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BJV-Präsident Ernst Weidenbusch: Interview nach 100 Tagen im Amt

Redaktion PIRSCH
am
Montag, 28.03.2022 - 10:48
Ernst-Weidenbusch-Maerz-2021 © Martin Weber
Hat sich als meinungsstarker Anpacker positioniert: Ernst Weidenbusch.

PIRSCH: Sie sind jetzt ziemlich genau 100 Tage im Amt. Wie fühlen Sie sich?

Ernst Weidenbusch: Es ist eine Herausforderung. Wir haben viele Probleme übernommen, die wir jetzt erstmal lösen müssen. Wir sehen uns derzeit im letzten Drittel.

PIRSCH: Der Bayerische Jagdverband hat sich neu aufgestellt. Wie sieht die Neuaufstellung aus, worin liegen die grundlegendsten Änderungen?

Ernst Weidenbusch: Grundlegendste Änderung ist, dass es im gewählten Präsidium klare Aufgabenzuteilungen gibt. Entsprechend werden wir auch die Ausschüsse vom jeweiligen Präsidiumsmitglied moderieren lassen. Parallel haben wir die Geschäftsstelle umstrukturiert. Auch dort gibt es klare Zuordnungen zu einem Präsidiumsmitglied und Ausschüssen. Zuständigkeiten überlappen sich also nicht mehr. Jeder kennt sein Aufgabengebiet und weiß, was er tun soll.

PIRSCH: Der BJV ist mittlerweile auch präsenter in sozialen Medien unterwegs. Man verspürt in so manchem Posting oder Video eine gesteigerte Emotionalität und Aggressivität. Teils sogar Polemik. Was verfolgt der BJV mit dieser Strategie?

Ernst Weidenbusch: Aggressivität würde ich das nicht nennen, sondern Empathie für die Jagd. Das, was z.B. der ÖJV und die Forstpartie an Gegenwind spüren, empfinden sie deshalb als aggressiv, weil es das vorher nicht gab.

PIRSCH: Aber läuft man da nicht Gefahr, Mitglieder zu verschrecken?

Ernst Weidenbusch: Die Strategie, der Regelung „Wald vor Wild“ in der Gesetzgebung zuzustimmen und zu glauben, dass man mit dieser Konzilianz vorwärtskommt, hat sich nicht bewährt, sondern ist ins Gegenteil umgeschlagen. Das Entgegenkommen des BJV ist ausgenutzt worden.

PIRSCH: Also sehen Sie kein Abflachen der Wald-vor-Wild-Diskussion?

Ernst Weidenbusch: Die Diskussion muss auf Argumente von beiden Seiten konzentriert werden. Dann wird es auch ein Ergebnis geben. Bislang hatte der BJV schlichtweg nicht argumentiert.

PIRSCH: Was genau meinen Sie damit?

Ernst Weidenbusch: Der BJV hat die Erfolge nicht verwendet, um sie überregional umzusetzen. Kluge Jagdstrategien, Äsungsflächen und Wildäcker bewirken, dass wir einen klimaresistenten Wald hochbringen und gleichzeitig Wild erlebbar lassen. Solche Beispiele hätten wir viel intensiver mit den BaySf, den Waldbesitzern usw. diskutieren sollen, um sie bayernweit umzusetzen. Diesen Prozess holen wir jetzt nach.

PIRSCH: Der ÖJV hat es geschafft, an den wichtigen Stellen gehört zu werden. Was kann der BJV tun, um das auch wieder zu erreichen?

Ernst Weidenbusch: Der ÖJV gibt nur eine Hälfte der Wahrheit bekannt. Wir erzählen jetzt die andere Hälfte und sorgen dafür, dass die Diskussion beginnt.

PIRSCH: Zurück zum Verband: Es soll einen Standort Nord geben?

Ernst Weidenbusch: Wir sind da gerade in der Klärungsphase. Wenige Kreisgruppen sagen, man brauche den nicht. Viele andere machen uns Angebote. Wir diskutieren derzeit, was der beste Standort wäre.

PIRSCH: Widerspricht das nicht dem Wahlversprechen vom Team Zukunft, die Kosten der Zentrale geschickter einzusetzen, um mehr Gelder an die Kreisgruppen ausschütten zu können?

Ernst Weidenbusch: Eine Geschäftsstelle Nord ist nicht mit Mehrkosten verbunden.

