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Von der Kritikerin zur Jägerin

junge Frau mit Jagdhund in schwarz-weiss © gemeinsam Jagd erleben

Unser Freund ist ein Jäger mit Leidenschaft, besitzt 4 Jagdhunde und hatte mich genau wie viele andere bei meinem Jagdschein unterstützt, den ich nun seit dem 18.03.2018 - endlich!-  als mein Eigentum nennen darf.Kleiner Exkurs: War ich noch vor einigen Jahren der personifizierte Anti-Jäger schlechthin (als Ex-Berlinerin sind Großstädtler nicht unbedingt bekannt für ihr Verständnis für die Jagd), habe ich mich durch mein Umfeld und nun ländlicheres Lebens doch eines Besseren belehren lassen: Die Jagd ist soviel mehr als nur Mord und Totschlag. Sie ist gelebter Naturschutz und in ihrer Praxis unentbehrlich für unseren Lebensraum! Aber, sämtliche Kommentare und Auslegungsperspektiven kann ein jeder für sich nachlesen und für gut oder schlecht bewerten. Tatsächlich ist meine mir selbst auferlegte 'Motivation' das Erlösen der Unfalltiere, welche hier leider zuhauf auf den Landstraßen zugrunde gehen.Während viele vermeintliche Tierliebhaber beim Anfahren von Wild entweder panisch die Flucht ergreifen, kopflos schreien und ihren Schrecken sowie den eigenen Schaden am Auto möglichst allen Freunden gleichzeitig mitteilen wollen, denken leider nur die Wenigsten an das Erlösen der verwundeten Tiere, für die es meist keine Überlebenschance mehr gibt oder können auch selber tatsächlich mangels Kenntnis und Befähigung nicht helfen.
Der Verantwortung nachgehen, bis zum bitteren Ende, das ist mein Motiv und Leitziel.
Zweck dieses Gesetzes ist es, aus der Verantwortung des Menschen für das Tier als Mitgeschöpf dessen Leben und Wohlbefinden zu schützen. Niemand darf einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen (§ 1 TierSchG).
Mit meinem Jagdschein habe ich also die notwendigen Kenntnisse und Fähigkeiten erlangt.
Und wenn es nur Sekunden sind, die ich dem Tier die Schmerzen nehmen kann, so sind es genau diese Sekunden, die mir bestätigen, dass das Töten von Tieren nichts Unrechtes ist. Es ist vielmehr unsere Aufgabe, nicht wegzuschauen, sondern zu helfen. Bis zum bitteren Ende. Weil uns die Verantwortung auferlegt wurde, zu helfen.
 

Zurück zur Geschichte:

Die Fahrt von unserem Dorf zum Dorf des Freundes - entlang einer jener unfallträchtigen Landstraßen - vollbracht, erreichten wir sein kleingroßen Stück Land, auf welchem sich nicht nur all unsere Hunde wohlfühlen, sondern auch meine Kinder; vielleicht auch deshalb, weil sie hier (fast!) alles dürfen und auch viele 'Leckerli' bekommen, eine andere Bedeutung für 'Schokolade'.
Während des Grillens luden wir unsere Freundin 'Juliette' hinzu, wie der besagte Freund zu meiner Feundin Julia zu sagen pflegt. Juliette und ich beschlossen kurzerhand, auf Ansitzjagd zu gehen. Gesagt, getan; den Kindern Gute Nacht gesagt, den Hund geknutscht und dem Mann Lebewohl gewünscht ging's los.
Geparkt wurde vor einem Industriegelände, das rund um die Uhr in Betrieb war.
Kaum geparkt, kam ein engagierter (neuer!) Mitarbeiter heraus, der uns aussteigen sah.
Als ich mich in Hocke gesetzt hatte, um meine Waffe auszupacken, war seine erste Frage: 'Kann ich helfen?' Er hatte die Waffe noch nicht gesehen, wollte vermutlich Erste Hilfe leisten. Juliette verneinte seine freundliche Frage und während ich mich dann umdrehte und er die Waffe sah, fragte er - offensichtlich erstaunt - 'ist die echt'?
Tja. Was soll man hierauf antworten. Natürlich reagierte ich höflichst und freundlich, dass ich Jägerin sei und dies hier unser Revier wäre. Er beantwortete daraufhin meine Frage, ob er neu wäre, mit einem 'ja'.
Wir verabschiedeten uns mit einem Waidmannsheil (sein Blick war endgültig beeindruckt), aber gut, als Frau erlebt man im Jägerlook die unglaublichsten Geschichten.
Endlich die 'Schiefe Kanzel', wie wir sie aufgrund ihrer Eigenschaft liebevoll nennen, hochgeklettert, positioniert und ausgepackt.
Für jeden hatte ich ein Fernglas mit, und nachdem die Lage sodann abgeleuchtet war und ich Juliette verzweifelt gestikulierend ein Stück Rehwild am Ende des Feldes anzeigen wollte, versuchte ich zunächst per Lagebeschreibung eine grobe Orientierung zu geben.
Nachdem wir festgestellt hatten, dass die drei dunkleren Kuscheln, die sich eindeutig vor dem gräulicheren Feld abhoben, keine Wildtiere waren - zumindest haben sie sich seit einer Stunde nicht bewegt - erspähte Juliette weiteres Rehwild am Ende besagten Feldes.
Als sie es mir zu beschreiben versuchte (ich hatte es natürlich längst erspäht, war nur auf ihre Beschreibung gespannt) waren auch prompt ihre Worte: 'Tjaaa, wie erkläre ich das jetzt am Besten...'

