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Artenschutz absurd: Langes Leid nach Wolfsunfall

Die schwerverletzte Wölfin wurde erst in der Tierarztpraxis erlöst. Foto: Büro LUPUS


„Ich war auf dem Nachhauseweg von einer Feier“, berichtet der Unfallfahrer Andreas R. der Redaktion. „Gegen 0.30 Uhr sprang mir kurz hinter dem Ortsschild der Wolf ins Auto. Ich erwischte ihn vorne links mit der Stoßstange.“ Durch die Wucht des Zusammenpralls wurde die Wölfin herumgeschleudert und prallte gegen die hintere linke Tür. An dem Audi A 2 entstand ein Sachschaden in Höhe von 1200 Euro.
„Ich wusste gleich, dass es ein Wolf war“, berichtet der Fahrer. Ein entgegenkommendes Fahrzeug hielt an. Die Insassen hatten gesehen, dass der Audi mit etwas zusammengestoßen war. „Die wollten nicht glauben, dass es ein Wolf war und gingen gucken: Das ist wirklich einer, sagten die, als sie zurückkamen – und der lebt noch!“ Der Wolf lag neben der Straße, kam aber nicht hoch und knurrte, wenn sich jemand näherte. „Das war ein tiefes Grollen, das über zwei Fahrbahnen zu hören war“, so der Fahrer. Und: „Der war unheimlich groß. Da kriegt man Respekt.“
Nach dem Unfall dauerte es nach R.s Angaben eine Stunde, bis die Polizei kam. Nach einer weiteren Stunde – mittlerweile war es 2.30 Uhr – verließ R. den Unfallort. Da lag der Wolf immer noch knurrend und leidend im Straßengraben.
Mitte Januar hatte ein Polizist im nur 20 Kilometer entfernten Senftenberg einen angefahrenen Wolf erschossen, und damit nicht nur empörte Reaktionen von Medien und Naturschützern hervorgerufen, sondern auch ein Dienstaufsichtsverfahren an den Hals bekommen. Daher kam ein Gnadenschuss aus der Dienstpistole diesmal offenbar nicht in Frage. „Mein Eindruck war, dass die Polizei den offensichtlich schwer kranken Wolf sonst schon längst erschossen hätte“, schildert Andreas R. die Atmosphäre.
Er berichtet weiterhin von „garstiger Stimmung“ unter den Beamten, von Kommunikationsproblemen und Schwierigkeiten, die zuständigen Leute zu erreichen. „Mir wurde erklärt, dass man zunächst versucht habe, einen Veterinär in Cottbus zu verständigen. Da der nicht ans Telefon ging, reiste dann einer aus Potsdam an.“ Potsdam ist gut 150 Kilometer von Drebkau entfernt. Das brandenburgische Umweltministerium dementierte diese Angaben. Es sei ein Tierarzt „aus der Umgebung“ herangezogen worden, der eine Stunde nach Unterrichtung vor Ort gewesen sei, hieß es auf Nachfrage der Redaktion.
Ilka Reinhardt vom Wildbiologischen Büro Lupus behauptet, sie könne sich nicht erinnern, wann sie am Unfallort eingetroffen sei. Auch weigert sie sich, Angaben zum zeitlichen Ablauf der Aktion zu machen. Es sei aber alles korrekt abgelaufen, beteuert die Biologin.
Der Unfallfahrer will auf Nachfrage bei der Polizei erfahren haben, dass der Wolf schließlich betäubt, in eine Tierarztpraxis gebracht und dort geröntgt wurde. Die Röntgendiagnostik zeigte laut Umweltministerium „unter anderem inoperable Splitterbrüche des rechten Oberschenkels, eine Ruptur des Hauptnervs im rechten Hinterlauf sowie eine Beckenfraktur.“
Prof. Dr. Jörg Luy, Leiter des Instituts für Tierschutz und Tierverhalten am Fachbereich Veterinärmedizin der Freien Universität Berlin äußert sich bestürzt über den Vorfall: „Diese Form emotional aufgeladenen Artenschutzes hat mit Tierschutz nichts zu tun. Wenn sich der Unfall tatsächlich so abgespielt hat, ist das eindeutig ein Fall von Euthanasieverschleppung.“ Luy plädiert dafür, geschützte Arten im Hinblick auf den Tierschutz genau so zu behandeln, wie alle anderen Arten auch. Das hieße in so einem Fall: „Licht aus, und zwar schnell.“
Luy gibt zu bedenken, dass eine Wiederauswilderung nach komplexen Heilungsprozessen nur dann möglich ist, wenn die Fitness zu 100 Prozent wieder hergestellt ist. Und dies sei im Fall erkennbar schwerer und schwerster Verletzungen schlicht nicht zu erwarten. „Bislang ist die Polizei nicht verpflichtet, ein schwer verletztes Tier zu erlösen“, kritisiert Luy. „Es wäre einfacher, wenn aus der Kann-Vorschrift ein Soll-Vorschrift würde, Polizisten den Gnadenschuss also anbringen müssten.“ Stephan Elison