Home Mit meinem Nachbarskind im Wald

Mit meinem Nachbarskind im Wald

Gemeinsam Jagd erleben - Autor
am
Donnerstag, 01.01.2015 - 13:44
Frau mit jungem Mädchen © gemeinsam Jagd erleben

Da wir einen ein- bis zweistündigen Ausflug planen, sehe ich das mit Blick auf ihre Standard-Softshelljacke und die Stoffhose eher kritisch und überlege mir schon während der Fahrt, was ich noch an wasserdichten Utensilien im Auto dabei habe. Im Revier angekommen, hülle ich sie gleich in meine grüne Regenjacke ein. Die Ärmel um die Hälfte hochgekrempelt reicht ihr der Regenschutz unten aber weit bis über die Knie. Ich lege ihr noch gürtelartig die zweite Hundeleine um und sie nimmt langsam wieder Konturen an. 'So los geht's', kann ich gerade noch sagen, da ist sie schon mit meinen Hunden auf dem Waldweg unterwegs und springt mit beiden Beinen schwungvoll in die erste Pfütze rein.

Wenigstens Gummistiefel trägt sie inzwischen. In der Zeit davor hat sie sich immer drei Paar Ersatzsocken mitgebracht. Wir sind noch keine 50 m gelaufen, da höre ich, wie sich ein Auto im Wald nähert. 'Auto!', brülle ich lautstark von hinten gegen das Prasseln des Regens an und spurte los, um die Dreiergruppe einzuholen und auf den sicheren Seitenrand zu bringen. Zu spät, mein Jagdherr biegt um die Kurve. Der erste Hund düst bereits in seine Richtung los, mein Nachbarskind steht winkend auf dem Weg und ich halte die Luft an und hoffe, dass er uns rechtzeitig sehen wird. Das müssen wir noch üben, denke ich mir, schließlich trage ich die Verantwortung für alle.

'Schau mal, was ich im Kofferraum dabei habe', höre ich ihn zu meinem Nachbarkind sagen. Ich bin noch dabei meinen Hund anzuleinen und hebe interessiert den Kopf, Böses ahnend, was man als Jäger so im Kofferraum spazieren fahren könnte. 'Äh, haaalt, warte mal! Sag mir zuerst, was das ist!', rufe ich von der anderen Seite des Autos. Mein Nachbarskind ist schließlich kein klassisches Jägerkind und ich weiß nicht, was sie so alles zu sehen bekommen sollte. Männer hingegen sind in dieser Hinsicht völlig unbedarft. Der Kofferraumdeckel öffnet sich bereits und trotz meines drei-Meter-Sprunges in Richtung Fahrzeugende beugt sich mein Nachbarkind bereits über den dort drin stehenden Eimer. 'Schläft der?', fragt sie. Ich habe es geahnt, werfe meinem Jagdherrn einen bitterbösen Blick zu, während ich sie beide zur Seite dränge und jetzt endlich selber in den Kofferraum sehen kann. 'Das ist ein Dachs, der ist auf der Bundesstraße überfahren worden', erzählt der Jagdherr meinem Nachbarkind. 'Cool, was machst du jetzt mit dem?', fragt sie schon. 'Ja das wollte ich euch fragen, vielleicht können wir ihn zur Anschauung für die Umweltbildung präparieren lassen.' Der Dachs gehört bei uns zu den heimischen Wildtierarten und bei Ausflügen mit Schulklassen wird er als solches natürlich vorgestellt, wir haben aber schon zwei Präparate davon. 'Zum Wegwerfen ist er jedenfalls zu schade', wende ich ein. Meiner Meinung nach sollte man Wild so gut wie möglich verwerten - so eben auch das Fell. 'Wir könnten das Fell gerben lassen', schlage ich vor. Mein Jagdherr nickt und drückt mir den Eimer in die Hand.

'Prima, macht mal! Ich muss weiter.' Er setzt sich in sein Auto und fährt los.

Ich stehe ratlos da, habe noch nie im Leben zuvor einen Balg zu Präparationszwecken von einem Tier gelöst, das muss entsprechend sorgfältig an genauen Schnittstellen geschehen. Ich telefoniere mit einem Mitjäger und bitte um Hilfestellung.

'Darf ich dabei sein, bitte?!', fragt es mich in dem Moment von unten rechts.

'Auf gar keinen Fall, das mache ich alleine!', antworte ich erschrocken. Dass sie bei der Schnittführung dabei sein möchte, damit habe ich nicht gerechnet. 'Bitte, bitte, biiiitte!!' Sie lässt nicht locker und ich fühle mich leicht überfordert.

'Wir - sollten zuerst deine Mama fragen', sage ich, in der festen Überzeugung, dass diese das ablehnen wird.

Wir vereinbaren, dass ich sie erst zu Hause absetze und mich dann bei ihr melde, wenn die 'Operation Dachs', wie sie es nennt, startet.

Kaum habe ich meine Haustür erreicht, klingelt mein Handy und ich habe ihren Vater am Telefon.

'Anika, was habt ihr vor? Was für ein Tier zerteilt ihr?'

Ich erkläre ihm kurz, dass es sich dabei um ein überfahrenes Fundtier handelt und wir es weder zerlegen noch 'zerteilen', sondern lediglich 'ausziehen' werden.

'Ach so! Ja wenn sie will, darf sie dabei sein - aber nur, wenn dir das nichts ausmacht.'

Mir macht das etwas aus, aber ich ahne noch nichts von den unsagbaren Qualitäten meines Nachbarkindes, das mir während der Prozedur eifrig Messer, Zange und Tücher reicht.

Andächtig betrachtet sie das silbrige Fell mit den schwarzen Streifen und sieht sehr zufrieden aus. 'Wie schön das ist. Und so flauschig. Da freue ich mich drauf, wenn das vom Gerben zurückkommt. Und dann haben WIR das gemacht. Und der Dachs ist nicht ganz umsonst gestorben.'

'WIR' betont sie mit Nachdruck. Sie ist immer sehr stolz auf mich - und ich bin es nicht erst seit heute auch auf sie. Gast: Michelle (11) (Beruf: Schulkind), Jägerin: Anika (38) (Beruf: Industriekauffrau)