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Fotofalle: Erstes Bild vom "Bayern-Wolf"?

Isegrim am Futterstock: Ein Jäger ist sich sicher, den "Nordalpenwolf" mit der Fotofalle "erwischt" zu haben. Foto: Herbert Gartner


Zusammen mit den Bären und Luchsen wurden die Wölfe in Bayern Mitte des 19. Jahrhunderts ausgerottet. Seither ist in Oberbayern 150 Jahre lang kein Exemplar mehr gesichtet worden. Das änderte sich im Dezember 2009 schlagartig, als gerissene Rotwildkadaver bei Bad Feilnbach, Kiefersfelden und Bayrischzell gefunden wurden und DNA-Tests bewiesen: Die Bisswunden stammen von einem Wolf. Seit über einem Jahr ist der Wolf nun schon im Gebiet von Wendelstein und Rotwand unterwegs. Er stellt Rotwild nach und reißt Schafe – mal in Tirol, mal auf bayerischem Gebiet. Die toten Tiere waren bislang die einzigen „Dokumente“ für die Anwesenheit des Wolfes. Jetzt gibt es auch die ersten Fotos, die der Tiroler Jäger Herbert Gartner dem "Oberbayerischen Volksblatt" zur Erstveröffentlichung überlassen hat.
Die Aufnahmen stammen bereits vom 15. November, bemerkt hat Gartner die „Sensationsfotos“ aber erst jetzt. Grund: Er war auf Urlaubsreise. Erst als er wieder zurückkam, sah er sich die Bilder an. Laut Kameradisplay trottete Isegrim genau um um 2.51 Uhr früh ins Bild. Turbulenter wäre es wohl geworden, wenn er ein paar Stunden früher dran gewesen wäre. Kurz vor Mitternacht fotografierte die Infrarotkamera nämlich einen Hirsch exakt an der gleichen Stelle. Die Aufnahmen hat Gartner schon mehreren Jägerkameraden gezeigt. Einhellige Meinung: „Das ist der Wolf.“ Den genauen Standort von Kamera und Fütterung will er nicht verraten. Nur so viel: „Die Fotos wurden im Bereich Thiersee/ Brandenberg gemacht, etwa vier Kilometer südlich der Landesgrenze zu Bayern.“ Ganz in der Nähe hat der Wolf nach Angaben Gartners erst vor zwei Wochen erneut ein Stück Rotwild gerissen – schon das vierte im Bereich Thiersee.

Stolze Rissbilanz im "Wolf-Erwartungsland" Bayern<p>

Diese ausgewachsene Stück Rotwild wurde im September 2010 am Ortsrand von Bayrischzell gerissen. Foto: Gemeinde Bayrischzell


Auf bayerischer Seite bezifferte Albert Göttle, Chef des Bayerischen Landesamtes für Umwelt, die Zahl der gerissene oder verletzten Tiere auf 19 Schafe sowie neun Stück Rotwild und ein Reh. Die Angriffe ereigneten sich im Gemeindebereich von Brannenburg, Bad Feilnbach, Bayrischzell, Aschau und Oberaudorf. Laut DNA-Auswertung gehen sie auf das Konto eines Rüden - also eines männlichen Wolfes - der nachgewiesenermaßen aus Italien stammt und über Graubünden in unsere Region zuwanderte. Vermutlich ist das Tier drei Jahre alt.
Das würde zu den Fotos der Wildkamera passen: „Auf einem Bild hebt er einen Haxn, da sieht man, dass es ein Rüde ist“, gibt es für Gartner keinen Zweifel: ,Der Wolf auf den Fotos ist der „Italiener“.
Jäger und Almbauern haben in Vergangenheit schon oft vor den Problemen gewarnt, die eine dauerhafte Präsenz des Wolfes mit sich bringt. Sie stellen die Frage, ob der Bergwald zwischen Tirol und Bayern dafür nicht zu dicht besiedelt ist. Dass das erste Bild des Wolfes ausgerechnet an einer Wildfütterung entstand, dürfte ihre Bedenken erhärten. Schließlich befürchten sie, das vom Wolf aufgeschreckte Rotwild könne große Schälschäden in den Wäldern anrichten.
Laut Martin Janovsky, Tierschutzbeauftragter des Landes Tirol, sind dort seit September 2009 vier genetisch bestätigte Wolfsrisse registriert worden, die auf das Konto von zwei Wölfen gehen: Neben dem „Italiener“, der am liebsten zwischen Thiersee und Bad Feilnbach auf Beutejagd geht, gibt es im Bezirk Landeck noch eine Wölfin nordosteuropäischer Herkunft: „Sie stammt aus Weißrussland, der Ukraine, Schweden oder Polen, aber definitiv nicht aus Kroatien oder Italien“, erklärte Janovsky dem "Oberbayerischen Volksblatt". An dem Gerücht, das Tier sei nicht zugewandert, sondern ausgesetzt worden, ist in den Augen Janovskys nichts dran: „Wölfe haben einen großen Aktionsradius, legen am Tag bis zu 100 Kilometer zurück.“

„Bayern ist Wolf-Erwartungsland“, meint daher auch Albert Göttle. Möglicherweise geht es nun schneller, als die Experten vermuten. Schließlich sind es von Landeck bis Thiersee nur etwas mehr als 100 Kilometer (Luftlinie). Sollten sich die Wege der beiden Wölfe irgendwann einmal kreuzen, hoffen die heimischen Jäger und Almbauern, dass der „Thiersee-Italiener“ dann zu ihr nach Landeck zieht – und nicht sie zu ihm. Ludwig Simeth