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Bleimunition: Landwirtschaftsministerium sieht Klärungsbedarf

Hannah Reutter. © Hannah Reutter
Hannah Reutter
am
Freitag, 03.07.2020 - 16:00
Schrotmunition-Guertel © ©Helga Miller - stock.adobe.com
Deutschland hat sich vor der EU-Kommission zu Thema Bleimunition enthalten. Das Landwirtschaftsministerium möchte einen wissenschafltich basierten Ansatz – auch im Hinblick auf die Tötungswirkung alternativer Munition.

Vergangene Woche sollte die EU-Kommission über den Vorschlag der ECHA abstimmen, ob nun ein EU-weites Verbot von bleihaltiger Schrotmunition in „Feuchtgebieten“ kommt. Jedoch kam es zu keiner eindeutigen Mehrheit, weshalb die Entscheidung vertagt wurde. Unter anderem Deutschland enthielt sich bei der Abstimmung, was zu kontroversen Meinungen führte. Der Staatssekretär des Bundesumweltministerium, Jochen Flassbarth, bedauerte auf seiner Twitterseite die Geschehnisse: „Wir mussten heute Enthaltung für die schriftliche Abstimmung ankündigen. So sind die Regeln, wenn es keine Einigkeit in der Bundesregierung gibt.“ Schuld an der Enthaltung sei das Bundeslandwirtschaftsministerium.

Landwirtschaftsministerium äußert Bedenken bezüglich Tötungswirkung

Gegenüber der Redaktion gab das Bundeslandwirtschaftsministerium (BMEL) an, dass man für einen wissensbasierten Ansatz in der Frage der bleihaltigen Jagdmunition eintrete. In einem Schreiben vom Bundeslandwirtschaftsministerium an den NABU, welches der Redaktion vorliegt, gibt Ministerin Julia Klöckner an, dass der aktuelle Entwurf der EU-Kommission, viele Fragen aufwerfe, welche das BMEL noch nicht für beantwortet erachte. Weiterhin führt die Ministerin aus, dass die Alternativen zu Bleischrot, nicht unumstritten seien und geht dabei unter anderem auch auf die schlechteren ballistischen Eigenschaften sowie die schlechtere Tötungswirkung ein. Durch die verminderte Tötungswirkung  könne es dazu kommen, dass das Stück Wild nicht sofort verende und somit ein längeres und qualvolleres Verenden die Folge sei. 

Dieses Argument bringt die Ministerin auch in Zusammenhang mit der Tatsache auf, dass insbesondere invasiven Arten wie Kanadagans, Nilgans, Waschbär oder Marderhund, vor allem in den definierten Feuchtgebieten leben. Klöckner schreibt in dem Brief wörtlich: „Mein Haus geht deswegen davon aus, dass vor dem Hintergrund der herabgesetzten Tötungswirkung der alternativen Schrotmunition in Verbindung mit der sehr weiten Definition der Feuchtgebiete und der Pufferzone eine tierschutzkonforme Jagd insbesondere auf invasive Tierarten wesentlich erschwert wird. Das kann weder im Sinne des Tierschutzes noch des Umweltschutzes sein.“ 

Die europäische Chemikalienbehörde ECHA, von welcher der Vorschlag zur Abschaffung von Bleischrot kommt, schreibt auf ihrer Website, dass alternative Stahlmunition verfügbar und nicht viel teurer sei.

DJV und ÖJV kontroverser Meinung

Die Vorsitzende des Ökologischen Jagdverbandes (ÖJV), Elisabeth Emmert, gibt in einem Interview an, dass sie hinter der Abschaffung stehe. Sie schätze, dass bereits etwa jeder Vierte mit bleifreier Munition schießt. Weiterhin müsse man für eine vergleichbare Tötungswirkung einfach nur größere Kaliber und geeigneteres Material nehmen. Vielerorts würden auch „größere Gänse als die Nilgans“ mit bleifreier Munition bejagt. Allerdings sei der Ansatz einer Eindämmung von Nilgans, Kanadagans, Waschbär oder auch Marderhund durch Bejagung in den Augen des ÖJV „illusorisch“ und „nicht sinnvoll“. Emmert betont in dem Interview weiterhin auch, dass es "auch in den Landesjagdverbänden und im DJV vernünftige Leute" gäbe. Das "Problem" jedoch häufig die Funktionäre seien.

Der Deutsche Jagdverband gab gegenüber der Redaktion an, dass einige Definitionen nicht geklärt seien. So wolle die EU zusätzlich zu den sogenannten „Feuchtgebieten“ auch noch Pufferzonen deklarieren. Doch die Definitionen davon seien unklar. Weiterhin plane man laut DJV ein „vage definiertes Besitzverbot für Bleischrot, wenn Jäger sich in Feuchtgebieten oder in den großen Pufferzonen aufhalten.“ Dies könne zur leichten Kriminalisierung von Jägern führen und rechtliche Streitigkeiten nach sich ziehen.


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