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Nichtjäger verurteilt: „Ich gehe mit meinem Hund zur Jagd“

Phil Kahrs © Phil Kahrs
Phil Kahrs
am
Sonntag, 05.06.2022 - 15:31
Bock-gerissen © Gina Steinke
Der gerissene Bock musste von der Polizei erlöst werden.

„Heutiges Fach: Verhalten am Hochwasser führendem Gewässer und Vorstehen am Bisam“, heißt es in einem Facebook-Beitrag von Andreas F. Was hier als ein im Internet geteilter, privater Trainingsmoment eines Jägers mit seinem Hund anmutet, ist in Wahrheit die selbstbezeugte Straftat eines verurteilten Wilderers. Unter dem Nutzernamen „Sores Andy Felber“ verbreitet Andreas F. in diversen Facebook-Gruppen Bild- und Videomaterial zur Arbeit mit seinem kleinen Münsterländer „Sores“ am lebendigen Wild. Dabei besitzt Andreas F. keinen Jagdschein. „Das geht schon seit Jahren so“, erklärt Lars Kocea, Pächter eines Niederwildrevieres in Nordrhein-Westfalen an der Grenze zu Niedersachsen. „Endlich konnte ich nun etwas unternehmen!“ Der Jäger hatte Andreas F. wegen Wilderei und Tierquälerei angezeigt, nachdem sein Hund „Sores“ in dem Revier von Lars Kocea einen Rehbock gerissen hatte. Das Ergebnis: eine Verurteilung zu 50 Tagessätzen zu je 15 Euro, wie Andreas F. in einem Facebook-Beitrag eigenständig mitteilt.

Rehbock von Hund gerissen

Der Verurteilte sieht die ganze Sache ein wenig anders. Er habe lediglich einen „laufkranken Rehbock in einem verwilderten Garten ohne Gartentor sichern“ wollen. Daraufhin sei ein Kitz geflüchtet. Dieses habe sein Hund „Sores“ dann „beim Niederziehen verletzt“, erklärt Andreas F. in einem Beitrag in der Facebook-Gruppe „Jagdhunde“. Lars Kocea lässt das nicht auf sich sitzen. Er stellt klar: das angebliche Kitz sei ein 1,5 Jahre alter Rehbock und weder laufkrank gewesen, noch hätte er einen Krellschuss gehabt. Der Hund von Andreas F. habe den Rehbock gehetzt und von der Keule bis zum Waidloch aufgerissen. Die Bilder, die Lars Kocea vorlegen kann, bestätigen seine Aussage.

Bis zum Waidloch hatte der Hund die Keulen des Bocks aufgerissen.

Die hinzugerufene Polizei musste das schwer klagende Stück erlösen. Weder die Polizei vor Ort noch den Richter in der Verhandlung konnte Andreas F. mit seinen Aussagen überzeugen, erklärt Lars Kocea. Laut Facebook-Beitrag habe man Andreas F. bei Gericht „ausdrücklich nahegelegt, diese Handlungen in der Zukunft zu vermeiden und diese Dinge einfach nur noch zu melden.“ Weiter heißt es von Andreas F. dazu: „Es ist einfach nicht meine Aufgabe, diese Dinge in fremden Revieren klären zu wollen.“

Selbsternannter Jäger?

Begibt man sich auf die Suche, findet man bei Facebook etliche Einträge, Bilder und Kommentare von Andreas F. zu der Arbeit mit seinem Hund am lebendigen Wild oder zur Aufnahme angeblich verwaister Jungtiere. In einem der Beiträge berichtet Andreas F., dass sein „Sores“ einen Bisam bereits „mit 7 Monaten abgetan“ hätte. Jägerin Gina Steinke hat mehrere Dutzend Screenshots seiner Äußerungen zusammengetragen, berichtet sie der Redaktion. Die Schweißhundeführerin wohnt im selben Dorf wie Andreas F. und weiß nach eigener Aussage schon lange um seine Taten. Für diese habe sie kein Verständnis und sie sei froh, dass nun ein juristischer Erfolg erzielt werden konnte, so die Jägerin. Das Material aus dem Internet hat Gina Steinke der Redaktion zur Verfügung gestellt. In den Beiträgen gibt Andreas F. sich immer als Jäger, das jedoch ohne explizit zu behaupten, Jäger zu sein. Die Aussage „Ich gehe mit meinem Hund zur Jagd“ unter einem Beitrag von ihm ist deutlich. Der Gebrauch der Waidmannssprache und der beschriebenen „Trainings-“ und „Suchaktionen“ lässt Unwissende in dem Glauben, es hier mit einem wahren Waidmann zu tun zu haben.

Auf dem Facebook-Profil von Andreas F. sind Bilder seines Hunds zu sehen, wie er Wild im Fang hält, darunter Stockenten und Fasanenhennen. Auch Fuchs und Hase liegen tot vor dem Hund. Ob es sich hierbei um gekauftes Schleppwild oder um Beute von Andreas F. und „Sores“ handelt, ist nicht zu erkennen. Lars Kocea erklärt, dass Andreas F. sich das Wild sowie den geschützten Graureiher ohne Genehmigung angeeignet hätte. Das Wild könnte vom Hund sogar gerissen worden sein, mutmaßt Lars Kocea. „Im Hintergrund meine ich den Uferbereich in meinem Revier zu erkennen.“ Auch seien von dort einige Wildkameras entwendet worden. „Wer das getan hat, wusste um die Kameras und hat sich diesen immer von hinten genähert“, erklärt der Revierpächter.

Verstoß gegen den Artenschutz

Der Graureiher, das geht aus einem Beitrag von Andreas F. in der Facebook-Gruppe „Wildvogelhilfe – Notfälle“ hervor, sei „soweit erstmal unverletzt“ gewesen. Dennoch hat sich Andreas F. das angebliche Jungtier angeeignet. Offensichtlich völlig verängstigt sitzt der Vogel vor dem Hund im Gras. „Das ist kein Jungtier. Hat deutliches Prachtgefieder“, versucht ihn ein Facebook-Nutzer aufzuklären. Als Nahrung für die Aufpäppelung, die laut Andreas F. notwendig sei, habe er dem Reiher Kröten besorgt. Dass zum einen Kröten nicht auf dem Speiseplan des Graureihers und zum anderen unter Artenschutz stehen, wie es ein Facebook-Nutzer zu erklären versucht, war Andreas F. trotz angeblicher Naturverbundenheit wohl nicht bewusst.

Der Post von Andreas F. ist auf seinem Instagram-Profil öffentlich einsehbar.

Auch die Frage, ob Andreas F. einen Jagdschein besäße, ignorierte dieser bei unserem Kontaktversuch. Er lässt lediglich verlauten, dass der beschriebene Fall, der zu seiner Verurteilung geführt hat, ein Konflikt zwischen ihm und dem zuständigen Jagdpächter wäre. „Wir haben einfach sehr unterschiedliche Ansichten von Jagd und Hege.“

Der Leiter des Hegering 6 – Bad Pyrmont, Hans-Joachim Böhnke, lässt sich von Gina Steinke bei Facebook zu der Angelegenheit wie folgt zitieren: „Ich finde es widerlich, wenn jemand aus niederen Beweggründen seinen Hund missbraucht, um anderen Tieren Leid zuzufügen, sie zu quälen und zu töten.“ Ob sich Andreas F. die Verurteilung wegen Wilderei und Tierquälerei zu Herzen nimmt und dem Wild in Zukunft mit seinem Hund nicht mehr nachstellen wird, bleibt zu hoffen.


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