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Ärger um Positionspapier

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Donnerstag, 12.05.2011 - 13:59
Erkennt Nachbesserungsbedarf: Landesjägermeister Dr. Dieter Deuschle. Foto: LJV BW © LJV BW
Erkennt Nachbesserungsbedarf: Landesjägermeister Dr. Dieter Deuschle. Foto: LJV BW

Auf dem Landesjägertag Baden-Württemberg ließ das Präsidium gegen Ende der Delegiertenversammlung ein Papier austeilen: Es handelte sich um den Aufruf des Präsidiums „Gegen die Verrohung jagdlicher Sitten“. Bei der Tagung selbst blieb zwar die große Diskussion aus, aber mittlerweile verursacht das Dokument ziemlichen Wirbel. Das Präsidium beklagt in dem Text, dass „seit einigen Jahren eine schleichende Veränderung jagdlichen Verhaltens“ zu verzeichnen sei. Hierin sei man sich mit dem zuständigen Ministerium einig. Manchen Jägern sei das „inzwischen enge Korsett gesetzlicher Vorgaben zu viel“, behaupten die Autoren des Aufrufs. Vorschriften würden missachtet oder nach eigenem Gutdünken ausgelegt. Waidgerechtigkeit werde zum Lippenbekenntnis.
Der Aufruf, der in einer Kurz- und einer Langfassung vorliegt gliedert sich in fünf Abschnitte:
  • Unter Punkt eins fordert das Präsidium die Jäger unter anderem dazu auf, gesetzliche Vorschriften einzuhalten (auch wenn sie nicht davon überzeugt sind), auf verbotene Gegenstände zu verzichten und Waffen korrekt aufzubewahren.
  • Im zweiten Abschnitt werden „sauberes Ansprechen“ und „sichere Schüsse“ angemahnt, ebenso die Teilnahme an Übungsschießen und eine regelmäßige Überprüfung der Waffe.
  • Im dritten Abschnitt ruft der LJV dazu auf, Konflikte in gemeinsam gepachteten Revieren zu vermeiden, Gesellschaftsverträge abzuschließen und Nachsuchenvereinbarungen zu treffen.
  • Unter Punkt 4 rät der LJV seinen Mitgliedern, das Töten von Haustieren zu unterlassen, auch wenn es im Einzelfall erlaubt wäre.
  • Zu guter Letzt wünscht sich der Verband, dass die Jäger dazu beitrügen, „Konflikte mit der Land- und Forstwirtschaft durch konsequente, aber nachhaltige Bejagung mit legalen Mitteln zu lösen“, sich aber auch nicht zum Schädlingsbekämpfer degradieren ließen.
Die Kritik an dem Aufruf – die sowohl im Ländle als auch in anderen Landesjagdverbänden nur hinter vorgehaltener Hand geäußert wird – entzündet sich vor allem an der Darstellungsform. Tatsächlich liest sich der Text stellenweise so, als seien Verhaltensweisen, die für die meisten Jäger Selbstverständlichkeiten darstellen – wie sorgfältiges Ansprechen oder die Durchführung von Nachsuchen – die seltene Ausnahme.
Andererseits werden Regelübertretungen und Rechtsbrüche Einzelner (wie etwa Verstöße gegen das Verbot künstlicher Lichtquellen) als Regelfall dargestellt – ein gefundenes Fressen für Jagdgegner. Selbst Landesjägermeister Dr. Dieter Deuschle räumte Nachbesserungsbedarf ein. Andererseits bestreiten auch die Kritiker nicht, dass die Jagdethik durch ausufernde Wildschäden und wieder erwachtes Schädlingsdenken zunehmend unter Druck gerät. Niemand leugnet daher, dass es sinnvoll ist, unter diesen Umständen die Maßstäbe jagdlichen Handelns aufs Neue zu formulieren und deren fortdauernde Geltung zu bekräftigen. SE

In Ausgabe 10/2011 (ab 18. Mai 2011) im Handel setzt sich die PIRSCH mit dem Positionspapier auseinander. Landesjägermeister Dr. Dieter Deuschle nimmt in einem Interview dazu Stellung.

Ethik-Positionspapier (Langfassung, PDF)
Ethik-Positionspapier (Kurzfassung, PDF)