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Forst herrscht nach Belieben

Um den Fichten und Ahornen zu helfen, lassen BaySF-Förster nun Buchen sterben. Foto: privat


Um der Verjüngung aus Fichte und Bergahorn im Kreis Garmisch-Partenkirchen mehr Licht zum Wachsen zu verschaffen, hat Forstbetriebsleiter Meinhard Süß angeordnet, ehemals unterständige großkronige Buchen zu fällen oder zu ringeln. „Für einen gesunden Bergmischwald brauchen wir das Licht. Das Ringeln ist für mich forstlicher Alltag“, erklärte Süß seine Entscheidung gegenüber jagderleben. Es habe sich dabei um „keine 100 Bäume“ gehandelt, die geringelten Buchen werden als stehendes Totholz eine wichtige ökologische Funktion übernehmen, so Süß weiter. Erstaunlich ist dabei zum einen, dass der Leiter der Fachstelle Schutzwaldmanagement der Bayerischen Bergwaldoffensive, Forstdirektor Klaus Dinser, noch vor wenigen Tagen öffentlich erklärte, dass das Ringeln von Buchen ein Fehler sei, mit dem der Forst vor 60 Jahren aufgehört habe. Zum anderen war vor gerade mal 25 Jahren die Buche noch die zu fördernde Baumart. Um ihr einen Platz im Schutzwald zu ermöglichen, werden seither die Wildbestände auf ein „erträgliches“ Niveau zusammengeschossen. Im damaligen Forstamt Oberammergau waren Anfang der 1990er Jahre außerdem massenweise Fichten gefällt worden, um der Buche Luft und Licht zu verschaffen - dies verschlang viele Zehntausende von DM.
In einem etwas anderem Licht sieht die Ringelaktionen Süß‘ auch das zuständige Landratsamt Garmisch-Partenkirchen. „In der Tat sind wir nicht wirklich glücklich damit“, sagt Pressesprecher Stephan Scharf. Die Begründung: Die geringelten Buchen standen u.a. auch in sogenannten und nach der Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie (FFH) kartierten „Mitteleuropäischen Orchideen-Kalk-Buchenwäldern“. Der Zustand solcher FFH-Gebiete darf sich nach EU-Recht eigentlich nicht verschlechtern, was aber durch das Abtöten der Altbäume passieren könnte.
Entgegen dieser Begründung besteht Forstbetriebsleiter Süß auf der Feststellung, dass die betreffende Jungwaldfläche nicht als Lebensraumtyp "Mitteleuropäischer-Orchideen-Kalk-Buchenwald" ausgewiesen sei und es sich dabei weder um Schutzwald noch Schutzwaldsanierungsgebiet handeln würde.

FFH-Gebiet ist es aber dennoch. Dass der Forstbetrieb Oberammergau trotzdem rechtmäßig gehandelt hat, liegt laut Scharf an der sogenannten „Regel der Erheblichkeit“: Zuständig für dieses vermeintliche Naturschutzthema ist nämlich nicht etwa die Naturschutzbehörde Garmisch, sondern das Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (AELF) in Weilheim. Und dieses hielt dem Staatsförster Süß den Rücken frei, da es dessen Aktion als „gerade noch unerheblich“ einstufte. „Unter dem Mäntelchen der Schutzwaldsanierung steht man oft allein auf weiter Flur“, seufzte Scharf abschließend.
In der Kritik steht der Forstbetrieb Oberammergau derzeit auch in einer anderen Angelegenheit: Der genehmigte Abschussplan auf Rotwild ist in der Vergangenheit mehrmals deutlich überschritten worden (jagderleben berichtete, siehe Link unten).
CM/MW

Nachtrag 27.02.2015

Mit diesem Beitrag haben wir offenbar einen "Volltreffer" gelandet. Gleich drei "Gegendarstellungen" haben uns erreicht. Wir sehen diese zwar nicht als gerechtfertigt an, wollen sie Ihnen aber auch nicht vorenthalten.

Meinhard Süß (Forstbetriebsleiter) weißt darauf hin:
1. Die betreffende Jungwaldläche ist nicht als FFH-Lebensraumtyp „Mitteleuropäischer-Orchideen-Kalk-Buchenwald“ ausgewiesen.
2. Die betroffene Fläche ist kein Schutzwald und damit auch keine Schutzwaldsanierungsfläche.“


Unsere Meinung dazu: Es ist nicht ganz klar, auf welche Fläche Herr Süß abzielt, da er uns weder Karten noch Flurstücksnummern o.ä. dazu übermittelt hat. Es könnte jedoch tatsächlich so sein, dass Buchen nicht nur in einem "Orchideen-Kalk-Buchenwald" geringelt wurden, sondern auch in einem ebenfalls geschützten "Waldmeister-Buchenwald".
Zum Thema Schutzwald oder nicht: Um so schlimmer, wenn dabei nicht einmal ein Sanierungszweck verfolgt wird!

Markus Schmorell (AELF Weilheim) ließ uns wissen:

"Das Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten stellt fest, dass es keinerlei Wertung zur Erheblichkeit, auch keine im negativen Tenor 'gerade noch unerheblich' abgegeben hat."

Unsere Meinung dazu: Uns liegt ein schriftlicher Vermerk darüber vor, dass ein FFH-Gebietsmanager des AELF Weilheim derartiges bei einem Ortstermin erklärt habe. Es besteht für uns daher kein Anlass, an der zitierten Aussage zu zweifeln.


Klaus Dinser (AELF Kempten) wendet ein:
1. Nicht richtig ist, dass ich mich Mitte Februar zum Thema "Ringeln von Buchen" geäußert habe. Dieses Thema wurde angesprochen bei einer Sitzung des Marktgemeinderates Oberstdorf am 22. Januar 2015. Dabei ging es um die potentiell natürliche und die standörtlich angepasste Baumartenzusammensetzung der Bergmischwälder im Raum Oberstdorf. (...)
2. Die Ausführungen zur Jagd "...werden seither die Wildbestände auf ein erträgliches Niveau zusammengeschossen" wurden von mir nicht verwendet.



Unsere Meinung dazu: Die Mitteilung entspricht unseren Recherchestand, aber wir haben weder behauptet, dass sich die Aussage auf den von uns geschilderten Fall bezogen hat, noch wollten wir mit der Feststellung, dass die Wildbestände "zusammengeschossen" worden sind, Herrn Dinser zitieren.
RJE