PIRSCH: Ihnen war das Thema Offenheit und Transparenz stets sehr wichtig. Was wurde bislang dafür getan und wie kommt es an?

Ernst Weidenbusch: Die sichtbarste Maßnahme ist, dass wir Präsidiumssitzungen für die Kreisgruppen live übertragen. Personalfragen natürlich ausgenommen. Der Bedarf scheint da zu sein, da wir beispielsweise auch nach fünf Stunden Sitzung immer noch 89 von 158 Kreisgruppen als Zuschauer hatten. Auch hier in der Geschäftsstelle gibt es keine Geheimnisse mehr. Wir sind ein Mitglieder-finanzierter Verband, da ist Transparenz wichtig.

PIRSCH: Wäre so eine Sitzung auch komplett öffentlich denkbar?

Ernst Weidenbusch: Für die Allgemeinheit: Nein. Für alle Mitglieder – ja! Der Plan ist vorhanden, wir holen derzeit Kosten bezüglich der benötigten Technik ein.

PIRSCH: Sie möchten auf Naturwaldflächen – also Staatsforstflächen, die außer Nutzung genommen werden – das Jagdmanagement übernehmen. Ministerin Kaniber hat das im Vorfeld als fraglich deklariert. Gegenüber dem „BR“ haben Sie dieses Vorhaben aber vor Kurzem wiederholt. Wie ist der Stand der Dinge?

Ernst Weidenbusch: Da gibt es keinen neuen Stand. Die Akutthemen Bundesjagdgesetz, forstliches Gutachten und Hegeschauen gingen vor. Soviel aber vorab: Wir wollen den Jägern dort natürlich nicht ihre Jagdmöglichkeit wegnehmen. Sollte die Nutzung kommen, müssen wir ein Bejagungskonzept erarbeiten, und das werden Jagdverband, beteiligte Kreisgruppen und die Jäger vor Ort miteinander entwickeln.

PIRSCH: Wäre die Rückkehr des Wolfs nicht eine Möglichkeit, die Auflösung der Rotwildgebiete nochmals anzugehen? Schließlich ist in vielen Regionen Mitteleuropas das Rotwild die Hauptbeute des Wolfs.

Ernst Weidenbusch: Man sollte diese beiden Dinge auf jeden Fall getrennt voneinander betrachten. Die Frage, wie wir mit dem Rotwild umgehen, ist nicht vorrangig abhängig davon, wie wir den Wolf behandeln, sondern eine Vernunftsfrage. Ich sehe die Beschränkung auf die derzeitigen Rotwildgebiete in Bayern aber nicht auf Dauer.

PIRSCH: Wie ist Ihr Kontakt zum Bauernverband? Lange Zeit war das Verhältnis BJV – BBV ja eher kühl.

Ernst Weidenbusch: Auf regionaler und oberbayerischer Ebene sehr gut. Pandemiebedingt sind die Kontakte zu Herrn Heidl (Präsident Bayerischer Bauernverband, Anm. d. Red.) aber bislang leider noch sehr oberflächlich.

PIRSCH: Mit der vor der Haustür stehenden ASP wird man aber schnell zueinander finden müssen, oder?

Ernst Weidenbusch: Walter Heidl und Sepp Ziegler (Präsident Bayerischer Waldbesitzerverband) sind vernünftige Menschen. Sobald es geht, werden wir uns zusammensetzen und bereden, wie wir an den Herausforderungen arbeiten können. Aus meiner Sicht sind das Problem eher die Funktionäre in den Geschäftsstellen. Dabei nehme ich meine gar nicht aus.

PIRSCH: Wo wollen Sie und der Verband in zehn Jahren sein?

Ernst Weidenbusch: In zehn Jahren würde ich gerne in der „Jagd in Bayern“ lesen, dass junge Leute wie Sebastian Ziegler, Markus Landsmann und Julia Wiese mit einem neuen Team die bayerische Jagd weiter voranbringen, nachdem wir den bayerischen Jäger wieder als den Experten im Bereich Naturschutz in der Mitte der Gesellschaft positioniert haben.

PIRSCH: Da fehlt aber der Name Ernst Weidenbusch.

Ernst Weidenbusch: Wenn es mir in zehn Jahren nicht gelungen ist, diese jungen Leute an die Spitze des Verbandes zu führen und damit den Generationswechsel vollständig zu vollführen, dann hätte ich etwas falsch gemacht.


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