Zwei Frauen die sich mehrere Tage nicht gehört und gesprochen hatten, abends gemeinsam auf einer Kanzel. Nun, wir haben uns tatsächlich bemüht, leise zu flüsten, aber wir reden hier von einer Königsdisziplin!
Dennoch, wir schienen tatsächlich leise gewesen zu sein; denn es raschelte, sodass wir zugleich uns umdrehten und Reinicke erspähten; er uns dann leider auch, blieb allerdings noch einmal kurz stehen.
Meine Waffe war schon gezückt, als die magischen Worte geraunt wurden:
'Den möchtest du doch jetzt nicht etwa schießen?!?!? Der ist so süß...'
Ok. Für Aufklärung war es zu spät. Reinicke war weg und meine Augen verdreht.
Aber, verständlich; denn dies waren genau die gleichen Worte, die ich bei meinem ersten Mit-Ansitz zu meinem Mann sagte.
Es war nun bereits fast 22 Uhr als wir langsam routinierter wurden und uns gegenseitig auf diverse Auffälligkeiten eindeutiger aufmerksam machen konnten. Kurz vor 23 Uhr schrieb ich besagtem Jäger-Freund, der einst vehement beauptete, die Sauen kommen stets um 23 Uhr, dass es ja sogleich Zeit werden würde.
Leicht skeptisch und die Aussage belächelnd erstarrte unsere Mimik (es war zwar stockdunkel, aber  ich konnte das gefrorene Lächeln von Juliette direkt neben mir spüren), als es Punkt 23:03 Uhr direkt vor uns in den Kuscheln derart knackte, dass es tatsächlich die Sauen waren - pünktlich und unverkennbar!
Ich hob meine Waffe und war schussbereit, meine Halsschlagader pulsierte und das Blutrauschen war in meinen Ohren hörbar (Julia hörte aber nichts, das hatte sie mir versichert), und so saßen wir gebannt Minute um Minute regungslos da. Fünf Minuten vergingen. Dann weitere zehn Minuten. Die Sau kam nicht zum Vorschein. Und die Waffe wurde schwer und schwerer. Aber es wäre tatsächlich meine erste Sau und die Gelegenheit wollte ich mir auf keinen Fall entgehen lassen. Also hielten wir tapfer aus und warteten.
Die Hochspannung wurde durchgehend gehalten, denn es hätte ja sein können, das jeden Augenblick die Sau zum Vorschein kam. Und als wollte sie uns ärgern und bewusst hinhalten: Mehr als ein Grunzen und ordentliches Rascheln war nicht drin!

Naja, es hätte ja aber sein können...

Nachdem wir sodann parallel das Feld um uns herum noch einmal per Fernglas abgeleuchtet hatten und uns gleichzeitig über eine andere Kuschel, die plötzlich und auf einmal wie aus dem Nichts neben uns auftauchte, erschrocken haben, beschlossen wir dann lachenderweise den Jagdabend zu beenden.
Es war kurz nach 0 Uhr und ehe die Schichtarbeiter wechselten und wir uns von Neuem am Auto vielleicht hätten erklären müssen, beschlossen wir, nach Hause zu fahren und meinem Mann, der in unserer Garage noch auf uns wartete, von unserem gemeinsamen Jagderlebnissen zu erzählen.
Noch berauschender als der Sekt nach dem Ansitz war tatsächlich die Aussage von Juliette, dass sie für sich überlegt, jetzt ebenfalls den Jagdschein zu machen. Angetan von meinem Glaubensgrundsatz, aber auch von den faszinierenden Eindrücken der Natur, wäre der Jagdschein eine Bereicherung für sie.

Danke, Juliette, für diesen tollen und unvergesslichen Nachmittag und Abend!
Auf einen Neuen! Waidmannsheil! Lena-Kristina Kemper


Gemeinsam Jagd erleben - Autor Gemeinsam Jagd erleben ist eine Aktion für Öffentlichkeitsarbeit der dlv-jagdmedien und des DJV.
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