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Kein Bock

Gemeinsam Jagd erleben - Autor
am
Donnerstag, 01.01.2015 - 10:55
zwei Personen von hinten gehen durch einen Durchblick © gemeinsam Jagd erleben

Wenn ich in meiner Freizeit etwas unternehme, überlege ich vorher, was ich anziehen soll. Die coolen Freeride-Shorts zum Fahrradfahren. Den Shorty beim Segeln. Aber auf der Jagd? Muss ich grüne Tweedkleidung kaufen? Brauche ich einen Hut?'Zieh dich warm an, Kind!', sagte meine Mutter, als ich ihr von dem Vorhaben berichtete.
Meine wärmste Jacke ist eine feuerrote Segeljacke mit Reflektoren, die laut raschelt. Ungünstig, dachte ich und zog schließlich mehrere Pullis und Fleecejacken (grau, blau) an. Meine Gummistiefel - knallpink - wären völlig okay, entschied Ilka.
Unsere Lieblings-Fahrradrunde führt in Sichtweite an der Jagdkanzel vorbei. Jetzt sitze ich hier oben und sehe die Umgebung aus einer völlig anderen Perspektive. Ich glase eifrig den linken Waldsaum, die Wiese, das Niersufer und das rechte Waldstück ab. Danach tun mir die Arme weh.
Ich sehe: einen Hasen. Zwei Kaninchen. Einen Bussard. Ich höre: Vogelstimmen. Den Wind. Mindestens vier Beaufort. Ich rieche: die würzige Juniluft. Ich fühle: nach drei Stunden mein Hinterteil. Aber auch: Entspannung. Einfach dasitzen, viel Grün im Blick, den Sommerabend mit allen Sinnen aufnehmen - das ist fast schon Meditation.
Eine Woche später brechen wir erneut auf. Ich hoffe auf mehr Action. Oder, wie es wohl korrekt heißt, Anblick und Waidmannsheil. Ich steige aus dem Auto. Lautes Knacken. Zwei Armlängen von mir entfernt glotzt uns ein dickes Reh empört an und flüchtet ins Unterholz. Kaum sitzen wir auf der Kanzel, beginnt das Waldkino. Ein Fuchs steht mitten auf der Wiese im abendlichen Sonnenlicht. Minutenlang. Dann schlendert er auf einen Wassergraben zu. Das missfällt der Wuchtbrumme von Nutria-Mutter, die dort über ihre Schützlinge wacht. Sie watschelt flink zum Fuchs, bleckt ihre orangefarbenen Nagezähne und faucht ihn so lange an, bis er gedemütigt von dannen zieht. Als um viertel vor zehn die Sonne untergeht, tritt ein Rehkitz aus 'meiner' Waldseite hervor. 'Bambi!', entfährt es mir.

Die Ricke kommt hinterher, und ich beobachte die beiden verzückt, bis mir fast die Arme abfallen. Auf einmal ist er da. Ganz rechts. Der Rehbock! Vorher streckten wir die Beine aus, plauderten leise. Jetzt sitzen wir aufrecht, stocksteif und starren stumm auf das Tier.
Ilka guckt nachdenklich, reibt sich die Wange. Flüstert: 'Das ist er nicht.' Wie? Es gibt mehr als einen? Können wir nicht den nehmen? 'Theoretisch ja', sagt Ilka. Aber dieses Stück sei sehr gut veranlagt - das Gehörn sei bereits höher als die Lauscher. Diese großartigen Gene müssten weitergegeben werden. Wir lassen ihn ziehen. Oder vielmehr: weiter
rumstehen.
Nach einer Weile klappt Ilka ihr Gewehr auf und steckt die Patronen zurück in die Tasche. Wir klettern die Leiter hinunter und erstarren erneut. Wenige Meter vor uns steht ein großes, schlankes Reh. Es trabt auf uns zu. Als es uns wittert, macht es kehrt und rast laut bölkend in den Wald. Im selben Moment galoppiert ein Rehbock, der Bock, dem der Ansitz gelten sollte, an uns vorbei. Ebenfalls auf Nimmerwiedersehen in den Wald hinein.
Woche drei. Heute soll der Bock dran glauben. Nach zwei Stunden glaube ich jedoch, dass alle Tiere ausgewandert sind. Nur ein Kaninchen lässt sich dazu herab, vor unseren Augen fleißig zu mümmeln. Dann erbarmt sich eine Fuchsmutter mit ihren beiden Welpen. Ich schaue ihnen begeistert beim Umhertollen zu. Wir dürften sie jagen. Ich erinnere mich an etwas, was Ilka neulich sagte: 'Wenn Tiere einen Namen haben, mag ich sie nicht schießen.' Und ich frage: 'Guck mal, sind Puschel und Fuchsi nicht niedlich?'
Ich hatte gehofft, den Gatten mit Rehrückensteak beglücken zu können. Stattdessen bringe ich nur Sprüche mit nach Hause ('Hat der Jäger nichts geschossen, hat er frische Luft genossen.'). Immerhin: Der Bock hat keinen Namen. Und bis zum 15. Januar ist hier bei uns in NRW ja noch viel Zeit. Gast: Anette Feldmann (39) (Beruf: Journalistin), Jägerin: Ilka Dorn (Beruf: Redakteurin bei HALALI)