber auch viel weniger Leistung gefordert als im realen Jagdbetrieb. Schließlich musste der Bock weder angesprochen noch musste kontrolliert werden, ob er auch tatsächlich breit steht – von einer Prüfung des Hintergrunds ganz zu schweigen.

Schützen-Verhalten

Eine der Testpersonen, ein sehr geübter Kugelschütze auf bewegliche Ziele, der nüchtern die drei Schuss auf den Keiler noch in einen Streukreis von fünf Zentimeter gesetzt hatte, vergrößerte seinen Streukreis bei 0,8 Promille schon auf 15 Zentimeter und bei 1,6 Promille auf ganze 25 Zentimeter. Beim Tontaubenschießen kam es zu teilweise dramatischen Leistungseinbrüchen. Hier wurde auch die individuell stark unterschiedliche Fähigkeit, Leistungsstörungen zu kompensieren, deutlich. Während einer der wirklich geübten Schützen merkte, dass weder Reaktion noch motorische Fähigkeiten für ein einigermaßen tragbares Ergebnis ausreichten, aufgab und sich willenlos in sein Schicksal fügte, kämpfte der andere, versuchte, sich maximal zu konzentrieren und sauber zu schießen. Bei insgesamt deutlicher Verschlechterung hat er alle Tauben um einige Meter später beschossen als in der „Nüchternrunde“ und er wäre, hätte ihn nicht die umsichtige Standaufsicht festgehalten, mehrfach umgefallen, noch bevor er die Tontaube hätte beschießen können.

Dies alles tat aber der guten Stimmung, die, wie zu erwarten, durch den Alkohol deutlich gelöst war, keinen Abbruch. Die eine Testperson etwas stiller und sinnierend, die andere lautstark, selbstbewusst und manchmal auch verbissen, jede hat sich im Rahmen ihrer noch mobilisierbaren Fähigkeiten Mühe gegeben. Nach Abschluss der Versuchs – alle Testpersonen hatten ein ausdrückliches Fahr- und Jagdverbot bekommen und mussten von Freunden oder Partnern abgeholt werden – kam jeder zu dem Schluss, dass Alkohol und Schusswaffen nicht zusammengehören, auch wenn es auf mancher Gesellschaftsjagd noch so verlockend sein mag. Nach Beendigung der Jagd kann der gute Schluck auch guten Gewissens genossen werden, wenn sichergestellt ist, dass keine Autofahrt mehr ansteht, die genauso Leben (und Jagdschein) gefährden kann.
Noch ein paar Worte zu einem Risiko, das von vielen unterschätzt wird – der Restalkohol. Auch nach einem feuchtfröhlichen Abend mit reichlich Alkohol, kann die BAK am nächsten Morgen noch so hoch sein, dass die motorischen wie Wahrnehmungsfähigkeiten erheblich eingeschränkt sind. Wer beispielsweise um zwölf Uhr nachts mit 1,5 Promille ins Bett geht, kann am nächsten Morgen noch durchaus mehr als ein Promille im Blut haben! Die objektiven Einbußen werden nach einer kurzen Nacht oft gravierend unterschätzt.

Finger weg vom Alkohol

Tragische Unfälle aus dem Jagdbetrieb zeigen, dass Alkoholkonsum bei der Jagd zuweilen problematische Konsequenzen haben kann. Ob dabei unter Jägern, verglichen mit der so genannten Durchschnittsbevölkerung, ein besonderer Hang zum Wirtshaus und zum Alkohol besteht, kann dahingestellt bleiben. Tatsache ist, dass Jägern aufgrund ihrer privilegierten Stellung in der Erlaubnis zum Führen von Schusswaffen die besondere Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit zuteil wird, spätestens wenn es zum Schusswaffengebrauch unter Alkohol kommt. Dabei muss es nicht immer der schwere, gegebenenfalls vermeidbare Unfall auf der Jagd sein, auch Familienstreitigkeiten oder eine Silvesterknallerei sorgen sofort für ein überregionales Echo in der Presse und führen oft zu juristischen Konsequenzen. Deswegen – Finger weg vom Alkohol bei der Jagd.
Dr. Oliver Peschel
Jost Doerenkamp


TESTPERSONEN
  1. weiblich, Alter 63, Gewicht 60 kg, gute Kugel-, mäßige Flintenschützin
  2. männlich, Alter 50, Gewicht 88 kg, exzellenter Wettkampfschütze mit Kugel und Flinte
  3. männlich, Alter 43, Gewicht 92 kg, guter Kugel-, passablrt Flintenschütze
  4. männlich, Alter 32, Gewicht 72 kg, guter Kugel- und sehr guter Flintenschütze
DAS SCHIESSEN
  1. 100 m sitzend aufgelegt auf Die PIRSCH-Rehbock-Organscheibe, (innerhalb von 20 Sekunden wurde die Scheibe pro Schuss fünf Sekunden beleuchtet), 5 Schuss
  2. "laufender Keiler" (DJV-Scheibe) von rechts nach links, 50 m, 3 Schuss
  3. 15 Wurftauben auf dem "Fasanenstand"


Aus Sicherheitsgründen durfte immer nur eine Patrone geladen werden. Alle Testpersonen konnten mit ihren eigenen Waffen schießen.