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Rehbock verletzt Joggerin

Der aggressive Rehbock konnte nach einigen Tagen gestreckt werden. Foto: Dieter Lindemann



„An diesen aufregenden Urlaub werde ich mein Leben lang denken“, meinte Anne Bremenkamp aus Emsbüren (Landkreis Emsland/ Niedersachsen), die gemeinsam mit ihrem Gatten Ludger und vier Kindern an der Ostsee Urlaub in Lohme auf der Halbinsel Jasmund (Rügen) machte. „An unserem ersten Urlaubstag joggte ich auf dem Hochuferweg. Auf einem Mal hörte ich ein Geräusch, drehte mich um und sah einen Rehbock etwa sieben Meter entfernt auf dem Weg stehen. Ich freute mich noch über diesen schönen Anblick und wollte weiterlaufen, in der Richtung vom Rehbock weg.

Ich hörte abermals Geräusche und als ich mich wieder umdrehte, stand der Bock nur zwei Meter von mir entfernt. Ich klatschte in die Hände und wollte das Tier wegscheuchen, aber statt sich zu entfernen, senkte er seinen Kopf und rammte sein Gehörn in meinen Oberschenkel. Danach senkte er wieder seinen Kopf, da bekam ich es mit der Angst zu tun. Ich packte das Gehörn mit beiden Händen, um seinen Kopf von mir fernzuhalten und habe um Hilfe gebrüllt. Ich merkte, wie das Blut am Bein herunter lief und sah auch, dass das Gehörn rot von meinem Blut war. Wie in einem schlechten Horrorfilm, dachte ich bei mir.

Da keine Hilfe kam, schob ich das Tier in Richtung einer Treppe, stieß es weg und rannte die Treppen hinunter. Ich dachte, das Tier sei weg, aber weit gefehlt, denn es lief und rutschte neben der Treppe den Hang hinunter und versuchte, mich durch das Geländer mit dem Gehörn zu treffen. Wir waren gleichzeitig unten angelangt, und wieder begann das Gerangel, aber dieses Mal auf einem schmalen Weg. Ich fürchtete schon, dass er mich den Abhang hinunter stoßen wird, dann war er auf einmal weg.“ Soweit der Bericht der attackierten Frau.
Unter Schock lief Anne Bremenkamp nach Hause.
Nicht nur ihr Mann, sondern auch der Notarzt im Krankenhaus von Bergen, konnte zunächst kaum glauben, dass die Verletzungen tatsächlich von einem Rehbock stammen sollten. Eine zehn Zentimeter lange und fünf bis sechs Zentimeter tiefe Fleischwunde am linken Oberschenkel musste genäht werden. Weitere Stichverletzungen waren vorhanden. Nach der Behandlung konnte die Urlauberin aber zum Glück wieder entlassen werden.

Sieben Menschen verletzt - Dobermann in die Flucht geschlagen<p>

Jäger Uwe Kasten hatte einiges zu tun, bis er den "Touristenschreck" schließlich doch noch erlegen konnte. Foto: Dieter Lindemann


Über 14 Tage hinweg trieb der Rehbock sein Unwesen im Bereich Lohme. Insgesamt sieben Personen griff er an, teilweise verletzte er diese so schwer, dass sie im Krankenhaus verarztet werden mussten. Der "Touristenschreck" trat besonders in den Abend- und Morgenstunden in Aktion. Nachdem die Vorfälle bekannt wurden, gingen die beiden Jäger Uwe Kasten und Fred Schneewitz auf die Jagd, um den rabiaten Bock zu erlegen. Drei Böcke streckten sie in diesem Bereich, der gesuchte Bock war zunächst aber leider nicht darunter.
„Am letzten Donnerstag, gegen 21.15 Uhr, sah ich bei der Pirsch, wie der Gesuchte einen Urlauber aus Berlin und dessen Doberman angriff“, berichtet Uwe Kasten. Das Kuriose daran ist: „Diesen Mann hatte ich am Abend vorher gewarnt. Er nahm die Warnung aber nicht Ernst und meinte, der Rehbock könne ja so schlimm wohl nicht sein, und außerdem habe er seinen Hund bei sich. Als ich dann kam, stand er kreidebleich an einem Baum und telefonierte mit der Katastrophenhilfe: Gott sei Dank, da kommt schon der Jäger", rief er ins Telefon. Er hatte den Bock mit Tritten abwehren müssen, sein Hund hatte da schon längst die Flucht ergriffen.

Aus Sicherheitsgründen konnte Uwe Kasten in dieser Situation nicht schießen. Tags darauf traf der Jäger den Bock unterhalb eines Wanderweges an. Er hatte sich niedergetan, nur das Haupt ragte aus dem Gras. Es kam zu einem Fehlschuss. Uwe Kasten pirschte die Steilküste hinab zum Strand. „Dort stand der Bock, bis zum Bauch im Wasser der Ostesee. Ich trug einen sauberen Blattschuss an“, berichtet Kasten. Der ungerade Sechserbock ist etwa fünf Jahre alt und wirkt gesund. Die Innereien wurden dem Veterinäramt zur Untersuchung übergeben. Für das ungewöhnliche Verhalten des Rehbocks findet der Jäger mehrere Erklärungen. Einerseits könnte er liebestoll gewesen sein, anderseits vermutet er, dass das Gelände des ungenutzten ehemaligen Kinderheimes sein Revier war. Seit einigen Wochen sind dort Bauarbeiten im Gange. Möglicherweise wurde er aus seinem angestammten Territorium verdrängt.


Dieter Lindemann